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Das Versprechen des 'reinen Blutes'
01.11.2010 15:55:15

Thomas Ettl


 


Der Nationalsozialismus und das Versprechen des ‚reinen Blutes’


Überlegungen zu einem Buch von Raphael Gross über die NS-Moral


 


 


In seinem Buch Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral (2010) befasst sich Gross mit den internen Bindekräften der nationalsozialistischen »Volksgemeinschaft«. Es geht ihm darum, den hohen Grad an Zustim­mung über die Analyse der geteilten moralischen Gefühle in der NS-Gesellschaft zu verstehen, in der Hoffnung, die Auseinandersetzung mit dem Thema möge eine breitere wissenschaftliche wie auch gesell­schaftliche Diskussion über NS-Moral, über ihre Geschichte und Wirkung bis in die Gegenwart hinein anregen. Die Frage der NS-Moral - der moralischen Gefühle und Leidenschaften, die das kollektiv in die Tat umgesetzte »revolutionäre Projekt« des Nationalsozialismus geprägt haben – sei bisher von der Forschung weitgehend aus­geblendet worden. Man könne die Wirkung des NS-Antisemitismus nicht verstehen, so Gross, ohne diese Grundstruktur und die Gefühle, die dabei im Spiel sind, zu beachten. Die spezifische moralische Struktur der NS-Gesellschaft, wie hat sie funktioniert, wie eine Ideologie hervorgebracht und gestützt, wie die Verbrechen nicht nur vorbereitet, sondern erst ermöglicht? Gross’ zentrale Prämisse lautet: der Komplex »NS-Moral« spiegle sich nicht nur in den Handlungen der Täter, sondern manifestierte sich ebenso in alltäglichen Äußerungen, in populären Filmen, Kinderbüchern, juristischen Texten, Briefen, Tage­bücher, Memoiren etc. Insofern regt das Buch an, einige Überlegungen aus psychoanalytischer Perspektive anzustellen, immerhin geht es um (moralische) Gefühle, um Leidenschaften, kurz um die seelische Struktur und Befindlichkeit der Menschen im Nationalsozialismus.


 


 


Universelle und partikulare Moral


 


Gross orientiert sich an Ernst Tugendhat, der Moral als System begreift, dem sich die Individuen fügen, weil sie dessen Forderungen, Verpflichtungen und Gefühle für begründet halten. Er unterscheidet zwischen universeller und partikularer Moral. Ein universelles Moralsystem lege Wert darauf, seine Normen jedem gegenüber begründen zu können. Verantwortungsvolles Handeln gründe sich auf allgemein gültigen moralischen Werten. Alle haben gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Niemand dürfe wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe benachteiligt oder bevorzugt werden.


Im partikularen Moralsystem hingegen gelten Normen explizit nur für eine bestimmte Gruppe, ohne Anspruch, für alle Menschen gültig zu sein. Extreme partikulare Moralsysteme gehen so gar davon aus, Menschen, die ihnen nicht zugehören, könnten ihre Normen und Werte gar nicht verstehen. Die Begründung moralischer Normen funktioniere in diesem System wie die Begründung von Alltagskonventionen (Kleiderordnung, Tischsitten, Anstandsregeln etc.): apodiktisch, im Sinne eines »Wir machen es so«, und rekur­rierten auf dieselben Gefühle wie moralische Forderungen: Schuld, Empörung und Groll. Während in einer universellen Moral Normen in anderer Weise emotional einge­fordert würde als das Befolgen von Konventionen, löse sich diese Unterscheidung in einer partikularen Moral immer mehr auf. Beide Systeme würden sich dadurch unterscheiden, dass die Verletzung der Norm ver­schieden geahndet wird, dass also die moralischen Gefühle anders fungieren.


Der Nationalsozialismus stelle eine besondere Form des partikularen Moralsystems dar. Wie unsere heutige Moral habe er sich auf ein System von Schuld, Groll und Empörung gestützt, habe auf Verinnerlichung von Normen gesetzt. Und wie diese sei der Nationalsozialismus auf Begründung angewiesen gewesen. In einer Situation entstanden, in der traditionelle moralische Begründungsformen unglaubwürdig geworden waren, setzte er auf Begründung durch ein höheres Prinzip. Von Anfang an sei der Nationalsozialismus bestrebt gewesen, die Bevorzugung einer bestimmten Gruppe in das moralische Bewusstsein einzuschreiben und damit andere Gruppen auszuschließen. Die Bevorzugung sei so sehr in sein System eingebaut gewesen, dass die Ein­teilung der Menschheit in »Rassen« selbst das höhere Prinzip abgab, auf das die einzelnen Handlungen und Normen sich beziehen sollten. Der Nationalsozialismus habe, so Gross, auf eine Begründung denen gegenüber verzichtet, die er ausschloss. Stattdessen habe er von Anfang an auf Gewalt gesetzt. Und während man sich bei traditi­onellen Moralen einem Gott gegenüber schämte, sich schuldig fühlte, sich in seinem Groll an ihn wandte oder ihn empört zum Zeugen und Helfer anrief, es also eine Instanz gab, die über der Gemeinschaft stand, bezogen sich diese Gefühle im Nationalsozialismus auf diese besondere Gemeinschaft selbst oder auf deren Repräsentanten, den Führer. Wer Normen verletzte, musste Schuld oder Scham vor allem gegenüber dieser Gemeinschaft empfinden.


 


 


Überich- und Ichidealsystem


 


Die Unterscheidung von universeller und partikularer Moral erinnert an die beiden innerpsychischen Werte­systeme des Persönlichkeitsmodells der Psychoanalyse: das Überichsystem und das Ichidealsystem. Ich spreche von System, weil es um die Beziehung des Ichs mal zu seinem Überich, mal zu seinem Ichideal geht.


Das Überichsystem ist mit der universellen Moral nahezu identisch, wie die Charakterisierung zeigt, die Gross für das universelle System vornimmt: Folge jemand nicht den Imperativen von Gewalt und Zwang und handle nicht ausschließlich seinen Neigungen entsprechend und könne von Zwängen des Augen­blicks Abstand nehmen, sei selbstbestimmt, innerlich und äußerlich frei, so würde man ihn als einen moralischen Menschen bezeichnen. „Wir sagen: ’Dieser Mensch folgt einer »inneren Instanz«, eben seinem Gewissen’“ (Gross, 206). Dass wir unsere Phantasien und Impulse nicht einfach in die Tat umsetzen, liegt am Einspruch des Überichs, oder wie Gross sagt, daran, „dass wir uns aus eigenem Antrieb heraus ein­schränken“ (205) und nicht schlicht unser Interesse oder unsere Einfälle verwirklichen.


 


Die Psychoanalyse geht davon aus, das Kind konstruiere sein  Überich nach dem Überich der Eltern, worüber es zum Träger zeitbeständiger Wertungen wird, die sich über Generationen tradieren. Das Überich vertritt eine von gesellschaftlichen Prozessen, Veränderungen und Werten unabhängige Ethik, d.h. seine Werte sind univer­sell gültig und konstant. Das Überich hat damit eine gyroskopische Funktion: es sorgt für konstantes, orientiertes und damit zuverlässiges soziales Verhalten. Es schützt davor, anderen Schaden zuzufügen, straft, fordert Wiedergutmachung und erwartet Empathie in den anderen. Sein Überich zu akzeptieren heißt, sich in die Tradition zu fügen, sich damit abzufinden, ein Mensch und kein Übermensch zu sein, schützt also vor Hybris. Da das Überich eine Entwicklungsgeschichte hat – es ist von außen auferlegte Triebkontrolle -, kann es je nach Entwicklungsstand noch extern und/oder noch personifiziert sein oder unter regressivem Einfluss wieder externalisiert werden. Am Ende wird es verinnerlicht, abstrakt, abgelöst von äußeren Gegebenheiten und fester Bestandteil des Selbst sein. All diese Merkmale erlauben den Entwicklungsstand des Überichs zu erschließen. Ein Überich wäre extern und personifiziert, würde jemand z.B. Verkehrsregeln nur deshalb befolgen, weil er fürchtet, die Polizei erwischt ihn. Es wäre noch unreif; die Angst soziale Angst.


 


Ist die Entsprechung von Überichsystem und universeller Moral auf Anhieb zu erkennen, so ist zunächst nicht auszumachen, ob das zweite Wertesystem, das Ichidealsystem dem partikularem System entspricht. Bei genau­erer Betrachtung zeigen sich jedoch auch hier Parallelen. 


Das Ichidealsystem hat andere Inhalte und eine andere Funktion als das Überich. Ich folge der Darstellung von Chasseguet-Smirgel (1975). Der unbewusste Kern des Ichideals enthält den Traum vom ewigen Glück, von Glanz und Reichtum, von physischer und geistiger Macht und Stärke. Das Ichidealsystem ist für das Selbst­wertgefühl des Menschen, also seinen Narzissmus zuständig. Der Inhalt des Ichideals - es kann eine Person oder eine Sache sein - ist austauschbar, wandelbar, veränderbar und jetztzeitorientiert. Es handelt sich bei dem Ichideal jedoch nie um eine reale Person, eine Person mit Haarausfall und Achselschweiss, sondern um das Bild von einer Person, das auf diese projiziert wird oder diese Person von sich selbst inszeniert. Darum ist z.B. jeder Angriff auf das Ichideal ein Angriff auf das Bild, eine Bildzerstörung, Ikonoklasmus, wie Schneider bei den Attentätern nachgewiesen hat.


Wie das Überich hat das narzisstische System eine Geschichte. Aber während das Überich eine späte Errun­genschaft des Ichs ist, meist aus der Zeit ödipaler Entwicklung, entsteht das Ichideal aus dem Zerfall der primären Fusion, d.h. in dem Moment, in dem das Kleinkind erkennt, es ist weder mit seiner Mutter verschmolzen, noch omnipotent, noch Mittelpunkt der Welt, sondern vielmehr gezwungen ein Nicht-Ich anzuerkennen. In der Folge projiziert es die ihm entrissene Allmacht zunächst auf seine geliebte Mutter (sein Ideal), später auf andere(s). Das bedeutet: das Ichideal ist libidinös besetzt, weil es die frühe libidi­nöse Besetzung des Ichs ablöst. Das macht das Ichideal zu einer gratifizierenden Instanz, wohingegen das Überich eher eine restriktive Instanz ist. Prototyp des Überichs wäre der verbietende Elternteil. Dem Überich gehorcht das Ich aus Furcht vor seiner Strenge und Strafe, den Forderungen des Ideals unterwirft es sich aus Liebe.


 


Von seiner narzisstischen Allmacht getrennt, entsteht eine Kluft zwischen dem Ich und seinem Ideal. Sie ist umso größer, je uner­reichbarer das Ichideal ist. Lebenslang versucht der Mensch, diese Kluft zu schließen. Die Wege, die dabei beschritten werden, sind extrem variabel, fast könnte man sagen, es gibt so viele Wege, wie es Menschen gibt, sie sind unendlich repetierbar,  nicht vorhersehbar, nicht berechenbar, nicht messbar, sondern dem Zufall überlassen. Mit anderen Worten: Was den Menschen vorantreibt ist die Sehnsucht nach seiner verklärten Vergangenheit, nach der Glücksgefühle erzeugenden Einheit mit der Mutter und der Omnipotenz, nach der Zeit, als er selbst sein Ideal war. Progression im Dienst der Regression also. Das macht das ideal sein wollen so anstrengend. Das frühe Ichideal beinhaltet Phantasien imaginärer magischer Wunscherfüllung. Das Subjekt will gleich – d.h. ohne die dazu notwenigen Schritte - so sein wie das idealisierte Objekt. Später hat ein normal entwickeltes Ichideal den Charakter eines Projekts, das zu erfüllen nicht mehr  auf dem einfachsten Weg versucht wird. Das Ich akzeptiert notwendigen Aufschub, Umweg, zeitliche Festlegung, also die Merkmale des Realitätsprinzips. Ein harmonisches Verhältnis zwischen Ich und seinem Ideal führt zu kritischer Selbstzufriedenheit und Stolz. Spannungen zwischen Ich und Ichideal hingegen produzieren Scham und ein Gefühl des Inadäquaten. Das Selbstwertgefühl ist beeinträchtigt. Jedes Hindernis, das sich dem Ich bei seinem Versuch in den Weg legt, sich seinem Ideal (eine Person oder eine idealisierte Idee) zu nähern oder gar selbst ideal zu werden, erzeugt narzisstische Wut und weckt den Impuls, das Hindernis gewaltsam zu beseitigen.


Das Ichideal ist neotonisch bedingt, d.h. der Frühgeburt des Menschen geschuldet und gehört damit zur conditio humana. Des­halb lassen sich seine Erscheinungsformen, insbesondere deren pathologische – Genozide, Religionskriege, Terror - bis heute weltweit in der Geschichte der Menschheit finden.


Die bisherigen Ausführungen lassen eine Differenz zwischen beiden Wertesysteme erkennen. Das Überich ist durch Introjektion entstanden, d. h. es übernimmt seine Inhalte aus dem Überich der Eltern. Es ist demnach ein Introjekt. Das erklärt, weshalb wir alle in unserem Überich etwa ähnliche Moral- und Wertemaßstäbe haben. Das Ichideal hingegen ist durch eine Projektion aus dem Innerpsychischen (der frühen Allmacht) entstanden, ist somit eine subjektive Schöpfung, weshalb sich die Ideale von Person zu Person unterscheiden und sich im Verlauf der Biographie z.B. unter dem Einfluss von Medien ändern können. Beispiel hierfür sind Schönheitsideale, die als kollektive weltumgreifend und zugleich kulturspezifisch und höchst individuell sein können.


 


 


Die Herkunft von Schuld und Scham


 


Überich und Ichideal, obwohl verschiedenen Ursprungs, können/müssen aber nicht sich später vermischen und bilden das Wertesystem einer Person. Die Unterscheidung von Überich- und Ichidealsystem ermöglicht die Zuordnung der Herkunft von Schuld- und Schamgefühlen. Schuld empfindet man, hat man Normen oder Gesetze verletzt. Schuldgefühle, berechtigt oder neurotisch, kommen aus dem Überichsystem. Scham hingegen empfindet man, wenn man die Kontrolle über sich verloren hat. Scham kommt  demzufolge aus dem narzisstischen System. Die „Urszene“ der Scham ist die anale Inkontinenz – ein Kontroll­verlust der Ausscheidungsorgane. Scham empfindet man allerdings nur, wenn es Zeugen des Kontrollverlustes gibt. Auch der Nackte schämt sich seiner Nacktheit erst, kommt ein (imaginierter) anderer hinzu. Die Scham setzt den Blick des Anderen voraus und kann aus Angst vor visueller Exposition zur Vermeidung von Öffentlichkeit, zur Soziophobie führen. Will der sich Schämende im Boden versinken, also das Objekt meiden, so zieht es den Mörder an den Ort seiner Tat zurück, weil er einen Geständniszwang empfindet und Entlastung beim anderen sucht, um den Druck seines Überichs zu lindern.


 


Gross bezieht sich in dieser Frage auf Gabriele Taylor, die auch zwischen Scham und Schuld differenziert. Wenn Taylor jedoch sagt, wenn wir über Schuldgefühle sprächen, meinten wir eigentlich Gefühle der Selbsteinschätzung und dann würden Schuldgefühle Empfin­dungen wie Stolz oder Scham ähneln (vgl. Gross, 122), so wäre das unzulässig, denn sie verwischt die Her­kunftssysteme dieser Gefühle. Und dennoch hat sie recht, macht sie doch auf den Umstand aufmerksam, dass das Überich vom narzisstischen System korrumpiert und missbraucht werden kann, z.B., wenn eine Person mit ihrer Schuld prahlt, wie das nach 1945 der Fall war bei dem Juristen, Reichsrechtsführer, Reichsminister und überzeugten Antisemiten Hans Frank. Frank habe aus seinem Schuldeingeständnis eine merkwürdige Befriedigung bezogen, so Gross. „Diese aber, ausge­drückt in einer monumentalen Geste der Selbstanklage, ist weit entfernt von wirklicher Reue. Franks Insistieren auf seinen verwerflichen Taten erinnert auf unangenehme Weise an Hitlers narzisstische »Monumentalisierung des Negativen« in den Tagen seines Untergangs. Jedenfalls ist diese Überhöhung des Selbst durch ein Hervor­heben der eigenen Verbrechen alles andere als die Anerkennung von Verantwortung“ (Gross, 122). Frank flüchtet vor dem strengen Überich (dem Gericht/Gesetz) in die Selbstidealisierung, oder, wenn man so will vor dem strengen Vater auf den Schoß der idealisierten  Mutter. Natürlich kann das Handeln gegen ein Überich-Gebot tiefe Scham auslösen, aber eben weil man in diesem Fall seinem Ideal, dem Überich Folge zu leisten nicht entsprochen hat.


Wie Scham und Stolz entspringen auch andere innerhalb der nationalsozialistischen »Volksgemeinschaft« einge­forderte Gefühle wie Schande, Treue, Ehre dem narzisstischen System, nicht dem Überich. Für alle gilt, dass sie „zunächst »normale« Bedeutung besitzen […] (Man kann treu sein, ohne ein Nazi zu sein)“ (Gross, 40), weil wir alle neotonisch bedingt ein Ichideal haben. Allerdings können diese Gefühle unter noch zu erörternden Bedingungen aggressiv, hier destruktiv-narzisstisch aufgeladen werden. 


 


 


 


Die Wirkung der NS-Ideale


 


Warum, so fragt Gross, sind so viele Deutsche Hitler mit derart leidenschaftlicher Hingabe gefolgt, warum der hohe Grad an Zustimmung, warum die positiven Gefühle vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, seine Wirt­schafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine »Weltanschauung«? (17). Die Psychoanalyse hat ihre Vor­stellungen über mögliche Motive dieses Vorgangs dargelegt. Natur und Herkunft des Ichideals lassen erkennen, warum die NS-Ideale und Hitler eine solche Wirk­macht auf die Menschen ausüben konnten. Freud schreibt, vom Ichideal aus führe ein bedeutsamer Weg zum Verständnis der Massenpsychologie. Das Ideal habe außer seinem individuellen einen sozialen Anteil, es sei auch das gemeinsame Ideal einer Familie, eines Standes, einer Nation (vgl. 1914c, 169). Damit wird das Ichideal zur Schnittstelle zwischen Subjekt und Kollektiv. Das gemeinsame Ideal im NS sind Hitler und die Ideale wie Rasse, Blut, Gemeinschaft. Sie werden an die Stelle des Ichideals gesetzt (vgl. Freud, 1921c, 125) und damit zum Objekt, auf das der individuelle Narzissmus projiziert werden kann. Schneider hat in seinem Buch Das Attentat (2010) diesen Hintergrund beleuchtet. Der Held zeige nur dem Auge des Kammerdieners Menschliches: Haarausfall, Verdauungsstörungen, Achselnässe. Die Größe hingegen sei auf Inszenierungen, auf artifizielle Auslegungen und Bilder angewiesen. Und der politische Sinn des Jedermann, der wir alle sind, lässt sich durch die erregte Größe faszinieren. Wir benötigten immer ihre vibrierende, erregte Erscheinung. Immer sei die Welt erlösungsbedürftig, immer werden sich dem Großen, dessen Größe ein schwingendes Bild ist, hilfesuchend Hände entgegenstrecken“ (135). Die Ideale und Idole sind indes nur vordergründig und damit austauschbar, auch wenn sie im NS höchst wirksam waren, denn die Masse lechze weniger nach einem Herrn als nach Illusionen, so Chasseguet-Smirgel (1975). Sie würde denjenigen zum Herrn erwählen, der ihr die Vereinigung von Ich und Ichideal verspreche. Es gebe keinen absoluten Führer, der nicht auch Träger einer Ideologie wäre. Er sei der Mittelsmann zwischen Masse und ideologischer Illusion. Hinter der Ideologie stünde immer die Phantasie einer narzisstischen Himmelfahrt. Man suche die verlorene Vollkommenheit, das Paradies (1975, 86).


 


Im NS heißt die Suche nach dem Paradies: Suche nach Erlösung von der Schmach und Schande des 1. Weltkrieges. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg seien viele Deutsche von der Angst vor dem Untergang beherrscht gewesen, schreibt Vondung. Diese Angst sei nicht nur durch materielle Not und soziale Unsicherheit induziert worden, sondern auch durch die Partikularisierung gesellschaftlicher Normen, durch Zerfall von Werten und Institutionen, die vordem Sinn und Halt gegeben hätten. Ein Gefühl fundamentaler Sinnlehre und Orientierungslosigkeit habe die Apokalypse entstehen lassen, produziert von Menschen, die sich in ihrer Existenz - spirituell, politisch, sozial - gefährdet und gedemütigt, unterdrückt und verfolgt empfunden hätten. Die Welt, in der sie lebten, sei ihnen verdorben und böse erschienen und hätten sich demzufolge nach Erlösung, nicht durch Reformen hie und da, sondern durch Liquidierung der bisherigen Lebensbedingungen, gesehnt, dadurch, dass der Feind, der das Verderben verschuldet hat, vernichtet werde. (Vondung 1991, 102). Johann schreibt, der Jugend, insbesondere der des besiegten Deutschen Reiches habe der Expressionismus zum Vehikel ihres  Aufbruchs gedient. Die jungen Männer jeder Nation hätten sich vom Krieg betrogen gefühlt, die deutschen doppelt. Der Anteil Deutschlands am Expressionismus - als Produzent und als Konsument dieser »Ware« genommen - sei deshalb groß gewesen. Er wäre in Deutschland  wie ein Rausch genossen worden, dessen Süße die in Versailles besiegelte Niederlage zu lohnen schien. Hinzugetreten sei noch als speziell deutsche Note die Befreiung des Untertanen (vom Obrigkeitsstaat) zum Bürger (einer Republik), der verständliche Drang, nach den Jahren der Entbehrung sich »auszuleben«, die Lockerung der alten Sittenbegriffe, der Fortfall der Zensur, so daß unter »Expressionismus« in Deutschland schließlich alles Neue, Umstürzlerische verstanden worden wäre (1959, 104).


Die Angst vor dem Untergang und das Gefühl des Betrogenseins, die u.a. im Expressionismus Ausdruck fanden, wurden von den Nazis in eine Paranoia umgewandelt, wobei die Scham über Versailles eine große Rolle spielte. „Eine welthistorische Katastrophe aufzuhalten, das ist die liebste Betätigung der Paranoia. Sie benötigt die Katastrophe wie die Feuerwehr das Flammenmeer. Ihre Erregung im Angesicht großer geschichtlicher Begebenheiten resultiert aus dieser Löschobsession“ (Schneider, 610). Eine „wütende Sehnsucht“ (Binding) nach umfassender Wandlung, die sich für viele mit Hitler verband, sei oft über die Hoffnung auf Veränderung der politischen und sozialen Verhältnisse weit hinausgegangen und habe sich auf eine „volkliche Erlösung" (Kindermann) gerichtet, (vgl. Vondung, 1991, 102f). Die Angst vor dem Untergang könne in Lust am Untergang umschlagen mit dem Wunsch nach Zerstörung, mit dem Willen zur Vernichtung der alten, verdorbenen Welt, zumal des 'bösen Feindes', der all das Leiden verursacht hat. Untergangslust und Vernichtungswille gehörten deshalb - als paradoxe Verbindungsglieder - zum Syndrom Angst vor dem Untergang und Sehnsucht nach Erlösung, so Vondung (ibid., 102). Hitler habe ein solches apokalyptisches Weltbild entworfen und sowohl die Angst vor dem Untergang, als auch die Sehnsucht nach Erlösung genährt. Er sah die Weltgeschichte durch den Kampf zweier universaler Mächte bestimmt, deren Unversöhnlichkeit er vorzugsweise in der dualistischen Symbolik 'Licht - Finsternis' zum Ausdruck gebracht hätte. Die Macht des Bösen sah er im Judentum verkörpert, dem er die Schuld an allen tatsächlichen Defiziten der Welt, aber auch an eingebildeten Gefahren und Bedrohungen zuschob (ibid., 103.). 


 


In der allgemeinen Verunsicherung, dem Leiden an der Kontingenz bekamen die NS-Ideale bzw. der Führer die Rolle eines „Supersignifikanten, der alles regelt“ (Schneider, 2010, 649), der über die Einteilung in Gut und Böse die Welt überschaubar macht und der Ungewissheit ein Ende bereitet.


 


Die Entstehungsgeschichte des Ichideals zeigt, das Ichideal ist Teil des Ichs, ist sein Doppelgänger oder wie es genannt wird: ein Selbstobjekt. Dieses ist definitionsgemäß libidinös besetzt, d. h. es wird (narzisstisch) geliebt. Hitler ist wie das eigene Spiegelbild/Doppelgänger, in dem sich das Ich idealisiert. In ihm liebte man sich selbst, eine Selbstliebe, die zur Besessenheit werden kann. Für die These, das Ichideal sei ursprünglich der körperliche Doppelgänger des Ichs gewesen, war der SS-Richter Konrad Morgen Beispiel. Er muss zutiefst, d.h. körperlich und an rethorische Echolalie grenzend mit Hitler, seinem Ideal, identifiziert gewesen sein. Nach 45 schreibt er unter Bezug auf den 1. Weltkrieg: „Die Schmach des verlorenen Krieges begann in mir zu brennen, sobald ich nur zu denken anfing“ (zit. n. Gross, 146, kursiv T.E.). Hitler hatte in Mein Kampf geschrieben: »Je mehr ich mir in dieser Stunde über das ungeheuere Ereignis klar zu werden versuchte, um so mehr brannte mir die Scham der Empörung und der Schande in der Stirn“ (zit. n. Gross, 59, kursiv T.E.). „Brennen“ bzw. „Einbrennen“ scheint die gängige Metapher zu sein, um die Wirkung von Demütigungen zu charakterisieren. Auch Ludwig II bediente sich ihr: „Selbst die Demütigungen, die ich als Kind erdulden musste, brennen noch fort wie offene Wunden.“ (zit. n. Schneider, 120)


Mit anderen Worten: Zustimmung zum und positive Gefühle für den NS haben ihre Quelle im Narzissmus des Einzelnen. Und weil das Ichideal und seine Surrogate ge­liebt werden, entfalten sie ihre Wirkung im narzisstischen System, d.h. das Ichideal ist performativ, es schafft Fakten. Freud meint, im religiösen Stadium habe der Mensch die Allmacht den Göttern abgetreten, jedoch nicht ernstlich auf sie verzichtet. Er behalte sich vor, die Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken (vgl. 1912-13a, 108). Im NS bekommen die Ideale die Rolle von Göttern zugewiesen. So bei Hans Frank: »Hitler has received his authority from God. Therefore he is a champion, sent by God, for German Right in the world« (zit. n. Kolnai, vgl. Gross, 256). Hitler und die NS-Ideale, die er repräsentierte, waren mithin auch eine Schöpfung seiner Anhänger. Das Ichideal, der bewundernde Blick des anderen war also maßgeblich an der Produktion der NS-Ideale beteiligt. Das beinhaltet die Formulierung von Kershaw: „Dem Führer entgegenarbeiten“ (zit. n. Gross, 9).


 


Wie aber erfolgte die Beeinflussung der selbsterschaffenen Götter? Maas (1991) zufolge sind weniger die Texte der "großen Politik" aufschlussreich, die, falls überhaupt zur Kenntnis genommen, wohl weniger gelesen als vielmehr gehört wurden; die Wirkung der großen Veranstaltungen kam vielleicht eher trotz dem, was dabei gesagt wurde zustande als wegen ihm. Quellen, die Aufschlüsse gäben, müssten sehr viel näher am Alltag sein, um zu zeigen, wie die Menschen mitgespielt haben (29). Hier ein Text aus dem NS-Alltag:


Die Kinder einer Kölner Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) hatten vor dem Essen folgenden Vers aufzusagen: "Führer, mein Führer, von Gott mir gegeben, beschütz' und erhalte noch lange mein Leben! Hast Deutschland gerettet  aus tiefster Not, Dir danke ich heute mein täglich Brot. Bleib lang noch bei mir, verlaß mich nicht, Führer, mein Führer, mein Glaube, mein Licht! Heil, mein Führer!"


Und nach dem Essen:


„Dank sei Dir für diese Speise, Beschützer der Jugend, Beschützer der Greise! Hast Sorgen, ich weiß es, doch kümmert's Dich nicht, Ich bin bei Dir bei Nacht und bei Licht. Leg ruhig Dein Haupt in meinen Schoß, bist sicher, mein Führer, denn Du bist groß. Heil, mein Führer!" (zit .n. Heindl, 1984, 92f)


 


Der nach dem Essen aufzusagende Vers zeigt ein Motiv für die positiven Gefühle vieler Deutscher für die NS-Ideale und die Einflussnahme auf die Götter. Zunächst wird der Führer idealisiert, dann aber kommt es zu einer  bedeutsamen Umkehr: jetzt idealisiert sich das Ich und der Führer wird zum sorgengeplagten Schutzbedürftigen gemacht. Das Ich stilisiert sich zur idealen Mutter, die immer, Tag und Nacht (!) ihren Schoß zu Führers Beruhigung anbietet. Das Ich wird zum Doppelgänger seines Ideals und damit selbst ideal.


Der Vers musste von den Kindern aktiv reproduziert und damit zugleich gehört werden, dürfte also sozialisierend gewirkt haben, zumal er, beim Essen hergesagt, mit diesem gemeinsam, als Brotaufstrich sozusagen, verinnerlicht wurde. D.h., der Inhalt des Spruches, an das Essen geheftet, wurde zwangsläufig mitverschlungen. Dieses „Detail“ wechselseitiger Idealisierung legt die wichtige Spur zum subjektiven Faktor, zu dem, was Kershaw mit „Zuarbeiten“ meint, nämlich die narzisstische Phantasie, nicht nur Hitler ist mein Idol, ich bin auch sein Idol. Sie konstruiert eine enge, partizipierende Verbindung mit dem Führer. Es ist eine der vielen möglichen Spielarten, wie die Kluft zwischen beiden Instanzen geschlossen werden kann. Ihr bedient sich auch die Fehlleistung eines Jugendlichen in einem Fan-Brief an sein Idol: „Ich liebe Dich, ich bin Dein Idol fürs Leben.“ (zit. n. Grunberger (1971, 311). Ich und Ichideal fusionieren, was zumeist manische Gefühle erzeugt. Der eine ist Kopie des anderen, würden wir heute sagen. Die Verschmelzung ist rein narzisstisch. Schneider (2010) hat diese Spielart der Annäherung an das Ichideal als typisch für Attentäter nachgewiesen. Die Ähnlichkeit von Tätern und Opfern bilde eine erstaunliche Kontinuität in den Attentätern, schreibt Schneider (vgl. 156), Caesar und Brutus seien auch Zwillinge“ (ibid., 61), der Attentäter trete an die Stelle seines Opfers (ibid., 58). So habe z.B. Andy Warhol ganz ähnliche Züge aufgewiesen wie seine Attentäterin Valerie Solanas. Der Wunsch wie sein Ideal zu werden, zeigt sich beim Attentäter auf frappierende Weise, denn er will zwar das Bild eines Mächtigen auslöschen, will aber selbst Bild sein und als solches den Dank der vermeintlich Geretteten genießen (ibid., 239). Aber auch der Traum eines rechtsradikalen Studenten zeigt dieses Motiv: »Meine Mutter ist mit einem Schwert in der Hand die Herrin auf dem Schlachtfeld. Über ihr steht die Sonne und viele Engel, und auch sie schwebt in den Wolken. Ich sitze auf dem Pferd in altgermanischer Tracht. Obwohl sie weit entfernt ist, spüre ich jeden Atemzug von ihr, und ich weiß, ich bin ihr ausgewählter, heißgeliebter Sohn. Ich bete sie an und führe ihre Befehle aus. Sie sagt zu mir: „Mein Sohn, mein Führer“« (zit. n. Bischof, 1996, 711, kursiv, T.E.). Zunächst wird die Mutter vom Träumer idealisiert, dann lässt er sich von der Mutter idealisieren, nämlich als Führer und Beschützer der Mutter: »Mein Vater schlägt die Mutter. „Nein, du bürgerliches Schwein“, sage ich. Meine edle Mutter weint, ich nehme das Messer und will den Vater töten. Dabei weint er  und spricht: „Die Kommunisten haben meine Existenz vernichtet, der eigene Sohn schlägt mich.“ Ich sage: „Hast recht, du Schwein“ und nehme die zitternde Mutter in die Arme.« (zit. n. ibid., 719, kursiv, T.E.).


 


Fehlleistung, Traum und Vers zeigen den Wunsch des Ichs, wie sein Ideal zu werden. Schneider nennt viele beeindruckende Beispiele für diesen Wunsch, die man alle unter die Aussage subsumieren könnte: Jeder Brutus will ein Caesar sein. Schneider verweist noch auf eine weitere Möglichkeit der Verschmelzung mit dem Ichideal: über die Sprache. „Warum glauben wir an die Mission dieses politischen Führers?“, fragt er. „Es ist seine Art zu sprechen. Was er sagt, konnte jeder sagen. Er spricht, wie die Macht sprechen muss. Auch die Größe, zumal die herrscherliche Größe, verfügt über keine eigene Grammatik, über kein eigenes Lexikon. Das Genie sieht aus wie ein Jedermann seine Worte sind Jedermannsworte“ (2010, 135). Hier liegt einer der Gründe dafür, dass man als Deutschsprechender auch heute stets in Gefahr ist, über Alltagswendungen in einen „Nazi-Jargon“ zu geraten.


 


Dass der Führer wie im Vers der Kinder oder im Traum des Rechtsradikalen mütterliche Beschützerinstinkte wachrief, könnte erklären, warum sich Frauen häufig dem NS gegenüber zustimmend verhielten. Mit der idealisierten Mutter identifiziert konnten sich die Frauen den Führer als zu beschützendes Kind in den Schoß legen. Sie hatten so direkten Anteil am Führer. Die Beziehung zwischen Ichideal und Ich beinhaltet in den Beispielen eine Mutter-Kind-Situation, in der mal die Mutter, mal das Kind ideal, also austauschbar sind, was der frühen Entstehung des narzisstischen Systems in der Psyche entspricht.


 


Der Traum des Rechtsradikalen wirft die Frage auf, wer Hitler ist, Vater- oder Mutterfigur? Nach Chasseguet-Smirgel (1975) ist das Überich väterlichen Ursprungs, das Ichideal sei die liebende Mutter. Ihrer Auffassung nach besitze der Führer mehr Merkmale der allmächtigen Mutter als des Vaters und erinnert daran, der Nationalsozialismus sei oft mit einer Religion, die Aufmärsche in Nürnberg mit Messen, Hitler mit einem Hohepriester verglichen worden und der derart aufgeführte Kult habe tatsächlich mehr die Göttin-Mutter (Blut und Boden) als den Vater zum Objekt. Im NS wäre das Ichideal demnach die allmächtige Mutter, verkörpert im Führer. Man erlebe, so Chasseguet-Smirgel, in solchen Massen eine Ausrottung des Vaters und der väterlichen Welt und die Rückkehr zur Natur, zur alten germanischen Mythologie, was das Streben nach Verschmelzung mit der allmächtigen Mutter manifestiere (ibid., 86).


Rechtsradikale Männer würden behaupten, die Mutter über alles in der Welt zu lieben und würden sie zu einer fast göttlichen, makellosen Gestalt idealisieren. Frage man sie, ob sie sich je von ihr ausgestoßen der abgewiesen erlebt hätten, so würden sie das entschieden verneinen (vgl. Bischof, 1996, 709f). Die Apotheose der Mutter, scheine auf den ersten Blick nicht zur Selbstdarstellung der faschistischen Ideologie zu passen, rede diese scheinbar einem übersteigerten Männlichkeitskult das Wort, aber der Hass auf den Vater verunmögliche die positive Identifikation mit ihm, so Bischof (ibid., 717). Unter Bezugnahme auf eine von Grossarth-Maticek durchgeführte Untersuchung über rechtsradikalen Studenten schreibt er, im Hass würden sie dem Vater vorwerfen, sie zu behindern oder ungerecht zu behandeln und zu einer Koalition mit der Mutter gegen den Vater tendieren, weil er die Mutter unterdrücke, weshalb sie gerne stark genug wären, sie gegen ihn zu verteidigen (vgl. Bischoff, ibid., 709f). Der Hass dürfte narzisstische Wut sein, die sich martialisch äußert und Liquidierung des Vaters fordert, weil er der regressiven Verherrlichung der Mutter-Kind-Beziehung unter Ausschluss des Vaters, der Verschmelzung mit der Mutter im Weg steht. Im NS hat der Jude die Rolle des verhassten Vaters, gegen den es die Mutter zu verteidigen gilt.


 


 


 


 


Die Megalomanisierung oder Radikalisierung der Systeme


 


Es spricht also Einiges dafür, dass es Entsprechungen zwischen den kollektiven und den individuellen Wertesystemen gibt. Die universelle Moral wäre das kollektive Gewissen und ent­spräche dem Überich; die partikulare Moral beinhalte den je spezifischen Narzissmus eines Kollektivs, wobei das kollektive Ideal - wie im Nationalsozialismus das Rasseideal z.B. - dem privaten Ichideal entspräche. Die These liegt nahe, zumal beim Vergleich des privaten mit dem NS- Narzissmus eine weitere Entsprechung auffällt. Beide nehmen ihren Anfang in einer Kränkung: In der Privatgenese der Verlust der Omnipotenz, die Empörung des Kleinkindes über die Schmach, nicht länger Mittelpunkt der Welt zu sein, im Nationalsozialismus die „Schmach und Schande von Versailles“. Und wie im privaten narzisstischen System wird auch im NS kollektiv der Entwertung/Schmach mit einer Ideali­sierung entgegengesteuert, hier der des Volkes oder der Rasse, dort der des Ichs.


 


Die Entsprechung von partikularer Moral und Ichidealsystem wird aber noch deutlicher. Normalerweise bestehen Überich- und Ichidealsystem nebeneinander, ohne dass das Ich in Konflikt mit den jeweiligen Ansprüchen gerät. Unter bestimmten Bedingungen jedoch kann es zur Disharmonie kommen, dann, wenn die jeweiligen Systemansprüche in Gegensatz zueinander geraten, wenn das Ich z.B. An­sprüche seines Ideals befriedigen soll, die das Überich nicht billigt. Dieser Fall kann eintreten, wenn dem Ich die Möglichkeit zur Verschmelzung mit seinem Ichideal in Aussicht gestellt wird, wenn ihm versprochen wird, es könne zum idealen Ich werden. Es kann dann zu einer Megalomanisierung des Ichideals kommen, die eine Hypertrophe des Ichideals bei gleichzeitiger Atrophie des Überichs zur Folge hat. Das Ichideal wird zum alles dominierenden Wertesystem, Wirkung und Einfluss  des Überichs gehen verloren. Das klinische Bild der Manie zeigt diesen Mechanismus. Wird der Wunsch nach Vereinigung von Ich und Ichideal aktiviert, manipuliert das Ich sein Überich bis zu dessen Verschwinden. Die von ihm vertretenen Werte werden lächerlich gemacht oder verworfen. Man befreit sich „von der lästigen Aufsicht des Gewissens“ und verschafft sich so den „Persilschein für die Machtübernahme der niedrigen Instinkte“ (Sorg, 2011, 11). Im NS liest sich der Vorgang so: „Diese parti­kulare Ethik (es geht um eine radikale Form, T.E.) zeichnete sich vor allem durch eine brutale Diskriminierung derjenigen Menschen aus, die nicht zur „arischen Volksgemeinschaft“ gezählt wurden“ (Gross, 202). Gemeint waren u.a. die Juden, „das altgediente Personal der Paranoia“ (Schneider), denen in der NS-Ideologie die Rolle des gehassten Überichs zugeschoben wurde, weil sie der Idealisierung des Arischen im Wege standen. Himmler diente in seiner Rede vor Angehörigen der SS als Hintergrund das Bild eines Feindes, der sich angeblich der universalistischen Moral bediente, um die Moral – also das Gemeinschaftsgefühl – der Deutschen zu zerstören (vgl. Gross, 235). Das Überich soll verstummen, es kränkt durch seine Existenz das Ichideal, verlangt es doch Einschränkung und begrenzt unseren Freiheitsspielraum, wie Gross sagt (vgl. 205). Der Narzissmus jedoch empfindet Einschränkung jeglicher Art als unverschämte Zumutung und weist sie empört zurück.


Ursache des Überichverlusts ist die Regression in die frühe Omnipotenz. Die regressive Megalomanisierung des Ichideals kann durch die Masse veranlasst werden. Kollektive Phänomene seien besonders geeignet, ein Verschwinden des Überichs zu provozieren, schreibt Chasseguet-Smirgel (ibid., 82). Die Mitglieder gäben ihr Ich ab und verlören ihre Individualität. Das erlaube jedem Mitglied, sich mit der globalen Gruppe zu identifizieren und sich dadurch ein allmächtiges Ich, einen kolossalen Körper zuzuschreiben (vgl. ibid., 88). Die Masse verspricht die Verschmelzung, genauer: die Rückkehr des Ichs in sein Ideal.  Das Überich ist dabei ebenso hinderlich wie der Vater im Traum des Rechtsradikalen. Da es ontogenetisch später als das narzisstische System gebildet wird, geht es im Regressionsprozess als erstes wieder verloren. Eine Atrophie des Überichs ist deshalb Indikator dafür, dass eine Regression stattgefunden hat und nar­zisstische Interessen die Oberhand gewonnen haben. Epidemieartige Erkrankungen wie die Ess­störungen, aber auch manche Phänomene des modernen Schönheitskultes sind diesbezüglich aufschlussreich. Sie zeigen: die Megalomanisierung führt zu einer Regression auf die Basis des psychischen Ichs: dem Körperich. Man kann an ihnen beobachten, wie Überichwerte allmählich unter die Herrschaft des Ichideals geraten, z.B. wenn die normale Sorge um den Körper allmählich zum Perfek­tionszwang mutiert und gegen den Körper wütet – wie bei der Anorexie bis zum Tod. Beide Male erhebt das Überich keinen schützenden Einspruch mehr bei der mitunter gesundheitsgefährdenden bis tödlichen Mani­pulation/Modifikation des Körpers zum Idealkörper. Man könnte sagen: Hier tobt ein vom Überich ungebremster Narzissmus, sichtbar im Perfektionszwang. Die Inhalte des megalomanisierten Ichideals zentrieren sich auf den Körper mit mitunter drastischen gesundheitlichen Folgen, werden aber ichsynthon, d. h., sie erscheinen dem Ich als selbstverständlich.


 


Radikalisierte partikulare ‚Moral’ und megalomanes Ichideal zeigen auch Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihrer Funktion. Mit der Idealisierung des Ichs bzw. der Volksgemeinschaft soll die eigene Aggressivität verleugnet werden. Alles, was der Idealisierung im Wege steht, muss projiziert werden. Als Erster habe Aurel Kolnai die bindende Kraft von negativen moralischen Gefühlen und Feindbildern analy­siert, so Gross (253). Aus psychoanalytischer Sicht ist diese „bindende Kraft“ die Projektion. Sie erstellt die Feindbilder. Sie erklärt das Überich bzw. den Vater, im NS den Juden, zum Bösen, der dann entwertet und schließlich zum Nichts werden soll. Projiziert ein sich bedroht fühlendes Ich seine Aggression als Angstabwehr auf das Überich, kann dieses zur ge­hassten Instanz werden, die bekämpft/vernichtet werden muss. Da es keine Ideali­sierung des Ichs ohne Projektion gebe, so Chasseguet-Smirgel (1975, 87), müssten die Träger der Projektion, die ständig  die Idealisierung des Ichs bedrohen,  verfolgt und unbarmherzig ausgelöscht werden, weshalb auf jede Reaktivierung der Illusion unvermeidlich „ein Blutbad“ folge, wenn der Gruppe die ihrer Gewalttätigkeit entsprechenden Mittel zur Verfügung stünden. Wer nicht wie die Gruppe denke, würde ausgeschlossen, verfolgt, getötet oder für verrückt erklärt (vgl. 88).


Im narzisstischen Modus richtet das Ich seine Grausamkeit gegen jeden und alles, was ihm bei seiner Veridealisierung im Wege steht.  Gewalt, Terror, Greuel finden  demnach ihre Quelle in der  Kluft zwischen Ich und Ideal, haben aber nichts mit dem Überich zu tun. Dieses kann allenfalls Einspruch erheben, falls es noch gehört wird. Projektion und Idealisierung können demzufolge zum überaus gefährlichen Gemisch werden, weil sie direkt in die artifizielle Weltdeutung führen. Das gilt es immer im Auge zu behalten gilt. Zumindest kommt es über die Projektion zur Spaltung in zwei verfeindete Werteinstanzen, so dass zumindest im Subjekt wegen des Ausfalls des Überich eine „völlige Charakterumformung ein­treten“ kann (Sandler, zit. nach Chasseguet-Smirgel, 1975, 156). Im 3. Reich kam es kollektiv zur Spaltung von universeller und partikularer Moral.


 


Man kann davon ausgehen, Überich- und Ichidealsystem verhalten sich wie kommunizierenden Röhren, denn auch das Überich kann, wird es megaloman, das Ichideal auslöschen. Dem Ich wäre in diesem Fall jegliche Form der Selbstliebe verboten und würde bei Zuwiderhandlung von Schuldgefühlen erdrückt. Letztlich aber wird sich der Narzissmus immer durchsetzen, denn auch die Askese lässt sich idealisieren und wird darüber zur Ideologie, zur Idealität, genauer: zur Idealologie.


 


Einen der Megalomanisierung des Ichideals vergleichbaren Vorgang beschreibt Gross, wenn er von der Radikalisierung der partikularen Moral im Nationalsozialismus spricht. Auch hier kommt es zur Hypertrophie, jetzt der partikularen Moral und zur Atrophie der universellen. Gross zufolge hat der Philosoph Rolf Zimmermann die Frage aufgeworfen, in welcher Weise die radikal partikularistische Moral der Natio­nalsozialisten die universalistische Moral in Frage stelle.  Folgen wir Gross bei seinem Blick auf die Moral­geschichte des Nationalsozialismus, dort auf den Begriff der Treue. Treue bezeichne in fast jedem moralischen System, also universell eine Eigenschaft, die positiv bewertet würde. Sie ermögliche den Menschen lang­fristige, berechenbare soziale Bindungen. Gross zeigt nun, wie unter der Radikalisierung der Treuebegriff der NS-Gesellschaft von der positiven Bedeutung in eine antiuniversalistische Ausrichtung abgleitet. Treue wird zur „spezifisch »deutsche(n)« oder »arische(n)« Tugend, als seien moralische Werte das Eigentum be­stimmter vorgegebener Gemeinschaften.“ (90). Treue wird radikal partikularisiert durch die Verbindung mit der rassistischen Idee der »Blutstreue«, wie sie in den Nürnberger Gesetzen rechtlich fixiert wurde. Die Radikalisierung erfolge also wesentlich durch eine Biologisierung des Begriffes, indem er an den Körper gebunden wurde und dann als solcher seine rechtliche Implementierung in einen Korpus antisemitischer Gesetze und Richtlinien erfuhr, Gross zufolge spezi­fischer Inhalt der Radikalisierung der partikularen Moral (vgl. 38). Die Radikalisierung der partikularen Moral zielte auf die Basis der Subjekte: ihren Körpernarzissmus. Die radikalisierte partikulare Moral hat sich den Treuebegriff einverleibt. Analog der Ichsynthonität wurde sie volkssynthon.


Über diese Radikalisierung geraten partikulare Moral und universelle Moral in Gegensatz zueinander. Die partikulare Moral beansprucht jetzt für sich nicht nur eine arische Moral zu sein, sondern konstruiert auch die antisemitische Vorstellung einer feindlichen jüdischen Gegenmoral. „Diese parti­kulare Ethik zeichnete sich vor allem durch eine brutale Diskriminierung derjenigen Menschen aus, die nicht zur „arischen Volksgemeinschaft“ gezählt wurden“ (Gross, 202), u.a. eben die die Juden, denen die Rolle des gehassten Überichs zugeschoben wurde.


Die in ihrer Bedeutung umgeformten Tugenden bzw. die radikale partikulare Moral wurde von jedem einge­fordert und schlicht mit Belohnen und Bestrafen, also lernpsychologisch durchgesetzt: mit Zugewinn an Ehre oder mit Beschämung und Schande. Das Einschwören auf die volksgemeinschaftlichen Ideale und Tugenden erfolgte in NS-Reden, auf Parteiversammlungen, in ideologischem Schrifttum etc. „Handle dabei, als ob das Schicksal Deines ganzen Volkes nur auf Deinen Schultern allein läge und erwarte nichts von anderen, was Du nicht selbst zu geben und zu tun bereit bist, bleibe stets das Vorbild für Deine Mitgenossen!“ schrieb Hitler der NSDAP als Vorwort in den Personalausweis (zit. n. Gross, 160). Die Radikalisierung erfolgte über eine Zentrierung auf den Narzissmus des Einzelnen, sein persönliches Idealsystem, seit je her Standardstrategie der Werbung. Aber nicht zufällig erfolgt die Megalomanisierung des Ichideals nur, wenn auf Ichanteile (z.B. das Überich) zugunsten der Gemeinschaft verzichtet wird: „[…] bedenke, daß das größte Werk nur dann von Menschen vollendet werden kann, wenn diese bereit sind, ihr eigenes Ich der größe­ren gemeinsamen Notwendigkeit und dem gemeinsamen Nutzen unterzuordnen. Gib dabei Deinen Volks- und Parteigenossen in allem jenes Beispiel, das Du selber gerne an ihnen sehen möchtest“ (ibid., 160). Ichverzicht zugunsten der Homogenität. Belohnt wird der Verzicht mit dem Versprechen auf Omnipotenz; man ist Mitarbeiter am größten Werk. Dieses Versprechen erlaubt jedem, sich mit den anderen Volksgenossen zu identifizieren und sich dadurch ein allmächtiges Ich zuzuschreiben. Maas (1991) hat an Hand einer Anzeige von 1937, die für den Verzehr von Fisch wirbt, gezeigt, wie die Hausfrau als politischer Mensch angesprochen würde. Mit dem Aufruf „Deutscher, iß Fisch! Du sparst dem Reich Devisen“ würde sie in einer Eigenschaft aufgerufen, die dem gesellschaftlichen Raum zugehöre, und zu einem Mitspielen bei den Verhältnissen aufgefordert: „Der Alltag wird homolog zur großen (faschistischen) Politik – die einzelnen können sich angesprochen fühlen, ohne spezifische Figuren nationalsozialistischer Ideologie übernehmen zu müssen“ (31). So würde jedem die harmlose Teilhabe am Ganzen versprochen. Die Homogenisierung reicht indes tiefer: „Sieh' im Letzten Deiner Volksgenossen immer noch den Träger Deines Blutes, mit dem Dich das Schicksal auf dieser Erde unzer­trennlich verbunden hat, und schätze deshalb in Deinem Volke den letzten Straßenfeger höher als den König eines fremden Landes!«, ließ Hitler in den Pass schreiben  (zit. n. Gross, 160). Somit waren alle für alle Ichideal, körperliche Doppelgänger wie Morgen und Hitler – auf Blutsebene. Aber natürlich wird schon körperliche Doppelgängerschaft dadurch erzeugt, dass alle Fisch essen. Aus psycho­analytischer Sicht wird mit der egalitaristischen Ideologie die Kastrationsangst, also die Gefahr einer schweren Kränkung, abgewehrt. Hier auf Blutsebene geht es allerdings um Früheres, wie bald zu sehen sein wird.


 


Nachvollziehbar illustriert Gross die Radikalisierung der partikularen Moral am antisemitischen Propa­gandafilms Jud Süß. Davon ausgehend, ein Film sei ein Medium, das unmittelbar moralische Gefühle auf einer Massenbasis zu evozieren vermag, (was allerdings nur funktioniert, wenn dazu Bereitschaft beim Publikum vorliegt), diente Jud Süß der gezielten Einübung partikularer Ideale und der Konstruktion einer angeblich feindlichen jüdischen Gegenmoral. Der Film wurde immer dann gezeigt, wenn ‚Aus­siedlung’ oder Liquidation im Ghetto bevorstand, um jeder projüdischen Hilfe seitens der nichtjüdischen Bevölkerung vorzu­beugen (vgl. 27).


Joseph Süß Oppenheimer – so die Filmhandlung - erhält als erster Jude die Erlaubnis, nach Stuttgart zu reisen, weil er dem Herzog von Württemberg verspricht, Schmuck zu besorgen. Er baut sich als dessen Finanzminister eine Machtstellung auf, wofür er seine jüdische Tracht ablegt und sich wie ein gepflegter Höfling kleidet. Süß Oppenheimer macht sich die Schwächen des Herzogs zunutze, um Juden in der Residenz anzusiedeln, seinen Herrn mit seinem Land zu entzweien und ihn an sich und die Juden in der Stadt zu binden. Um die Schulden des Herzogs bei ihm zu tilgen, erfindet Süß Oppenheimer Wege- und Brückenzölle; gleichzeitig führt er dem Her­zog junge Frauen zu. Beides bringt diesen mehr und mehr in Konflikt mit der politischen Vertretung der Bürger. Süß Oppenheimer schlägt dem Herzog vor, die bisher gültige Landständische Verfassung außer Kraft zu setzen. Den darüber entstehenden Aufruhr nutzt er, um seine Macht und die der Juden zu befestigen. Der Herzog, schwach und verführbar, folgt widerwillig den Einflüsterungen seines Rat­gebers. Süß Oppenheimer wird schließlich für eine ungerechtfertigte Hinrichtung verantwortlich gemacht, vergewaltigt überdies die Tochter des Landschaftskonsulenten Sturm, die seine Avancen zurückgewiesen hatte. Am Ende des Filmes, nach des Herzogs plötzlichem Tod, wird Süß hingerichtet (vgl. Gross, 28f).


 


Der Film stellt den Juden als Antiideal, als Feindbild vor, der all jene in Schwierigkeiten bringt, die sich auf ihn einlassen oder mit ihm in Berührung kommen. Es geht nicht um den konkreten Juden, sondern das (Film-) Bild von ihm, um den Ikonoklasmus vorzubereiten. Schneider (2010) betont immer wieder, es gehe dem Attentäter  nicht um die konkrete Person seines Opfers, sein Angriff gelte vielmehr seinem Bild. Aber Joseph Süß Oppenheimer wird nicht wegen »Erpressung, Wucher, Ämterhandel, Kuppelei und Hoch­verrat« hingerichtet, also wegen Verletzung der universellen Moral. Dieses Vergehen galt nicht als strafbar – aus gutem Grund: der Film ist die Projektion eigener Unmoral. Der Protagonist war reines Spiegelbild oder Projektionsschirm der Nazis, weshalb sie zumindest unbewusst begründet Angst haben mussten, mit dem von ihnen kon­struierten Feindbild verwechselt zu werden. Rebhandl hat jüngst in der FAZ die Vermutung geäußert, der von Yael Hersonski veröffentliche Dokumentarfilm Geheimsache Ghettofilm, der von deutschen Kameraleuten 1942 zu Propagandazwecken im Warschauer Ghetto aufgenommen wurde, sei letztlich nie veröffentlicht worden, weil die Verantwortlichen begriffen hätten, er hätte das Publikum an der Heimatfront überfordert. Rebhandls Begründung: „So viel Hass lässt sich filmisch gar nicht konstruieren, dass man die entsetzlichen Bilder aus dem Ghetto nicht doch irgendwie auf das eigene Regime zurückbezogen hätte“. Grunberger gibt den kernigen Hinweis, in Lyon würde derjenige, der andere nicht riechen könne, Stinker genannt (vgl. 1984, 53). Schneider schreibt, je höher die Herrscher steigen würden, je mehr gottähnliche Züge sie in ihr Bild meißeln lassen würden, desto dramatischer würde das Risiko des gewaltsamen Todes wachsen (vgl. 46f). Das bedeutet: das Ichideal ist immer in Gefahr, gestürzt zu werden. Das legt die Interpretation nahe, der Mord an den Juden sei die von den Nazis vorweggenommene Inszenierung des eigenen Untergangs. Es bedarf für ihren Untergang keiner theologischen Erklärung, keines Strafe Gottes. Der Narzissmus besorgt das selbst, wie bei Himmler, der sich in der Uniform eines niedrigen Dienstgrades suizidiert haben soll.   


Der Film suggeriert, die universelle Moral sei zu vernachlässigen, sie sei – wie das Überich bei der Megalomanisierung des Ichideals - ohne Bedeutung. Zwar wird Joseph Süß Oppenheimer wegen der Vergewaltigung der Dorothea Sturm hingerichtet, doch auch diese Schuld vor dem Überich ist nicht Hinrichtungsgrund, sondern der nach NS-Recht als »Rassenschande« strafbare Verkehr zwischen Juden und Ariern, die Schande, » die unser Volk durch ihn an Leib und Seele erlitten hat«, so der Richter (zit. n. Gross, 32). Die Empörung angesichts der Vergewaltigung sollte radikalisiert werden zur Empörung über eine Tat, die vor der NS-Moral strengstens verboten war: die Besudelung arischen Blutes. Sie ist das eigentliche »Verbrechen«, die Schande. Süß Oppenheimer hat die Ehre, wie sie im NS definiert wird, verletzt. Aus moralischer Empörung sollte narzisstische Empörung werden. Für eine solche Empörung bildete das »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« vom 15. September 1935 den rechtspolitischen Hinter­grund", so Gross (35). In ihm wurde der biologische Begriff »Blut« mit dem narzisstischen der »Ehre« verknüpft - eine Verknüpfung, die die NS-Ideologie strukturell prägte, wie Gross immer wieder betont. Diente das Gesetz von 1935 noch der Diskriminierung und Ausgrenzung des Feindes - nach Harald Welzer ist der Versuch, Kriterien von Zugehörigkeit und Nicht-Zuge­hörigkeit zu entwickeln, diese Definition normativ zu begründen und die Zugehörigen auf die zugrunde liegende partikulare Moral zu verpflichten, erste Stufe jedes Genozids (vgl. Gross, 248) -, so eskaliert die Radikalisierung der partikularen Moral und erreicht jetzt – 1940 - im Film eine qualitativ neue Stufe, indem es zu dessen Liquidierung dient. Im narzisstischen System wird Ehrverletzung als schändliche Niederlage erlebt. Das macht die Ehre in der NS-Ideologie so zentral. Oppenheimer – so die ideologische Botschaft – verübt einen Angriff auf den völkischen Narzissmus, beschert der arischen Rasse eine Niederlage und kränkt sie damit schwer. Deshalb wird er im Film virtuell hingerichtet, wie später real Werner Holländer, der gewagt hat, „die deutsche Rassenehre in den Schmutz zu treten“, so im April 43 das Oberlandesgericht Kassel gegen (vgl. Gross, 48). Deshalb sind die Juden »eine Rasse, die ausgetilgt werden muß; wo immer wir nur einen erwischen, geht es mit ihm zu Ende«, so Hans Frank 1944 (zit. n. Gross, 98). Bedrohungswarnungen seien daran zu erkennen, dass sie prototypische Feinde aufrufen (Schneider, vgl. 227), die paranoische Vernunft ließe sich niemals überraschen (15) und spreche häufig in einem Beweisexzess (24).  Hier zeigt sich ein gewichtiger Unterschied in den moralischen Systemen: Während das Überich strafen und Wieder­gutmachung fordern würde, fordert das narzisstische Wertesystem jeden und alles zu vernichtet, was dem Ich auf dem Weg seiner Idea­lisierung zum Hindernis wird. Das Ichideal denkt eben prototypisch nach dem Alles-oder-Nichts-Verfahren. Anders gewendet: Der Ruf nach Liquidierung signalisiert, es muss einen Angriff auf den Narzissmus, entweder des Volkes oder des Einzelnen vorausgegangen sein.


Die Empörung, die der Film erzeugen wollte, war eine narzisstische Empörung. Süß Oppenheimer griff das Ichideal an, er attackierte das Selbst(-wertgefühl) der Nazis. Zwar hat er als Individuum Dorothea vergewaltigt, aber wie auch bei Werner Holländer sah man in ihm den typischen Fall eines Juden. Die Zeugin Wd. sei von Holländer nicht nur in ihrer individuellen Ehre beleidigt worden, nein, die Inti­mität zwischen ihr und Holländer habe die »deutsche Frauenehre und die deutsche Ehre schlechthin« verletzt. Das Verbrechen eines Einzelnen trifft die gesamte »Volksgemeinschaft«, die Schande haftet somit jedem einzel­nen Deutschen an (vgl. Gross, 52). „Schlechthin“ heißt: alle waren mit der idealen Mutter identifiziert, die vom Vater bzw. Juden bedroht wird, dem „Todfeind jedes Lichtes“ (Hitler), „der  das paradiesische Reich der Großen Mutter zerstört“ (Bischof, 1996, 707) Was in solchen Phantasmen unmittelbar greifbar würde, sei die »ödipale« Angst vor dem Einbruch des väterlichen Andersseins in die Ursymbiose, so Bischof (vgl. 707f). Während Frauen, mit der idealisierten Mutter identifiziert, sich den Führer in den Schoß legten, um ihn zu beschützen, zogen die Söhne in den Krieg, um die idealisierte, vom Vater/Jude/ oder Feind bedrohte, zitternde Mutter zu retten oder für sie zu sterben.


 


Süß Oppenheimer hat überdies gegen den NS-Treuebegriff verstoßen. Psychoanalytisch gesehen leugnet er seine Identität, wenn er seine jüdische Tracht ablegt und lebt fortan im ‚falschen Selbst’, d.h. er ist sich selbst untreu geworden. In einer Behandlung würde man hinterfragen, die Motive analysieren. Nicht so, wenn man einem radikalisierten Treuebegriff folgt. „Ehre kann es nur geben, wenn Bewußtsein der eigenen Art vorhanden ist; wer sich nicht - und sei es unbewusst, instinktiv - zu seiner eigenen Art bekennt, besitzt auch keine Ehre“ (Meyers Lexikon von 1937, zit. n. Gross, 74). Auch das Ablegen der jüdischen Tracht ist ein Angriff auf die NS-Moral, der Empörung hervorrufen sollte. Die Zuschauer sollten sich in ihrer Vorstellung von Treue verletzt fühlen.


Gross’ Ausführungen zeigen immer wieder die Notwendigkeit, scharf zu unterscheiden zwischen partikularer Moral resp. narzisstischer Moral und universeller Moral/Überich-Moral. Entsprechend muss zwischen moralischer und narzisstischer Empörung unterschieden werden. Hätte man sich über den Umgang der Nazis mit den Juden empört, es wäre eine Reaktion der universellen Moral/des Überichs gewesen. Die Empörung hingegen, auf die beim Publikum spekuliert wurde, war eben eine narzisstische Empörung. Das arische Volk und das, was ihm heilig war oder sein sollte, wurden getroffen. Narzisstisch empört können bereits 3-4 Monate alte Kinder sein, wenn ein Fremder anstatt der vertrauten Mutter erscheint, also lange vor der Bildung des Überichs. Mir scheint, die Radikalisierung der partikularen Moral zielte beim Publikum exakt auf diese frühe Ebene, manipulierte also  über die Regression, indem sie den Juden und andere Volksgruppen gezielt als Fremde dämonisierte. Rechtsradikale vertrauen „nur denen, die den eigenen Nestgeruch haben“ (Bischof, 738) - der Mutter.


 


 


Die Reinheit, der Terror und das Vernichten


 


Die Differenz von moralischer und narzisstischer Empörung zeigt die Problematik des Begriffes „Moral“. Gross folgt der von verschiedenen Histo­rikern vertretenen These, es habe im Dritten Reich doch so etwas wie eine »moralische Grundlage« gegeben - zumindest in den Augen der Nationalsozialisten und ihrer Anhänger. Aber eben: in den Augen der Nazis! Sie mussten sich aus naheliegenden Gründen als „moralisch“ stilisieren, um den Ausfall uni­verseller Moral zu kaschieren, ein Ausfall, der nach 1945 – wie Gross informativ und erhellend darstellt – augenfällig wurde. Das aber, was übrigblieb, kann man das als partikulare `Moral´ bezeichnen? Wird das Partikulare, wird es radikalisiert, nicht zur amoralischen Besessenheit? ‚Werte’ dienten ja nur noch der Legitimation der Liquidierung. Wenn Gross einen Arzt als Paradigma nimmt, der eine bestimmte Art von Pilzen bekämpfe und nun alle Träger dieser Pilze tötet, so entspräche dieses Vorgehen dem der Nazis. Nun sagt Gross, der Arzt handle irgendwie nach einem inneren Gesetz, „jedoch sei er kein moralisch Handelnder, sondern einfach ein von einer bestimmten Idee Besessener“ (206, kursiv T.E.). Das heißt: die Nazis waren keine moralisch Handelnden, sondern Besessene, die in Gewalt, Terror, Krieg ihren destruktiven Narzissmus agierten, eine Form des Narzissmus, die brandgefährlich werden kann. Das Ichideal ist voller Hass – die Psychoanalyse spricht von narzisstischer Wut -, weil es überall an seine Grenzen stößt, was es höchst aggressiv macht und ihm seinen Furor gibt. Von „Moral“ kann bei dieser Radikalisierung keine Rede mehr sein.


Zwar reklamierte z.B. Himmler eine Moral im Sinne des Überichs, jedoch heuchelte er nur, womit er dessen Ausfall bestätigte. In seiner Posener Rede (4.10.1943) hatte er eine »ganz klare Lösung« der »Judenfrage« eingefordert (worunter er den Massenmord auch an jüdischen Frauen und Kindern verstand) und gleich­zeitig die »Anständigkeit« seiner SS-Männer beschworen. Diese bezog sich darauf, die Vernichtung der Juden nicht zu persönlicher Vorurteilsnahme auszunutzen: »Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen. Wir haben aber nicht das Recht, uns auch nur mit einem Pelz, mit einer Uhr, mit einer Mark oder mit einer Ziga­rette oder mit sonst etwas zu bereichern.« (zit .n. Gross, 144, kursiv T.E.). Dabei wusste Himmler, dass die SS ihre Opfer auch ausgiebig beraubte (vgl. Gross, 144f). Eine »ganz klare Lösung« meint: eine saubere Lösung; keine jüdische Frau, kein Kind soll das Reinheitsideal beschmutzen. Ein „sich „bereichern“ an den Mordopfern hingegen würde den „sauberen“ Mord beschmutzen. In dieser Logik artikulierte sich das „pervertierte Ideal“ einer anständigen SS (Gross, 159), aber auch dieses „an­ständig“ kann nicht im Sinn einer Moral, sondern muss im Sinn eines Perfektionsanspruchs, also der Idealität verstanden werden. Zum pervertierten Ichideal gehören schamloser Eifer, Ehrgeiz, Verbohrtheit und Reinheit. Das kann man allenfalls – psychoanalytisch gewendet – als „Sphinktermoral“ bezeichnen, will man am Moralbegriff festhalten. Aus Perspektive des Überichs/ der universellen Moral ist der NS zutiefst unanständig. Interpretationen, die die NS-Zeit als eine „amoralische“ Zeit verstehen, würde ich deshalb nicht so schnell von der Hand weisen, wie das bei Gross manchmal der Fall ist. Der Wahrheit jedoch kommt – wie immer - eine Fehlleistung näher, hier die des braunschweigschen Landtagsabgeordneten Madel, der auf einer Versammlung lautstark verkündete: „Volksgenossen! Glaubt mir das eine – unsere Führer, die werden den Dreck schon aus dem Schlamm ziehen!“ (Hoyau, 1976, 107). Bei so viel Dreck muss die Reinheit hoch gesockelt werden. Und was der Braunschweiger aber von seinen Führern hielt, ist ein weiteres Beispiel für die Entwertung des  (Ich-)Ideals.


Für die geheuchelte universelle Moral war der SS-Richter Konrad Morgen zuständig. Er sorgte dafür, dass das „moralische Recht“ zum Morden in Reinheit, d.h. ohne Rauben erfolgt. Morgen ver­folgte das Reinheitsideal störende raubende SS-Angehörige, womit er sich naturgemäß Feindschaft unter den SS-Leuten zuzog. Morgens Empörung, so Gross, blieb ganz auf die Unsauberkeiten in den eigenen, »arischen« Reihen fokussiert, auf die Schande, die diese in seinen Augen sowohl über die SS als auch über das deutsche Volk gebracht hatten. Morgen war als SS-Richter narzisstisch empört über die eigene Befleckung, nicht moralisch wegen des Mordens. Gross zufolge bleibt unklar, ob Morgen sich vor 1945 überhaupt über die Morde an den Juden empört habe oder ausschließlich über die korrupten Begleitumstände. Womöglich habe ihn die (befleckende, T.E.) Korruption so sehr gestört, dass sie ihn zu seinem halbherzigen Fluchtversuch in  Richtung Schweiz motivierte (vgl. Gross, 169).


 


Subsumiert man die NS-„Anständigkeit“ nicht unter Moral, sondern unter Perfektion, könnte sich ein Widerspruch lösen, den auch Harald Welzer beschäftigt. Er fragt: Wie konnten die NS-Täter so unmenschliche Verbrechen begehen und gleichzeitig den Anspruch auf moralisches Handeln aufrechterhalten? (vgl. Gross, 247). Ersetzt man den Anspruch auf moralisches Handeln durch die narzisstische Forderung nach Perfektion, so löst sich der Widerspruch auf: Die NS-Täter konnten so unmenschliche Verbrechen begehen und gleichzeitig den Anspruch nach Perfek­tion aufrechterhalten, indem sie perfekt gemordet haben. Welzer folgert: »Das Verhältnis von Massenmord und Moral ist nicht kontradiktorisch, sondern das einer wechselseitigen Bedingung. Ohne Moral hätte sich der Massenmord nicht bewerkstelligen lassen« (zit. N. Gross, 248). Aus Sicht des Überichs ist diese Einschätzung nicht haltbar. In meiner Lesart: Das Verhältnis von Massenmord und Perfektion ist nicht kontradiktorisch, sondern das einer wechselseitigen Bedin­gung. Ohne Perfektion hätte sich der Massenmord, wie sie ihn durchführten, nicht bewerkstelligen lassen.


 


Aus Sicht einer Psychopathologie, der ein megalomanes Ichideal zugrunde liegt, würde ich nicht von Moral sprechen, sondern davon, dass die Nazis getrieben waren von einem pathologischen narzisstischen Anspruch (einem „pervertierten Ideal“), der den Anspruch an andere implizierte, ihren NS-Narzissmus zu bedienen. Dieser Anspruch beruhte auf paranoiden Gewissheiten und Beweisen für ihre artifizielle Welt-Deutung (vgl. Schneider, 2010, 603). „Die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht“, so Schneider (ibid., 667). Dass der NS-Narzissmus eng mit der Paranoia verkoppelt war, ist nicht zu übersehen. Der Wunsch des Attentäters, sich an die Stelle seines Ideals zu setzen, ist hier das geeignete Paradigma. Schneider gibt hierfür überzeugende Beispiele. Jeder und alles, was diese Gewissheiten infrage stellte, musste beseitigt werden, nicht aber aus moralischen Gründen, sondern weil jeder Anflug von Zweifel eine Bedrohung der von der Kontingenz der Ereignisse befreiten artifiziellen Welt-Deutung darstellte. Paranoia bezeichne alltagssprachlich als auch klinisch ein breites Spektrum von Phänomenen: auf Deutungen beruhende Halluzinationen, Verfolgungswahn, Größenwahn, Kontingenzblindheit und der Verdacht einer Verschwörung (vgl. Schneider, 22). Das aber musste zu „ewiger Unruhe“ führen, so Schneider. „Denn um sicher zu gehen, montiert der paranoische Beweisgang in minuziöser Kleinarbeit Texte, Zeichen, Blicke, Gesten, Traume, Flimmern, Gedanken, ja selbst den Flug der Fliegen zu Botschaften feindlicher wie freundlicher Kräfte. So abwegig und verrückt ihre Deutung auch ausfallen kann, alle Paranoia verfahrt zumeist selbstgewiss and methodisch: Sie weiß von  keinem Zweifel, sie kennt keinen Zufall, sie gibt den Zeichen von außen und von innen, die sie deutet, monotone Ursachen. Sie badet in unerschütterlichen Überzeugungen. Das gilt für ihre kleinen wie großen Formen, für das Gefühl der Mission wie für die Idee der Verfolgung. … Die Paranoia folgt keinen momentanen Eingebungen. Was ihr plötzliche eherne Gewissheiten eingibt and was sie dann bisweilen zur Tat treibt, das hat sie mit ungeheurer Geduld and unvergleichlichem Scharfsinn aus dem Rauschen der Dinge herausgelesen. Niemals sind ihre Grunde trivial. Sie sind stets großartig, gefährlich, riskant, and dieses imposante Format der Grunde für ihr Tun rührt daher, dass für sie Ungeheuerliches auf dem Spiel steht: Reiche, Herrschaften, Gott, Weltordnungen, der Friede, die Wahrheit selbst.“ (ibid., 181). Neuere psychiatrische und neuropathologische Forschung rücke inzwischen vom Konzept eines eigenen, gegenüber der Normalität scharf abgegrenzten Krankheitsbildes der Schizophrenie ab. In diesem Sinne versteht Schneider die paranoische Vernunft nicht als Krankheit, sondern denkt sie in einem Kontinuitätsmodell. Die Formel, die hier vorläufig alle diese paranoischen Züge zusammenfasst, heißt Fatumsgewissheit und artifizielle Deutung (2010, 22f).


 


Die Idealisierung, so Grunberger 1984, ver­schleiere nur die primären Instinkte, die in uns wohnten. Idealismus und menschliche Bosheit gäben ein gutes Paar ab. Besondere Bedeutung bei dieser Paarbildung käme der Reinheit zu. Die Forderung nach Reinheit sei ein narzisstisches Ideal von Allmacht und absoluter Souveränität, aus dem die Triebdimension völlig ausgeschlossen wäre. Die Forderung nach Reinheit erhebt auch die politische Paranoia, wie schon ihre alle Kontingenz der Ereignisse und die wachsende Komplexität der politischen Welt ausklammernde und deshalb monoton und monokausal ausgelegte Weltdeutung zeigt. Diese Reinheit, so Grunberger,  habe nichts mit konkreter Sauberkeit oder Beschmutzung zu tun. Man erhebe sich (über seine Triebwünsche, T.E.) zur Reinheit und entferne sich damit von der Realität. Die Redewendung »pur et dur« (rein und hart) bringe den Zusammenhang zwischen Reinheit und Aggressivität zum Ausdruck. Reinheit berge Grau­samkeit in sich wie die Wolke das Gewitter. Grunberger kann sich auf Spezialisten berufen. Von Robespierre stamme das Doppelgespann Terror und Reinheit. Der Unbestechliche verkörpere die Reinheit, der Begriff Tugend könne entsprechend dem Zeitgeist als eines seiner Synonyme betrachtet werden. Dostojewski sei besessen von dem gleichen Gegensatzpaar und Camus spreche in Der Mensch in der Revolte von der Reinheit des Terrors und unterstreiche so, auch wenn er die Terroristen als die »zarten Reinen« bezeichne, den narzisstischen Ursprung dieser Paar­bildung. Die Verfolgung des Reinheitsideals öffne Massakern, Folter, Gehirnwäsche und der Erzwingung von Geständnissen Tür und Tor, und dies umso mehr, als der narzisstische Mensch, der an der Reinheit seiner Über­zeugung zweifelt, sich zu ständiger Steigerung gezwungen sähe, um sich seine Glaubenstreue zu beweisen. Ohne ihre Stütze drohe ihm der Zusammenbruch (vgl. Grunberger, 1984, 51ff). Die oben erwähnte Perfektion kann dieser ständigen Zweifel wegen zum Zwang werden. Um sein Reinheitsideal zu erreichen, geht das Ich „über Leichen“ - „ohne Rücksicht auf Verluste“, wie es heißt. Aktuelle Beispiele hierfür sind die Körpermanipulationen der Anorexie und des gegenwärtigen Schön­heitskults. Hier wütet das Ichideal gegen den Leib, weil dieser die Reinheit des idealen Körpers mit Fett und Altern beschmutzt. Man internalisiere die vielgesehenen Bilder als Muster der eigenen Wahrnehmung und ver­gleiche die Models mit dem eigenen Aussehen. Je mehr man darüber wüsste, desto mehr würden Maße, Ge­wichte, Lidschwung und Nasenform zu „tyrannischen Richtern des ei­genen Selbstbewusstseins“, schreibt Böhme (2003, 196f, kursiv T.E.). Der Zwang zur ständigen Steigerung ist auch unschwer im modernen Wachstumswahn zu erkennen. 


All dies zeigt zum einen, wie tyrannisch sich narzisstische Bedürfnisse gebärden und mithin zum Zwang werden können, zum anderen, wie diese Bedürfnisse verschwistern sind mit der Sorge um Zugehörigkeit zu oder Ausgeschlossensein aus dem Kollektiv.


Im Nationalsozialismus zeigt sich das Reinheitsideal bzw. der Zwang zum Erhalt der Reinheit in den Gesetzen zur Rassenhygiene und in der erbarmungslosen Perfektion und Präzision des Mordens. War die »Ehre des gesamten deutschen Volkes«, also seine Selbstachtung, wegen jüdischer Beschmutzung arischer Reinheit  verletzt, war es Gesetz, diese Tat zu rächen. Rache war damit juristisch legitimiert. Nach erfolgter Kränkung Rache zu nehmen ist Bedürfnis des narzisstischen Systems. Alon Confino vertritt die Auffassung, der totale Krieg und der Holocaust seien nicht Folge eines Werteverfalls gewesen, son­dern »moralische Werte« hätten mit dazu beigetragen, die extremen Bedingungen des Krieges herbeizuführen (vgl. Gross, 96). Ist mit »moralischen Werten« der narzisstische Anspruch nach Reinheit/Perfektion gemeint, stimme ich ihm zu. Morden/ Krieg führen hieß in der NS-Logik neben Raumeroberung das Reinheitsgebot einhalten. Im narzisstischen System gilt das nicht als verwerflich, sondern als „anständig“. Geht man von einer „paranoide Vernunft“ (Schneider)  im NS aus, so sind Mord und Krieg zwingend logisch. 


 


Wenn v. Hippel meint, die Deutschen Arier seien von 1933 bis 1945 blind einem fremden Gesetz gefolgt, dass die wirklichen Opfer Hitlers die Deutschen seien, die ihm gehorcht, sich täglich einem »freiwilligen Zwang« unterworfen und ständig Scheinbekundungen abgegeben hätten, die nicht ihrer wirklichen Gesinnung entsprachen (vgl. Gross, 133), so erscheint dieser „Zwang“ jetzt in anderem Licht. Anstatt eines Zwangs zum Gehorsam dürfte es sich um einen Zwang zur Idealität im Rahmen einer gemeinsam geteilten paranoiden Vernunft gehandelt haben, gekoppelt an den Wunsch nach Zugehörigkeit, die dem NS zugearbeitet hat. Zurecht kritisiert Gross, dem Aspekt der »Freiwilligkeit« gehe v. Hippel nicht weiter nach (vgl. 133), denn der National­sozialismus habe vermocht, sich in großem Maße als ein intersubjektiv geteiltes Normensystem durchzusetzen.  Ohne die Bindungskraft moralischer Gefühle (ich meine: narzisstischer Bedürfnisse, T.E.) hätte er nicht existieren können. Charakteristisch für den NS seien gerade nicht teilnahmsloses Zuschauen, Billigen, fragloses Gehorchen und der Glaube an Hierarchien, der autoritäre Systeme überall auf der Welt kennzeichnet, sondern die unverhohlene Begeisterung und die innere Überzeugung, mit der viele ihm gefolgt wären. So sei z.B. das begeisterte Engagement deutscher Juristen für den Nationalsozialismus kurz nach Hitlers Ernennung zum Kanzler erklärungsbedürftig (vgl. Gross, 131). Schneider spricht gar vom „Feuereifer“, mit dem viele deutsche Hochschullehrer jüdische Kollegen denunziert und aus dem Amt gedrängt hätten (vgl. 608). Vermutlich ging es auch hierbei um das Feindbild, das denunziert wurde, nicht der konkrete Kollege. Die Einstellung zur NS-Ideologie dürfte von der je persönlichen Beschaffenheit des Ichideals abhängig gewesen sein, davon, wie groß die Kluft zwischen Ichideal und Ich und damit die Anfälligkeit für Ideologien war. Bei den ganz Überzeugten wie Konrad Morgen dürfte die Kluft so groß gewesen sein,  dass die NS-Ideale im versprochen haben, sein Ich könnte mit seinem Ideal identisch werden. Gemäß dem Modell der kom­munizierenden Röhren reguliert sich damit auch die Einspruchsmöglichkeit der universellen Moral/ des Überichs. Sie dürfte bei ihm gegen Null gegangen sein.


 


Ich habe diese Kluft als nicht messbar, nicht berechenbar und vorhersehbar bezeichnet. Sie ist ein Ort der Kontingenz. Sie ist zugleich der Ort, an dem der wegen durch die Kluft erzeugten Spannung Gewalt entstehen kann, Gewalt gegen das Selbst (etwa in Form eines Suizids) oder gegen andere. Diese Gewalt ist zwar vorhersehbar, aber nicht vorhersagbar. Deshalb läuft nach Attentaten, Amokläufen etc stets der gleiche Mechanismus ab: Entsetzen, Hilflosigkeit, Suche nach Gründen und Schuldigen, ein Mechanismus, der regelmäßig ins Leere läuft, weil alle Versuche der Vorhersagbarkeit scheitern. „Und wie jedes Mal, wenn plötzlich Grausamkeit and Gewalt einzelner Menschen die scheinbar sichere Ordnung erschüttern, setzte in der Öffentlichkeit eine hektische Deutungsarbeit ein, die vor allem den Sinn hatte, das erschütterte Vertrauen in die Vorhersehbarkeit der Dinge und die Verlässlichkeit der Mitmenschen wiederherzustellen. Wenn normale, intelligente, ersichtlich nicht geisteskranke Menschen solche Untaten begehen können, so die selbstverständliche Annahme, müssen sie unter großen äußeren wie inneren Belastungen gelitten haben“ (Sorg, 2011,33).


 


Gross fragt, ob wir es mit einer pervertierten moralischen Leidenschaft zu tun hätten, die in Rassismus­analysen so oft ignoriert würde (52), es falle „die sadistische Leidenschaft“ (38) auf, von der die scheinbar so trockenen antisemitischen Gesetzestexte und Richtlinien geprägt seien und rekurriert auf Freud und Sartre, die auf das Element der Leidenschaftlichkeit im Antisemitismus hingewiesen haben. Aber: Handelt es sich bei dem Zwang zu „ständiger Steigerung“ (Grunberger)  der Reinheit, die in den Terror führt, wirklich um Leidenschaft?


 


Ich finde den Begriff irreführend. Er ist zu positiv konnotiert, zu sehr suggeriert er Lust, Sinn­lichkeit und vor allem Objekterhalt. Dem Narzissten geht es nicht um Sinnlichkeit, er prahlt allenfalls damit, um sich zu idealisieren. Und auch das Adjektiv „sadistisch’ ist problematisch. Sadismus setzt „Einfühlung“ ins Opfer voraus, sonst könnte der Sadist dessen Leiden nicht nachfühlen und er hätte nichts von seiner Lust daran. Auch ist der Sadist nicht an der Ver­nichtung seines Opfers interessiert - De Sades Opfer kehrten nach der Qual körperlich unversehrt zurück -, allenfalls, wenn überhaupt, an dessen qualvollem Tod. Dem Narzissten hingegen fehlt das Einfühlungsvermögen. Er ist am Objekt nur solange interessiert, solang es seinem Narzissmus dient.  Ziel des NS-Narzissmus war Reinheit/Perfektion, der Mensch zählte nicht. Formulierungen wie „mit ganzem Herzen“ hätten diese Menschen ihre Mission erfüllt, Juden zu ermorden, so Lozowick (vgl. Gross, 179), mögen die Diagnose einer Leidenschaft nahelegen, aber auch die Reinheit/Perfektion wird „mit ganzem Herzen“, genauer: mit rasender Vernunft verfolgt. Und auch der Begriff des „Begehrens“ (Goldhagen) trifft’s nicht. Wer begehrt, hofft auf Zukunft, d.h. er hat ein Zeitgefühl. Der Narzisst hat das nicht. Ihm ist Zeit wie alle Begrenzung ein Greuel, er denkt und fühlt zeitlos. Die Vorstellung eines ‚tausendjährigen Reiches’ ist schon bezeichnend. Überdies: Begehren lässt sich zurückstellen, lässt sogar Verzicht zu. Narzisstische Bedürfnisse erlauben das nicht. Wie Körperbedürfnisse auch ver­langen sie gleich und immer wieder befriedigt zu werden, andernfalls erzwingen sie Befriedigung mit Gewalt. Nicht zufällig greift Gross zu einer bezeichnenden Metapher: „Noch in Walsers Rede ist der Widerhall jener Sehnsucht nach Notwendigkeit der Aus­zeichnung der eigenen Gemeinschaft zu spüren, die auch Himmlers Rede nicht zu stillen vermochte“ (ibid., 235). Eben: stillen. Narzisstische Bedürfnisse müssen gestillt werden, Begehren hofft auf Erfüllung. Wären die Nazis vom Begehren geleitet worden, hätten nicht Millionen ihr Leben lassen müssen.  Auch wenn ich oben davon sprach, Hitler wäre als Ichideal libidinös besetzt gewesen, also geliebt worden, so ging es dabei nicht - wie beim Begehren - um eine objektgerichteten Libido, um eine Beziehung nach dem „Anleh­nungstypus“, wie die Psychoanalyse sagt, sondern um eine narzisstische Libido, um Selbstliebe eben.


‚Leidenschaft’ passt auch nicht, weil wir uns im Bereich der Psychopathologie, hier des Zwangs zur Idealität, die  Suchtcharakter haben kann und der Perversion bewegen, beide narzisstische Erkrankungen. Sucht bedeutet Abhängigkeit, und die vereitelt Leidenschaft und die „Leidenschaft“ des Perversen wird nur von ihm behauptet, tatsächlich aber bleibt er an ein Ritual fixiert. Auch wahnhafte Angst – „dieses Volk, das uns umbringen wollte (Himmler) - die Angst, von der eigenen Projektion verfolgt zu werden, wesentliches Motiv des NS-Antisemitismus, lässt Leidenschaft nicht zu, denn die Hypervernunft der Paranoia hat ebensolchen Zwangscharakter, weshalb sie leicht mit Moral verwechselt werden kann. Die Paranoia: Juden sind eine bösartige fremde Rasse, die eine Gefahr für die gutartige Rasse der Arier darstellte (vgl. Gross, 250), diese Projektion war Anlass zu gigantischer Kränkung und Empörung, weil die Ideologie eine Gefahr unterstellte, die vom Narzissten als dreiste Anmaßung empfunden wird und von den Nazis mit dem Mechanismus aggressiver Selbstidealisierung als Abwehr der Angst davor beantwortet wird. Bei der NS-Paranoia ging es um eine Paranoia vor einem narzisstischen Super-GAU, der durchaus als „psychischer Tod“ erlebt werden kann. Die Paranoia vermute eine Konspiration im Weltmaßstab, schreibt Schneider (25). Die Vermutung kann auch die innere Welt einbeziehen.


Die narzisstische Abwehr diente offenbar dazu, jeder befürchteten Kränkung seitens der Juden zuvorzukommen und die Gefahr vorsorglich aus der Welt zu schaffen. Das klingt mehr nach Panik als nach Leidenschaft. In Panik zu sein erzeugt bei Narzissten Wut. Was so „leiden­schaftlich“ aussieht, scheint demnach eher narzisstische Wut zu sein, die zur Ausrottung führen kann, denn jeder einzelne Jude war eine Gefahr fürs ganze Volk. Das Hochgefühl, die beim Ausrotten so „leidenschaftlich“ daherkam, war der empfundene Triumph, wenn  man des gefürchteten Objekts, des Feindes habhaft wurde und damit die kränkende Angst hinfällig war. Das bereitete manische Lust. Hinzutrat die Erregung, wieder einen Beweis für die Paranoia gefunden zu haben. Es mag irritieren, aber exakt dieser Mechanismus heilt in der Psychotherapie: ein psychisches Symptom, das nicht verstanden ist, weil seine Herkunft und Bedeutung unklar ist, beunruhigt, macht Angst. Darum wünscht sich so mancher Patient lieber ein körperliches Symptom. Er wüsste dann wenigstens, was er hätte. Ist Sinn und Herkunft des Symptoms aber geklärt, ist die Angst weg, das Symptom verliert seine Bedeutung und der Patient sagt, es jucke ihn nicht mehr. D.h., von einem Gefühl beherrscht bzw. von einer Person in Angst versetzt zu werden ist unerträglich. Diesen Zustand zu beenden zählt mehr als ein Menschenleben.


 


Wenn Gross die These vertritt, diese Leidenschaft gewinne ihre Brisanz dar­aus,  sich auf geteilte und gegenseitig einforderbare Gefühle von Scham, Groll und Empörung stützen zu können, dann muss der subjektive Faktor deutlich gekennzeichnet werden, sonst bleibt er einer Milieutheorie verhaftet. Zum subjektiven Faktor gehört die narzisstische Anfälligkeit der Subjekte, ihre narziss­tische Verführbarkeit, das, was Chasseguet-Smirgel das neotonisch verursachte Lechzen nach Illusionen nennt, die Sehnsucht nach dem Paradies, das sich Götter schaffen und der Wunsch nach Einswerden mit ihnen.  Die narzisstische Anfälligkeit erzeugt die unverhohlene Begeisterung und bewirkt das subjektive Entgegenkommen, das „dem Führer entgegenarbeiten“ (Kershaw). Der Groll entzündet sich, weil die Juden angeblich die Sehnsucht nach dem Paradies vereiteln. Ohne diesen subjektiven Faktor hätten die Nazis nicht ihre Wirkung erzeugen können. Wie die Werbung erzeugt die Ideologie keine neuen Bedürfnisse, sondern bedient sich der vorhandenen. Ohne dieses Lechzen kein Fortschritt – und keine Ideologie. Im Nationalsozialismus geschah dies m. E. durch die Mobilisierung basaler narzisstischer Bedürfnisse und Ängste, die, ideologisiert, radikalisiert und in Gesetze festgeschrieben wurden


 


Nun ist Gross zuzustimmen, wenn er sagt, auch eine psychologische Analyse der antisemitischen Leidenschaft - selbst wenn sie die verschiedenen Äußerungsformen genau untersucht und zusammenfasst – sei nicht dazu in der Lage, die gesamtgesellschaftlichen Wirkungen und Artikulationen des Antisemitismus zu erklären (vgl. 39). Aber welche Analyse kann das schon leisten!


 


 


Das Versprechen des Körpers


 


Die Radikalisierung sei für das Wiederauftauchen historisch für überholt gehaltener Parti­kularismen wie Rassismus, Sexismus, Sklaverei etc. mitverantwortlich, so Gross.  Wo aber ist das NS-spezifische? Gross zufolge sind es die Nürnberger Gesetze, insbesondere das »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«, das am 15. September 1935 auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg verkündet wurde und das die »Treue zum arischen Blut« zum Rechtsgut erklärt (vgl. Gross, 89). ). Diese Verknüpfung von Blut und Ehre, so Gross, habe die NS- Ideologie strukturell geprägt (ibid., 35). 


 


Ich greife diese These zur Spezifität auf, denn in diesem Gesetz wurden Ehre und Treue direkt mit dem Körper verknüpft. Die Biologisierung der Ideologie, ihre biologische Verankerung setzte an der Manipulation des Körpers, genauer: an den Körperphantasien an. Zu den basalen Körperängsten gehört die Angst, Böses könnte in den Körper eindringen und ihn von innen her verschlingen oder zerstören. Exakt hier setzte die Mani­pulation an, indem sie erst Angst schürte, und dann zur Abwehr dieser Angst eine Ideologie anbot: die Idealisierung des Blutes zum reinen arischen Blut. Die nationalsozialistische Apokalypse habe die verheißene Erlösung als Reinigung, als "Reinheit des Blutes" ins Bild gebracht, so Vondung (1991, 104).


 


Was an der Idealisierung des Blutes für viele attraktiv gewesen sein dürfte, war das Versprechen des idealen Körpers, das den Körpernarzissmus des Einzelnen befriedigte. Floss das gute, das richtige Blut in den Adern, war der Körper ein Ideal­körper, eine Vorstellung, die stets die Illusion beinhaltet, autonom und unverwundbar zu sein – wie bei Siegfried. ‚Unverwundbar’ heißt: nicht kastrierbar. Nicht kastrierbar bedeutet: nicht von der Mutter getrennt zu werden bzw. zu sein, letztlich: unsterblich, eben göttlich zu sein. Die […] existentielle Bedeutung der erhofften Erlösung, so Vondung, (1991) habe  sich symbolisch darin ausgedrückt, daß vom Nationalsozialismus sogar erwartet wurde, er werde über das Grundübel menschlicher Existenz triumphieren, über den Tod. Vondung erwähnt Gerhard Schumann, der in seinem Mysterienspiel Tod und Leben die Getreuen, die sich um ihn scharen, den Sieg über den Tod davontragen lässt (vgl. 104). Das heißt jedoch nicht, der Tod würde gemieden, vielmehr wird er als Verschmelzung mit der Mutter, als  Leben in der zeitlosen Symbiose ersehnt. 


Wie beeindruckt man von der Vorstellung war, einen idealen Körper zu besitzen, zeigt die Wirkung des Films »Nibelungen« von Fritz Lang. Seine große Wirkung hätte der Film seinem Thema zu verdanken, so Johann. Er habe eine erste Welle des deutschen Nationalbewußteins ausgelöst, das sich nach den Schreckwirkungen der Niederlage von 1918 verflüchtigt zu haben schien. Wenn sich die halbexpressionistischen Dekorationen der Königsburg zu Worms oder des Etzelpalastes bald im Anstrich noch des kleinsten Provinzcafes wiederholten, so wäre das nur der Beweis dafür, wie tief die entsprechenden Gefühlsschichten berührt worden seien. Und von der modischen Ausstattung der edlen Kriemhilde hätte eine direkte Linie zur Gewandung der Hitlerschen Frauenorganisationen geführt, die Runennadel inbegriffen. Vom Ideal des blonden Siegfried ganz zu schweigen, seien dies Wirkungen, von denen sich Fritz Lang jedoch nichts habe träumen lassen. Abwegig wäre es, die Ufa damit belasten zu wollen, sie sei damals von Männern geleitet worden, deren Namen man zehn Jahre später nur noch mit dem Prädikat »Untermensch« hätte nennen dürfen (1959, 126).


Wie im NS das Körperideal aufgebläht und monumentalisiert wurde, zeigen Aufmärsche und Architektur. Die Psychoanalyse versteht Bauwerke – in Anlehnung an die Traumsymbolik und den Volksmund, der das „Frauenzimmer“ oder „Altes Haus“ zur Charakterisierung von Personen kennt - als erweitertes Selbst. Ich erwähnte Chasseguet-Smirgels Bemerkung, die Homogenisierung der Masse erlaube jedem Mitglied, sich ein allmäch­tiges Ich, einen „kolossalen Körper“ zuzuschreiben (vgl. 1975, 88). Die Homogenisierung zum Kolossalkörper kann lustvoll erlebt werden, weil die bedingungslose Selbstauflösung in der Symbiose freudig akzeptiert wird (vgl. Bischof, 721).


 


Aber die Idealisierung des Körpers macht ihn zugleich auch angreifbar. Die Illusion der Unverwundbarkeit konnte der Paranoia und der Triebrealität nicht standhalten. Sie war gefährdet, der Körper anfällig für Angriffe und Verletzung. Beschmutzt werden kann nur was rein ist.  Der Körper hatte – wie Siegfrieds Körper - eine Schwachstelle. Zwar kann die Verschmelzung ins Homogene zum Kolossalkörper lustvoll erlebt werden, sie kann aber ebenso schwere Angst vor einem Identitätsverlust auslösen, weshalb im NS die Gegensätzlichkeit von Mann und Frau überbetont und die Homosexualität dämonisiert werden musste (vgl. Bischof, 1996, 735). Die Paranoia sei auch eine Entmannungsfurcht, so Schneider (299). Diese Angst machte den kolossalen Körper fragil. Mit anderen Worten: Die Attraktivität des idealisierten Körpers machte ihn zugleich anfällig für Kränkungen. Als Feind des idealisierten Blutes wurde das ‚unreine' Judentum ausgemacht: „Man kenne sich kaum mehr aus in all dem Unrat von Lüge, Schmutz, Blut und viehischer Grausamkeit“, notierte  Goebbels (zit. n. Vondung, 104), und Rosenberg: „Entweder steigen wir [ ... ] zu einer reinigenden Leistung empor, oder aber auch die letzten germanisch-abendländischen Werte der Gesittung und Staatenzucht versinken in den schmutzigen Menschenfluten der Weltstädte.“ (zit .n. Vondung, 104). Das Gesetz von 1935 bereitete die rechtspolitische Handhabe zur Liquidierung des schmutzigen Feindes vor, wie der Film Jud Süß vorführte. Tatsächlich ging es in ihm häufig um Körper und Körperäqui­valente. So sollten Körperhaltung und Gestik die Unaufrichtigkeit des Juden dokumentieren (vgl. Gross, 29). Und wenn Oppenheimer dem Herzog vorschlägt, die gültige Landständische Verfassung außer Kraft zu setzen, die Struktur des Volks- bzw. Staatskörpers also, so könnte man das symbolisch als jüdischen Angriff auf arisches Blut verstehen, der die körpereigene Abwehr unterwandert und sich mehr und mehr ausbreitet. Juden als tödliche Bakterien, Blutvergifter, die alle infizieren, die ihnen zu nahe kommen Der Film suggeriert: Bei Kontakt mit Juden droht Toxikämie - der Herzog stirbt plötzlich(!). Vondung (1991) hat darauf hingewiesen, der angst- und lustvoll erwartete Untergang der alten Welt würde oft in Bildern zerstörerischer Naturgewalten vergegenwärtigt, in Bildern von Flut und Sturm, Feuer und Erdbeben. Der strikte Dualismus der Apokalypse, die radikale, auch moralisch wertende Trennung zwischen der defizienten alten Welt und dem erhofften neuen Zustand, drücke sich in Bildern des Schmutzes und der Reinheit, der Krankheit und Gesundung aus. Der 'böse Feind' würde als Bestie, als grausames und heimtückisches, widerwärtiges und ekelerregendes Tier gemalt.  Um das Judentum als bösen Feind besonders gefährlich und widerwärtig zugleich erscheinen zu lassen, wäre der Bildkornplex 'Schmutz-Flut' noch mit Ungeziefer assoziiert worden. So habe der Film Der ewige Jude die historischen Wanderungsbewegungen der Juden in Europa immer wieder mit Einblendungen dahinströmender Ratten kommentiert (vgl. 104).


 


Geht man historisch einen Schritt zurück, kann man sehen, woher das Unheil kam, das dem arischen Blut drohte: aus dem Wasser - eine gruselige, dem spezifischen NS-Irrationalismus entsprungene archaische Phantasie, nicht zufällig Topos zahlloser Horrorfilme. Bereits vor 1933 war Juden in vielen deutschen Seebädern der Zutritt verboten. Den Grund nennt Sartre: „Die Deutschen […] glaubten, das ganze Bassin würde verunreinigt, wenn der Körper eines Juden hineintauchte“ (zit. n. Gross, 17). Radikale antisemitische Strö­mungen sahen bereits in der flüchtigen Berührung, selbst im Anblick eines Juden Anlass zu Ekel und Abscheu, zuverlässiger Hinweis, dass man sich den Kontakt mit Juden unbewusst eng körperlich vorstellte. Diskriminierung und Ausgrenzung der Juden erfolgte also bereits früh über deren Körper - beim Baden - und die Ekelschranke wurde gesetzlich verankert. Mit den Badegesetzen kamen auch die Richtlinien für »Anträge auf Namensänderung seitens Juden«, das »Verbot, bei telephonischer Übermittlung von Telegrammen jüdische Namen zum Buchstabieren zu benutzen«. Die Bezeichnung »S wie Siegfried« aus der Buchstabiertafel von 1934 hat den bis dahin geltenden hebräischen Namen Samuel ersetzt, und es gab den Arierparagraph im Sport. Die körperliche Ausgrenzung der Juden erfolgte also nicht nur aus den Bädern, sondern auch aus dem „Sprachbad“ (Anne Anzieu), als würde auch die Sprache beschmutzt. 


 


Kurzum: Schon der Ansteckungsantisemitismus beinhaltete das Thema Reinheit, wurde mit irrationaler Berührungsphobie begründet und zielte darauf ab, jeden Kontakt zwischen Juden und Ariern zu unter­binden. Dazu musste der jüdische Körper als hässlich, abstoßend und ekelhaft etikettiert werden. „Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, der soll nicht deinen Strand genießen, der muß hinaus! Der muß hinaus! Hinaus!« (so im Borkum-Lied, vgl. Gross, 44). Hier wird nicht argumentiert, sondern imperativ gegrölt. Die Strategie der Entwertung, Vorstufe der Liquidierung,  begann am fremden Körper. Man hielt sich selbst für rein, indem man den Juden beschmutzte. So musste man sich nicht vor dem eigenen Schmutz ekeln. Sicher geht es im kontagionistischen Antisemitismus um eine Paranoia (vgl. Gross, 44), auch wenn sie statistisch „normalisiert“ wurde, da sie von vielen geteilt und schließlich gesetzlich sanktioniert war. D.h., aus der Berührungsphobie wurde eine handfeste Paranoia, die häufig als Reinheitswahn läuft (vgl. Schneider 420) und die zur Grundlage geteilter Moralvorstellungen, zur „paranoiden Vernunft“ (Schneider) wurde.


 


Gross meint, Sartres Beobachtung sei zwar wichtig, doch das öffentliche Badeverbot für Juden ließe sich nicht allein aus einem auf das Physische beschränkten Reinheitswahn erklären (vgl. 43). Das wäre in der Tat konkre­tistisch. Es geht um das narzisstische Ideal Reinheit. Andererseits, hier auf der Körperebene geht es im Erleben des Einzelnen eben doch noch konkret zu und wurde damals durch die konkretistisch verzerrte Biologisierung auch so suggeriert: Wer sich vor dem Juden schützt, bleibt gesund. Das war Volksmedizin, eine Art Massenimpfung. Das bedeutet, das narzisstische Ideal der Reinheit hat eine Geschichte, die beim Kör­per beginnt.


Zu harmlos bleibt Gross’ Interpretation, die Badevorschriften seien vom Wunsch inspiriert gewesen, arische Geselligkeit frei von jeglichem Kontakt mit Juden zu genießen (vgl. 43, kursiv T.E.). Sie lässt offen, wieso das gemeinsame Baden mit Juden den Genuss stören sollte. Das kann doch nur die Angst vor gesundheitsbedrohender Ansteckung gewesen sein. Die Wiederholung im Borkum-Lied: „Der muß hinaus! Der muß hinaus!“, gemeint ist der Jude in deutschen Nord- und Ostsee­bädern, ist Propaganda, aber der Bann, das magisch Beschwörende dieser Wiederholung, das den späteren Furor ankündigt, hat meiner Ansicht nach wenig mit Genuss, aber viel mit Angst zu tun.


Es könnte hierbei aber auch eine Phantasie eine Rolle gespielt haben. Das Wasser ist ein Muttersymbol. Die Franzosen wissen das (mer/mère), die Deutschen haben den Begriff „Fruchtwasser“. Wasser war dem NS wegen seiner Apotheose der Mutter heilig. Was den Badegenuss gestört haben dürfte, könnte die unerträgliche unbewusste Vorstellung gewesen sein, sich mit einem Juden zusammen im Mutterleib aufzuhalten und dort im Fruchtwasser „baden“ zu müssen. Man hätte also eine gemeinsame Mutter, d.h., man wäre mit Juden verschwistert. Das sind in der Tiefe der Seele lagernde Phantasien über Herkunft und Identität und - Nährboden für Projektionen und Feindbilder. Diese Vorstellung störte die Sehnsucht nach einem „uterinen Volksorganismus“, in dem man sich geborgen weiß (vgl. Bischof, 737).


Man kann in dieser historisch frühen Idealisierung des arischen Körpers über die Bade- und Blutgesetze die ideologische Vorbereitung auf den späteren Krieg erkennen. Daß die deutsche Rechte bereits 1930 den großen Krieg vorbereitete, hatte Klaus Mann früh erkannt. Er warnte: »Wir stehen am Vorabend des Gaskriegs, in dem Europa sich nicht bekämpfen, sondern vernichten wird« (zit. n. Lützeler, 1992, 357)


 


Wasser gilt auch als Lebenssaft und deshalb ist der nächste Schritt zum Lebenssaft Blut in dieser paranoischen Ansteckungslogik nur konsequent. Was beim gemeinsamen Baden als so gefährlich imaginiert wurde, wird klarer, als die Blutgesetze kamen: der Intimverkehr. „So aber ein Jude mit einer Christin sich fleischlich vermenget, soll er durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht werden“, so der Gerichtsvorsitzende in Jud Süß (vgl. Gross, 30f). Das Ideal der Reinheit ist nun in der Reinheit des Blutes verkörpert. „Vermengen“ bedeutet das Blut zu verunreinigen. Die Reinheitsverletzung wäre tödlich. Das arischen Blut musste zum schützenswerten Körperideal erhoben werden. Seine Verunreinigung wäre ein Ehrverlust - eine narzisstische Katastrophe. Nach der NS-Ideologie steht und fällt die Ehre mit der »Reinerhaltung des Blutes«. Als ehrlos galt: „Befleckung der eigenen Art“ (Meyers Lexikon von 1937, zit. n. Gross, 74), oder wie der Richter in Jud Süß urteilte: »Aber weit größer scheint mir die Schuld des Juden, wenn man sie an der Schande [ ... ] ermisst, die unser Volk durch ihn an Leib und Seele erlitten hat. Mögen unsere Nachfahren an diesem Gesetz ehern festhalten, auf dass ihnen viel Leid erspart bleibe an ihrem Gut und Leben und an dem Blut ihrer Kinder und Kindeskinder« (vgl. Gross, 32). Groll, Empörung und schließlich Vernichtung, also Rache wären gerechtfertigt. D.h. die Kränkbarkeit der Volks­gemeinschaft nahm so gesehen ihren Anfang beim idealisierten Körper. Das ist nicht verwunderlich: das Ich ist zunächst ein Körperich und somit ist auch das Ichideal zunächst ein Körperichideal. Die Biologisierung der Ideale war ein raffinierter Schachzug. Die Auffassung, in corpus veritas, verführt bis heute dazu, psychische Inhalte zu biologisieren, denkt man an die Gen- und Hirnforschung.


 


Im „Intimverkehr“ ist der Jude nun aber nicht mehr nur Geschwister, sondern Vater, also Geschöpf der Mutter und zugleich ihr Gatte, wie das im Matriarchat der Fall ist. Der Jude (immer der männliche Jude) ist der gefürchtete Vater, der in die Mutter eindringt, sie schändet und die Symbiose stört. Das väterliche Prinzip mit Jahwe und dem Judentum überhaupt gleichzusetzen sei ein beliebter Topos der Rechten, so Bischof (1996, 717).


Die Blutgesetze beinhalteten eine den Juden unbewusst idealisierende Phantasie der Nazis, denn dem Juden/Vater wurde eine immense sexuelle Potenz zugeschrieben: ein einziger Jude könne das ganze arische Volk begatten. Auch das Borkum-Lied unterstellt diese Potenz: es konzentrierte sich ganz auf die Haare, Nase und Füße des Juden – allesamt Symbole männlicher Potenz. So nahe lag der Jude als Überich und als Ichideal beisammen. Deshalb ist die Neidthese von Götz Aly (2011) nicht von der Hand zu weisen. Wie auch immer der Neid sich äußert: es ist der Neid des Ichs aufs Ichideal. Das Ausmaß einer Gefahr sei aus Sicht der Paranoia stets global, so Schneider (227). „Blut­vergiftung“ durch Einzelne (Joseph Süß Oppenheimer, Holländer) bedeutete einen Angriff auf das Gesamt, den Volks­körper, seinen Leib und seine Seele. Dem Gesetz zum Schutz der deutschen Ehre zufolge war ent­scheidend, wieweit die deutsche Selbstachtung getroffen wurde. Wird das Blut einer einzelnen arischen Frau besudelt, sind in der NS-Logik alle besudelt, denn alle sind im Blut eins. Blut ist Symbol der Symbiose mit der Mutter.


 


Wenn der Angeklagte Holländer in dieser Art und Weise die deutsche Frauenehre und die deutsche Ehre schlechthin in den Schmutz trat und damit die Selbst­achtung des deutschen Volkes aufs schwerste verletzte, so galt das als geplante, organisierten Tat, kurz: als Ver­schwörung (vgl. Gross, 52). Das ist pars pro toto, ein Merkmalszug des megalomanen Ichideals. So wie der Einzelne durch Fischessen den Volkskörper stützt, so kann er auch den Volkskörper schädigen. Der Furor wegen der Reinheit differenziert nicht mehr.


 


Der Angriff kam aus dem Begehren, aus der Sexualität. Die galt als schmutzig, weil jüdisch. Mutterbindung, ungelöste Symbiosebeziehungen und Sphinktermoral diktierten den Wertekatalog der Nazis: Zucht und Ordnung, Dienst und Pflicht. Sexuelle Reinheit spielte eine herausragende Rolle, Homosexualität, Pornographie und Libertinage werden scharf verurteilt.


Wegen der immensen sexuellen Potenz muss der Jude/Vater und dessen Sexualität als schmutzig entwertet werden. Den Hintergrund zu dieser Phantasie könnte die bereits erwähnte Untersuchung rechtsradikaler Studenten liefern. Einer von ihnen, über seinen Vater befragt, gab zu Protokoll, es handle sich bei diesem um einen »verklemmten Kleinbürger mit despotischen Allüren«. Er sei penibel, geizig und stelle trotzdem den Anspruch, die Mutter zu beherrschen. Er habe die Mutter nie verdient. Der dem Vater gegenüber vorherrschende Affekt war Verachtung, verbunden mit Todesphantasien: Er möge, so wünschte sich der Befragte, beim Autofahren verunglücken (vgl. Bischof, 1996, 718). Die Entwertung des Vaters bleibt nicht folgenlos für das eigene Sexualleben. Aus psycho­analytischer Sicht wird mit der egalitaristischen Ideologie die Kastrationsangst, also die Gefahr einer schweren Kränkung abgewehrt. Im NS droht die Kastration vom Überich, dem Vater, dem Juden, dem „bösen Feind“, „der uns umbringen wollte“ (Himmler). Auf Fragen nach Sexualbeziehungen gäben rechtradikale Studenten Antworten, die auf Symptome psychischer Kastration schließen ließen. Würden Sexualkontakte zugelassen, würden sie von Erlebnisunfähigkeit berichten, von Anorgasmie und Unlustgefühlen beim Koitus. Aus moralischen Gründen würden sie jedoch häufig sexuell enthaltsam leben (ibid., 711f).


Man erlebe bei den so konstituierten Massen (gemeint ist der NS, T.E.) eine veritable Ausrottung des Vaters und der väterlichen Welt ebenso wie aller Derivate des Ödipus; und, was den Nazismus betrifft, so manifestiere die Rückkehr zur Natur, zur alten germanischen Mythologie das Streben nach Verschmelzung mit der allmächtigen Mutter, schreibt Chasseguet-Smirgel. (1975, 86). Bischof kommt zu ähnlichen Ergebnissen, ohne allerdings Chasseguet-Smirgel zu erwähnen.


 


Schneider spricht unter Rekurs auf Lacan von Verwerfung des Vaters. „Der Anschluss eines jeden Menschenkindes an eine Vaterreihe, an eine Folge von Vorfahren, die sich in Namenfolgen and Gräberreihen symbolisieren, ist fundamental. Man kann auch essen, trinken und auf zwei Beinen laufen ohne Vorfahren, sogar ohne Sprache. Doch ohne Sprache and ohne Genealogie lebt man allenfalls als Menschenfleisch“ (2010, 627). Er bezeichnet die Verwerfung des Vaternamens als genealogisches Desaster. „…das Bild einer Vatergestalt vernichten, das heißt: in der Vaterreihe wüten. […]. Eine genealogische Katastrophe kann auch als welthistorische Katastrophe laufen - das zeigt die deutsche Geschichte des 2o. Jahrhunderts. Wieder verdanken wir Pierre Legendre eine treffende Formel, die den Tafel-Zertrümmerungswahn der Nazis beschreibt: »Indem die Nazis die Juden schlugen, schlugen sie ihre eigenen Eltern.« Mit dem Mapping der eigenen Herkunft auf Blut and Boden radierten die Nazis ihre Genealogie aus. All der rassistische and menschheitsmordende Wahn hat mit dieser Entwurzelung zu tun (ibid., 627f).  


 


Gross schreibt, was die Richter zu dem »rechtmäßigen« Mord an Werner Holländer getrie­ben hätte, wäre im Kern ein starkes Gefühl der Empörung gewesen: der Empörung über das erfolgreiche Eindringen des Juden in den Bereich der deutschen Intimität“ (Gross, 53), aber wohlgemerkt: wegen der Beschmutzung, nicht wegen des Begehrens. Diese Empörung dürfte die Funktion haben, von der Verletzbarkeit des Körpers abzulenken, wie folgende Episode zeigt. In Mein Kampf schreibt Hitler, er habe nach einer Gasvergiftung zeitweilig erblindet, im November 1918 im Lazarett von der Kapitulation Deutschlands erfahren und daraufhin geweint. Je mehr er sich in dieser Stunde über das ungeheuere Ereignis habe versucht klar zu werden, umso mehr hätte ihm die Scham der Empörung und der Schande in der Stirn ge­brannt. Was wäre der ganze Schmerz der Augen gegen diesen Jammer?, so Hitler. Nach Tagen der Trauer habe ihn die Wut gepackt: »In diesen Nächten wuchs mir der Hass, der Haß gegen die Urheber dieser Tat« (zit. n. Gross, 59). Diese Episode ist Kershaw zufolge eine Legende Hitlers. Dann ist sie Phantasie, damit innere Realität und interpretierbar: Wut auf andere lenken Hitler vom eigenen Körper, hier von Erblinden und Augen­schmerzen ab. Groll und Empörung, ich nenne sie narzisstische Wut, sollen die Angst, verwundbar, also nicht ideal und omnipotent zu sein, verleugnen helfen. Ging es Hitler demnach wirklich um die Schande von Versailles? War nicht vielmehr die drohende Erblindung der entscheidende Anlass und Versailles nur der Vorwand, die ganz private Wut und Angst über die Erblindung zu legitimieren? In diesem Falle wäre eine konkrete Angst um den Körper, verbunden mit Hilflosigkeit in eine paranoide Phantasie umgewandelt und zur Staatsideologie erhoben worden. Der Paranoide löscht alles Kontingente, leugnet den Zufall, schreibt Schneider (2010, 13), er sei nicht imstande, Worte, Zeichen, Ereignisse als zufällig zu deuten (ibid., 60). Wenn Gross diese Episode als „Erweckungserlebnis“ (vgl. 59) versteht, so hätte die NS-Ideologie demnach ihren Ursprung im Körper. Sie verbindet nahtlos die kränkende Ohnmacht nach Versailles mit der neotonisch bedingten frühen kränkenden Körpererfahrung, der Hilflosigkeit des Säuglings. Das wäre ihr Spezifikum. Schneider schreibt: „Die Paranoia gewinne ihre Gewissheit aus hochartifiziellen Deutungen, in denen Erregung, Angst, Verzweiflung, Hass mit Scharfsinn zusammenspielen. Sie findet die Ursachen für ihre Wahrnehmungen, für eine aktuelle Gefahr oder für das drohende Weltverhängnis in einer unsichtbaren Macht, die sich ihr in Zeichen verrät. Die artifiziellen Deutungen produzieren verrückte und großartige Fatumsgewissheiten, und bisweilen ergeben sich aus solchen unerschütterlichen Überzeugungen die Tatzwänge“ (2010,  23).


In einer psychohistorischen Arbeit bietet Helm Stierlin, sich auf Binion beziehend, eine weitere Interpretation. Hitler habe sein Lebensziel darin gesehen, zum »Rächer« seiner Mutter zu werden, die unter den Händen ihres jüdischen Arztes Dr. Eduard Bloch einen qualvollen Krebstod gestorben war. Dieser Arzt berichtete später, er habe in seiner vierzigjährigen Praxis keinen Menschen getroffen, der vom Leid und Tod seiner Mutter so erschüttert worden sei wie Hitler. Dieser hatte einen ihm von der Vorsehung erteilten Auftrag halluziniert, der Demütigung Deutschlands, das er als sein »Mutterland« und zugleich seine »einzige Braut« empfand, entgegenzutreten. In einem 1941 formulierten Text war dann von der Notwendigkeit die Rede, » den jüdischen Krebs aus dem Körper des deutschen Volkes zu entfernen« (vgl. Bischof, 1969, 717). Jüdischer Arzt und Tumor, so Bischof, seien zu einer Einheit verschmolzen. Der Jude, so sah es schließlich aus, hatte den Tod der Mutter verschuldet und sich daran auch noch bereichert. Der leibliche Vater ist wohl ebenfalls in den Komplex eingegangen, als eifersüchtiger Spalter der verwöhnenden Sohn-Mutter-Symbiose; und damit hatte sich schließlich ein »ödipales« Konfliktpotential von tödlicher Brisanz zusammengeballt. So erklärt sich Hitlers Judenhass für Binion und Stierlin als pathologische Ausgeburt einer übersteigerten Mutterloyalität (ibid., 717). Diese Interpretation macht das „Erweckungserlebnis“ und seine körperliche Grundlage noch sinnfälliger.


 


 


Die „Sprachverwirrung“ nach 1945


 


Es ist das Verdienst von Gross, in seinem Buch gezeigt zu haben, wie die Radikalisierung der partikularen Moral nach 1945 weiter wirkte und welche Phänomene sie zeigte. So kam es zu teilweise skurrilen morali­schen Rechtfertigungsversuchen von NS-Verbrechern und zu haarsträubenden Fehldiagnosen. In keinem der psychologischen Gutachten über die inhaftierten und verurteilten Haupt­kriegsverbrecher seien signifikante psychologische Anomalien festgestellt worden. Auch ein psychologisches Gesamtbild des »typischen« NS-Verbrechers hätten sie nicht geliefert, zitiert Gross aus Harald Welzers Buch Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden (vgl. 246). Ausganz normalen Menschen“ werden Massenmörder? Nach welchen Kriterien wurde damals diagnostiziert? Der einst verantwortliche Gerichtspsychologe Kelley hatte aus seinen Befunden gefolgert, solche Personen seien weder krank noch einzigartig, man könnte sie heute in jedem anderen Land der Erde antreffen (vgl. Gross, 246f). Jetzt wird es klarer: Treffen wir solche Persönlichkeitsstrukturen in jedem Land an - der Narzissmustheorie zufolge nicht verwunderlich -, gelten sie statistisch als „normal“. Die Fehldiagnosen beruhen also offenbar auf Mängeln der auf der Testpsychologie basierenden Statistik. Sie erfasst nicht das je besondere Schicksal der aus der Neotonie entstandenen Phantasien, das Lechzen nach dem Himmelreich. Immerhin: der erste Biograph Himmlers, Breitman, sei schließlich zu der »deprimierenden (kursiv T.E.) Feststellung« gelangt, der »Architekt des Massenmords« habe sich bis zum Schluss für einen »Moralisten« gehalten (vgl. Gross, 247). Das hätte hellhörig machen müssen. Die Pathologie der Massenmörder wurde in der Gegenübertragung gespürt, offenbar zuverlässigeres Instrument als die Testpsychologie. Sie reagierte auf die depressiv machende Eiseskälte der Massemörder. Dass aus „ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ hat vermutlich mit der Paranoia zu tun, die Schneider zufolge  in milden und in dramatischen Formen in allen Köpfen schlummert (vgl. 2010, 599), oder wie Édouard Pichon sagt: „Der Verrückte hat keineswegs seine Vernunft verloren: er hat alles außer seiner Vernunft verloren“ (zit. n. Schneider, 413). Allerdings muss man immer auch in Rechnung stellt, dass die Paranoia abgespalten  sein kann.


 


Nach 1945 muss eine erhebliche Sprachverwirrung geherrscht haben. In den Nürnberger Prozessen wurde von den Angeklagten eine Stellungsnahme ihres Überichs eingefordert, das sie nicht besa­ßen oder dessen Stimme sie nicht vernahmen. Als die radikalisierte partikulare Moral nach 45 wegfiel, zeigte sich die Hilflosigkeit angesichts der Moral­frage. Die scheinbar so einfache Unterscheidung zwischen Gut und Böse schien das Fassungsvermögen der meisten Vernommenen zu übersteigen, urteilt Gross (vgl. 99). Beispiel ist der SS-Jurist Konrad Morgen (vgl. Gross, 168f). Er zeigt, wie ein nach 45 aufkeimendes Überich schnell erstickt werden konnte. Er imaginierte die Opfer kurzerhand als Mittäter: jüdische Frauen als lasziv-willige Bedienstete der Wachmannschaft und angeblich Schäferhunden gleichende jüdische Bewacher als aggres­sive Horde. Klartext: die Opfer waren selbst schuld bzw. die eigentlichen Täter. Für Morgen sei die partikulare NS-Moral nach 45 bestehen geblieben, auch wenn er die Massenmorde nun verurteilen würde (vgl. Gross, 168f).


Perfider noch Hans Frank: Er hatte die deutsche Schuld anerkannt, aber allem Anschein nach Stolz, also narzisstische Befriedigung dabei emp­funden, die eigene Schuld einzugestehen, denn er prahle mit seiner Schuld, wie eine Bemerkung über seinen Anwalt zeigt: »Ha! Der kleine Seidl ist unbezahlbar! Göring nennt ihn Mickey Maus. Er will mein Schuldgeständnis abschwächen. Ich bin froh, daß es heraus ist, und dabei soll es bleiben« (zit. n. Gross, 100f). Hier lässt sich gut beobachten, wie ein Inhalt des Überichs – das Schuldeingeständnis - vom Ichideal vereinnahmt und narzisstisch missbraucht wird. Schuld haben ist großartig – „geil“ würde man heute sagen. Aber wehe, es maßt sich einer an, das Großartige zu schmälern. Er wird als Mickey Maus verachtet. Da ist sie wieder, die Ratte. Das alte partikulare System von Verachtung und Entwertung besteht weiter.


 


Eine andere Ausflucht bestand darin, das Ichideal zu stürzen. „Es besteht kein Zweifel, dass dieser Teufel Hitler uns dazu brachte“, so Frank (vgl. Gross, 103). Der Vorwurf, Hitler, Goebbels, Himmler seien der NS-Gemeinschaft untreu geworden – in der partikularen NS-Moral ist Treue immer­hin eine spezifisch arische Tugend -, erinnert an den schlecht entlohnten Diener in Lope de Vegas Komödie Der Ritter vom Mirakel, der seinen hochstapelnden Herrn (Ichideal des Dieners) verrät und damit enttarnt. Das Ich rächt sich aus Enttäuschung an seinem Ideal. Hitler und die anderen sind jetzt die Feinde, das Projizierte kehrt zum Urheber zurück. Die, die einst das Paradies versprachen, zerstören jetzt das Versprochene, die paradiesische Symbiose. Es sei ein bekannter Zug des paranoiden Hasses, so Schneider, dass er seine Feinde und Götter rasch wechseln könne. Schlagartig könne sich ein und dieselbe Person von einem Gott in einen Teufel verwandeln (vgl. 2010,220f). Hoch idealisierte Bilder könnten in tausend Stücke zerbrechen, wie das John Lennons. Vor den Augen seines Mörders Mark David habe sich sein Idol Lennen verwandelt in einen dekadenten Multimillionär, Angeber, der mit seinen Liedern eine ganze Generation in die Irre geführt hätte (vgl. ibid., 499f): „Das ist exakt die bildliche Logik des Attentats: das fremde Bild zerstören, um das eigene Bild an dessen Stelle zu rücken“ (ibid.,  340). Schneiders Buch gibt – wie bereits erwähnt - eine Fülle an Beispielen für den Ikonoklasmus.


 


Was muss man daraus schließen? Der Inhalt der Ideologie ist von sekundärer Bedeutung. Mit einiger Verwunderung liest man in der Presse, eine Studie des BKA sei zum zentralen Er­gebnis gekommen, die Ideologie spiele eine deutlich geringere Rolle bei der Radikalisierung politisch motivierter Gewalttäter als bislang angenommen. Im Gros der Fälle habe der Zufall entscheiden, ob eine Person linksradikal, Rechtextremist oder Islamist geworden sei. Symptomshifting nennt die klinische Psychologie das. Weniger als die extremistische Ideologie spiele ein konkretes soziales Angebot die entscheidende Rolle, in welche Szene ein junger Mensch abdrifte. Nahezu alle Gewalttäter kämen aus dysfunktionalen Familien. Ein gemeinsames Merkmal seien Versagungserfahrungen, also narzisstische Krisen, die im familiären Umfeld nicht hätten aufgefangen werden können. Die Szene werde dann zur Ersatzfamilie, so die BKA-Studie (Frankfurter Rundschau). In der gewählten sozialen Gruppierung  kommen dann die Massengesetze zur Wirkung. Man gibt sein Ich ab und gerät in jenen Rauschzustand, den Sorg (2011) immer wieder ins Feld führt: „Die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren“ (17). Sorg gibt für diesen Rausch viele Beispiele, aber seine These bleibt in der Luft hängen, weil er kein Narzissmuskonzept hat. Gleichwohl spielt der  narzisstische Modus die Hauptrolle, wie seine Ausführungen zeigen: Keine der Analysen und Kommentare stelle die Frage, ob die Tötungen ( gemeint sind Fälle von seriellen Tötungen, T.E.) auch aus Lust am Töten heraus begangen worden sein könnten, nicht aus Stresssituationen, übersteigertem Mitleid, nicht aus Kränkungen heraus, sondern „aus dem Gefühl der Allmacht, aus dem Rausch der Megalomanie […]. Die Versuchung zur Gottähnlichkeit, die Verlockung, den anderen zu erniedrigen oder gar auszulöschen, um die Schrankenlosigkeit der eigenen Macht auszukosten, ist nicht das exklusive Problem des Underdog, der auf Rache sinnt für seine Machtlosigkeit. Sie ist Teil der allgemeinen menschlichen Situation, die jeden Einzelnen immer wieder vor die moralische Wahl stellt, zwischen der Maßlosigkeit seiner Begehren und den Forderungen der Zivilisation zu entscheiden“ (ibid., 154, kursiv T.E.). So bleibt Sorg nur die eher dünne These: „Das Böse begleitet die Humangeschichte. Es ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar. Es ist die Bedingung der menschlichen Freiheit, und man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft“ (154). Das klingt böse. Vielleicht aber gelingt es der Medizin eines Tages, die Neotonie als conditio humana abzuschaffen. Dann wäre der Menschheit schon viel geholfen.


Schneider konnte an den jugendlichen Schoolshooters zeigen, dass sie alle sozialen Bezüge aufgaben und ihre genealogische Vereinsamung oder Verwahrlosung durch Autoadoption in die Gewalttäterfamilien füllten. Gottähnlich hätten sie sein wollen, der beste Beweis für die genealogische Irrfahrt, denn Gott hat keinen Vater, er steht in keiner Tradition, fügt sich keiner symbolischen Ordnung. Schneider konnte den psychodynamischen Hintergrund dieses genealogischen Dilemmas, den Umstand, dass die lange Geschichte der Königsmorde als Familiendrama begann (vgl. 2010, 47)  am Beispiel des Adoptivkindes Ödipus präzise unter dem Begriff Autoadoption fassen (ibid., 643). Hier spielen auch die Pubertätsphantasie „Familienroman“, die phantasierte Abstammung von besseren Eltern in einer Zeit, in der die eigenen vom Sockel stürzen,  und der „Mythos von der Geburt des Helden“ (Rank) hinein. Zu den Betriebsarten  der Paranoia  zähle auch die wahnhafte Deutung der eigenen Abstammung, so Schneider (ibid., 639). Die Attentatsgewalt komme aus einer Interpretation von Gefahrenzeichen und würde von der Gewissheit getragen, von einer höheren Macht zu dieser Tat erwählt zu sein (ibid., 27).


 


Verwundert ist man, weil das „neue Ergebnis“ des BKA längst bekannt ist. Schon 1984 hat – wie oben ausgeführt – Grunberger geschrieben: „Als ein für den kosmischen Narzißmus typisches Ideal äußert sich die Reinheit oft in Form eines religiösen Glaubens oder einer Ideologie, deren Reinheit vom Gläubigen um jeden Preis erhalten werden muß; dabei geht es nicht um die Reinheit des Inhalts, sondern um die der sie tragenden narzißtischen Besetzung“ (53, kursiv T.E.). Kurz: Die Inhalte der Ideologien sind austauschbar. Und wie schwer der kindliche Narzissmus in dysfunktionalen Familien beschädigt wird, werden Kränkungen nicht angemessen aufgefangen, davon berichten die Krankengeschichten der Psychoanalyse seit es diese gibt. Es liegt in der Natur unserer Tätigkeit, dass wir Analytiker nie in Erfahrung bringen werden, wie viele Amokläufe, Attentate und andere Gewalttaten wir mit unserer Arbeit verhindert haben. Aber es ist auch eine narzisstische Phantasie zu glauben, es gäbe keine Forschungstradition und keinen Forschungskontext, sondern man stünde mit seiner ‚Entdeckung’ – wie der Leiter der BKA-Studie meint - „ganz am Anfang“. Auch eine Verwerfung des Vaters!


 


Hält man den Inhalt einer Ideologie für entscheidend, denkt man milieutheoretisch und vernachlässigt die dem subjektiven Faktor zuzurechnenden Gesetzmäßigkeiten des Narzissmus, insbesondere den Projektionsmechanismus, der das Feindbild konstruiert und die Inhalte der Ideologien aus­tauschbar macht, vernachlässigt die gyroskopische Funktion des Überichs, die, wenn sie ausfällt, das Ichideal labilisiert und zur Wetterfahne macht. Das passiert in der Masse, wenn es zur Verschmelzung des Ichs mit dem Ichideal kommt und die Erwerbungen des Ichs, seine Kulturdecke verloren gehen. Hitler hat in vollster Über­zeugung seine Ideologie vertreten, aber unter anderen Umständen und zu anderen Zeiten hätte er auch eine andere vertreten können, so wie er in der Wahrnehmung seiner Anhänger vom Versprechenden zum Verräter mutierte. Gross’ Ausführungen zum Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit vermitteln einen Eindruck davon, wie anpassungsfähig, wie austauschbar ideologische Inhalte sein können. Da Reinheit von allen Seiten beansprucht würde, könne die Projektion das Lager wechseln, so Grunberger, „denn, wie man in Paris 1945 gesagt hat: »Ein Reiner findet immer einen noch Reineren, der ihn reinigt« (54). Oder wie Chasseguet-Smirgel meint: Hinter der Ideologie steht immer „die Phantasie einer narziss­tischen Himmelfahrt“ (1975, 86). Es gibt also immer noch etwas hinter der Ideologie: das Paradies. Mit welcher Ideologie man die Himmelfahrt antritt, ist sekundär. Diesen Befund hat das BKA jüngst bestätigt – aber nicht entdeckt.


 


Literatur


Aly, G. (2011): Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933. Frankfurt a. M.: S. Fischer


Bischof, N. (1996): Das Kraftfeld der  Mythen. Signale aus der Zeit, in der wir die Welt erschaffen haben. München, Zürich: Piper


Böhme, G. (2003): Leibsein als Aufgabe. Leibphilosophie in pragmatischer Sicht. Kusterdingen: Die Graue Edition


Chasseguet-Smirgel, J. (1975): Das Ichideal. Psychoanalytischer Essay über die »Krankheit der Idealität«. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1981


Rebhandl, B.: Der Tod bei der Arbeit. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.7.2011


Frankfurter Rundschau (23.9.2010): Der Zufallsextremist. BKA-Studie: Nicht die Ideologie, sondern das soziale Umfeld bestimmt, wer in welche militante Szene abdriftet. 


Freud, S. (1912-1913a): Totem und Tabu. G.W. 9


-               (1921c): Massenpsychologie und Ich-Analyse. G.W. 13, 71 -161


Gross, R. (2010): Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral. Frankfurt a. M.: S. Fischer


Grunberger, B. (1971): Vom Narzissmus zum Objekt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1976


-----------           (1984): Von der Reinheit. Ztschr. f. psa. Theorie u. Praxis, I, 1/1986, 44-65


Heindl, G. (1984): Unsere Show läuft schon länger oder: Die Kirche und ihre Diener in Anekdoten. Wien: Paul Neff Verlag


Hoyau, G. (1976): Hohes Haus oder Politik in Anekdoten. Wien: Paul Neff Verlag


Johann, E. (1959): Kleine Geschichte des Films. Vom Kaleidoskop zur Breitwand. Frankfurt a. M.: Ullstein


Lützeler, P.,M. (1992): Die Schriftsteller und Europa. Von der Romantik bis zur Gegenwart. München, Zürich: Piper


Maas, U. (1991): Sprache im Nationalsozialismus: Macht des Wortes oder Lähmung der Sprache. In: Bohleber, W., Drews, J. (Hrsg.) (1991): »Gift, das du unbewußt eintrinkst …«. Der Nationalsozialismus und die deutsche Sprache. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 25-37


Sorg, E. (2011): Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist. München: Nagel & Kimche (Carl Hanser)


Vondung, K. (1991): Angst vor dem Untergang und Sehnsucht nach Erlösung –ein deutsches Syndrom? In: Bohleber, W., Drews, J. (Hrsg.) (1991): »Gift, das du unbewußt eintrinkst …«. Der Nationalsozialismus und die deutsche Sprache. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 101-113


Schneider, M. (2010): Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft. Berlin: Matthes & Seitz


 


1.11.2010, überarbeitet am 15.09.2011


© copyright Thomas Ettl


 


 






 






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