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"Mängelexemplar"
01.11.2009 20:57:16













































































Thomas Ettl






















Die Kellnerin vom "Heidewitzka"






















Wie das „Mängelexemplar“ seine Depression bedient














































 






















 



































Lässt dieser Anfang Gutes ahnen? Nein, Schlimmeres. „Eine Depression ist ein fucking event“, sagt ein Psychiater, in Popstar-Manier grinsend, eine Flasche Bio­nade vor sich auf dem Schreibtisch, zu seiner Patientin, der 27-jährige Karo Herr­mann. Sie findet sein Auftreten eine Spur zu modern, genauer: arschlochmässig, was ihr sogleich aber als wenig witzig, sondern eher beleidigend vorkommt. Aber sie kann sich mit der Einschätzung der Depression als fucking event anfreunden, findet sie „ähm, cool“ und vergleicht ihre Depression – falls es denn eine ist, was noch ganz unklar ist – mit Karten für ein Madonna-Konzert, die sie möglichst schnell bei eBay loswerden möchte.






















Krankheit war immer Thema der Literatur. Und so auch in Sarah Kuttners Debütroman „Mängelexemplar“, einem Latrinenroman.






















Aber der Anfang des Romans ist die Vorwegnahme seines Endes. Er enthält,– wie meist bei Texten – trotz Anachronismus schon alles Wesentliche. Z.B. die Ironie, wie sie aus der Begegnung mit dem Psychiater spricht. Es stellt sich heraus: er ist nur die Vertretung für Karos Psychiaterin, Frau Dr. Kleve, die Wasser trinkt, sehr interessiert und streng „kuckt“ und Karo, ihre Angstspirale und ihre Tränen seit einem Jahr kennt. Dr. Kleve gefällt Karo. Warum also einen Stellvertreter? Weil sie ihrem Mann, so mutmaßt Karo, anscheinend auch gut gefallen hat, denn Dr. Kleve ist seit ein paar Monaten im Mutterschutz. Das klingt, als stünde Karo in Konkurrenz zum Ehemann, als sei seine Frau beider Liebesobjekt. Er aber kann Kinder zeugen und ist dadurch im Vorteil.






















Karo muss also für ein Baby ihren Platz räumen und sich mit einem Ersatzpsychiater zufrieden geben. Bei soviel Kränkung bleibt nur Ironie, womit Karo bereits einen markanten Zug ihres Seelenlebens offenbart. Als sich das freudige Ereignis vor ei­nem Jahr angekündigt hätte, habe sie sich sehr für Dr. Kleve gefreut. Sie wäre wie viele Anfänger der Meinung gewesen, sie in ein paar Monaten eh nicht mehr zu brauchen. „Tschüssi, Frau Dr. Kleve! Viel Glück und viel Spaß mit dem kleinen Ra­cker, bei Ihrem Job wird der sicher aufs Allerbeste erzogen, hahaha, wir beide wer­den uns ja wohl nicht so schnell wiedersehen, hahaha, na, besser ist das auch, nicht wahr, hahaha.“ So versucht Karo immer den Verlust einer Person oder eine Krän­kung zu verarbeiten: „Nein, ist alles nicht so schlimm“, schluchzt sie, räumt dann aber ein, das sei „Bockmist“, sehr wohl sei alles ziemlich schlimm. Als sie Job und Freund verlor sei sie für Wochen dumpf und traurig gewesen. Aber sie kommuni­ziere das nicht, sie wolle anderen nicht zur Last fallen, niemanden langweilen oder anstrengen. Also würden „die Arschbacken zusammengekniffen, der Rotz hoch­gezogen, ein schiefes Grinsen aufgesetzt und ein Notfallwitz gemacht. Weshalb denn Hilfe beanspruchen, wenn man es auch allein schaffen kann?“ In großer Sorge, an­dere würden sich abwenden, wäre sie zu emotional, zu aggressiv, ein „Emo-Mons­ter“, flüchtet Karo ins sogenannte ‚falsche Selbst’ und suggeriert sich, sie bräuchte niemanden, freilich offenbarend, wonach ihr zumute ist: es vor Zorn und Entrüstung unten und oben rauslaufen lassen. Das wäre jedoch der beschämende Notfall: sie das trotzige kleine Mädchen, das im Wutanfall inkontinent würde. Weit hergeholt? Hören wir, wie Karo Ironie versteht: „Ich glaube fest, dass Ironie ein stin­kendes Abfallprodukt des guten alten Humors ist.“ Reste eines trotzigen Aufbe­gehrens bleibt erhalten: „Bitte sehr, sollen sie doch, ich kann nichts gebrauchen, was mich nicht lieb hat. Ich strauchle nicht. Ich kriege Sachen schon alleine irgendwie hin, muss ja, muss ja“. Zweifel muss sie autosuggestiv ausräumen.






















Geht es um Geschwisterneid? Könnte sein. Zunächst ist nur zu erkennen, dass Dr. Kleve anderweitig beschäftigt ist und keine Zeit für Karo. hat Diese fühlt sich allein gelassen und unwichtig. Ihr gan­zes Leben lang habe sie gelernt, ihre Probleme selbst zu lösen, erzählt Karo. Und als sie ihrer Psychotherapeutin, der Psychologin Anette Görlich, ihre Situation schildert, habe diese „endlich etwas Richtiges“ gesagt, „etwas überraschend Schlichtes“: »Sieht so aus, als wären Sie zu oft alleingelassen worden«. Karo muss einen tiefen Groll gegen Mutterfiguren hegen. Dann kann die Kontrolle schon mal verloren ge­hen, die narzisstische Wut sich entladen und das „Emo-Monster“ scheint vor uns auf: „Jegliches bei mir ankommende Gefühl, ob positiv oder negativ, potenziert sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Drama.“ In ihrem Bauch bilde sich „ein Feuer­ball“, sie sehe rot. Kleinigkeiten würden sie irre, eine Mücke sie zum Elefanten ma­chen, der aus Rache töte. Als ihr mal nach dreiviertelstündiger Suche eine andere Autofahrerin einen Parkplatz weggeschnappt habe, sei sie ausgestiegen, um zu ar­gumentieren. Als sie scheiterte, habe sie aus Wut angefangen zu weinen und die Frau eine »blöde Schlampe« genannt. Am Kindersitz im Auto habe sie erkannt, dass die Frau Mutter war, und so habe sie noch die abwesenden Kinder „aufs Aller­schlimmste“ verflucht. Sie fände kein Ende, müsse so lange streiten, krähen, kämp­fen und bestrafen, bis ihr Gegenüber zusammenbreche und sich entschuldige. Für Betroffene unangenehm, für Außenstehende amüsant, mutmaßt sie: »Kuck mal, Karo kommt wieder Rauch aus den Ohren, und wie sie da mit hochrotem Kopf brüllend auf und ab hüpft, niedlich!« Nach einiger Zeit sei ihr die ganze Aufregung peinlich und sie schäme sich leise. Tauche allerdings ein neuer Feind auf, sei sie ich wieder „die am schnellsten beschleunigende Emo-Maschine der Welt.“
















Jetzt haben wir Klarheit: es geht tatsächlich um Geschwisterneid. Nehmen wir an, der Kindersitz im Auto steht für ein Baby im Mutterleib, so zeigt sich jetzt, wie sehr Karo das Baby (bei Dr. Kleve das ungeborene) als Rivalen erlebt. Und man ahnt, wie sehr sie die Mutter um die Fähigkeit beneiden muss, Kinder zu gebären.





















Blöde Schlampe, aufs Allerschlimmste verfluchen, aus Rache töten? Der Kliniker weiß: Depression ist Aggression. Wie zutreffend diese Diagnose ist, davon kann man sich überzeugen, hört man die Krankengeschichte des Adolph Risau, der angesehen, gelehrt, wohlhabend, moralisch unbescholten „mit kaltem Blute in einer Stunde ein geliebtes Weib und fünf hoffnungsvolle Kinder“ ermordete und 1828 gerädert wurde - die Geschichte eines „Scheiterns am Erfolg“ (Freud), wahrscheinlich eine depres­sive Dekompensation. Ich folge den Ausführungen Müller-Waldecks: 1793 in Stutt­gart als Sohn eines Silberarbeiters geboren, wurde ihm eine angemessene Erziehung zuteil. Im vierten Lebensjahr schickten ihn seine Eltern zur Schule. Mit 14 habe er es im Rechnen, Schreiben und Lesen schon zu meisterhafter Fertigkeit gebracht, so dass er mit 16 auf die erste Katecheten- oder Schullehrerstelle hätte Ansprüche machen können. Mit 20 Jahre wurde er im Hause eines wohlhabenden Arztes als Informator seiner Kinder angenommen. Er wurde bald mit der Wirtschafterin, der vortrefflichen Demoiselle Henriette Herold, bekannt. Seines ausgezeichneten Betragens wegen erwarb er sich bald deren Herz und ehelichte sie. Er gründete ein Schulinstitut und lebte mit seiner Gattin glücklich und zufrieden. Als er nach dem Tod seines Vaters dessen Haus erbte, vergrößerte er sein Schulinstitut. Er zeugte mit seiner Gattin fünf Kinder und glaubte der glücklichste Mann auf der Welt zu sein.






















Jahre verstrichen und stets habe Friede und Einigkeit in der Familie Risau seinen Wohnsitz gehabt. Mit einem Male jedoch fing Risau an, mutlos und träge zu werden. Seine Gattin merkte, er wurde kälter, gleichgültiger und war angeekelt vom Unter­richten. Er gab sein Schulinstitut auf und verlegte sich aufs Handeln mit Ellenwaren, womit er aber nur Verluste machte. Bald waren große Teile seines Vermögens dahingeschmolzen. Das Scheitern des Handels ließ ihn schwermütig und immer kälter und gleichgültiger gegen seine Ehegattin und seine fünf Kinder werden. Am 24. Mai 1827 in der Früh um 4 Uhr nahm Risau („der Bösewicht“) ein Rasier­messer und brachte damit erst seine Frau und dann seine fünf schlafenden Kinder ums Leben. Das Messer führte er („der Verruchte“) so geschickt, dass nicht der kleinste Laut gehört wurde. Von Gewissensangst gefoltert, rannte er („der Misse­täter“) von Zimmer zu Zimmer umher, als ihn früh um 6 Uhr ein Kaufmann in Geschäftsangelegenheiten besuchte. Dieser bemerkte an Risau eine bisher nie wahr­genommene Verzweiflung und Gewissensunruhe. Gleichwohl gingen beide auf sein Zimmer, um über Geschäftsangelegenheiten zu verhandeln, aber der Kaufmann dachte, diese Unruhe lasse nichts Gutes vermuten. Da Risaus Angst von Augenblick zu Augenblick sichtbarer wurde, und der Kaufmann in dieser peinlichen Lage über Geschäftsangelegenheiten nicht länger sprechen konnte, verabschiedete er sich. Sein Weg führte ihn an dem Zimmer vorbei, in welchem die fünf ermordeten Kinder la­gen und das Risau unglücklicherweise offen gelassen hatte. Jetzt konnte sich der Kaufmann Risaus Unruhe erklären; er machte der Obrigkeit Anzeige. Risau wurde arretiert und in Verwahrung gebracht, wo er seine Tat augenblicklich eingestand. Im Mai 1827 wurden die Opfer unter Glockengeläute, begleitet von einer unb­eschreiblichen Volksmenge, feierlich zur Erde bestattet. Im März des folgenden Jah­res wurde Risau, von Militär mit Trommeln und Pfeifen und einer unzähligen Volksmenge begleitet, auf den Richtplatz unweit Stuttgarts geführt, ihm sein Todes­urteil vorgelesen und darauf die Exekution des Räderns mit vierundzwanzig Stößen an ihm vollzogen. Der verstümmelte Körper, der Erde übergeben, wurde der Verwe­sung überlassen (vgl. Müller-Waldeck, 1977).






















Soweit das Schicksal eines glücklichen Mannes, der eines Tages – die Gründe ken­nen wir nicht – erkaltet, gleichgültig und zum Misanthrop wird. Wir sagen, er zieht seine Libido von anderen Personen ab, befasst sich nur noch mit der Dingwelt, scheitert und mordet schließlich aus Kränkung, wie man vermuten muss. Zuver­lässiger Hinweis, es handle sich um eine Depression, geben Gewissensangst und –unruhe, Hinweis auf ein strenges Überich. Mit seinem ‚Geständniszwang’ (er ließ die Tür offen!) überführte und richtete er sich letztlich selbst. Ergebnis: Alle Personen kommen zu Schaden, sind entwertet, die verstümmelten Körper der Verwesung überlassen, d.h. sie werden zu Fäkalien.






















Den einen oder anderen Zug einer solchen depressiven Entwicklung können wir in abgemilderter Form bei Karo beobachten. Nachdem sie bei Dr. Kleve ihren Platz für den „kleinen Racker“ räumen musste, kommt sie auf ihre Vorliebe für „messer­scharfen Diagnosen“ zu sprechen; sie würden vorgaukeln: Problem erkannt. Nein, halt, anders. Sie sagt: „Ich bin ein großer Freund von messerscharfen Diagnosen.“ Sie stellt sich in die männliche Position. Zumindest wirkt sie diesbezüglich noch unentschlossen. Mal sieht sie sich als „Stadtmädchen“, liebenswert, kokett, selbst­ironisch, lieblich, nicht zu damenhaft, mal als kleinen, tapferen Emo-Soldaten, mal als lässig-gelangweilten Cowboy. Und sie trägt den Namen „Herrmann“: Herr – Mann, ein Name, der determinierende Kraft ausüben dürfte. Wäre sie Mann, wäre sie in der Tat Nebenbuhler des Herrn Kleve, sie könnte kleine Racker zeugen.






















Was verspricht sich Karo von einer „messerscharfen“ Diagnose? Was soll geschnitten werden? Vermutlich erhofft sie sich Klarheit bezüg­lich ihrer Geschlechtsidentität. Sollte das Kommende bedeutsam sein? Karo: „Mir persönlich ist beispielsweise ein Bein, das aus Gründen einer messerscharf diagnos­tizierten Krankheit amputiert werden muss, deutlich lieber als Angstanfäl­le, die kei­ner versteht und die deshalb auch nicht abge­schnitten, ausgemerzt, über den Jordan geschickt werden können. Aber genau das ist wohl der Punkt. Ich habe zwar noch beide Beine, stecke aber in einer neuen Angst­spirale.“ Und dann schildert Karo, was sie unter „fucking event“ versteht: „Ich war brav. Ich habe während der letzten zwölf Monate Antidepressiva genommen, mein Leben geordnet, war gut zu mir selbst, habe versucht, mich »mehr zu spüren«, und verdammt, ich bin das erste Mal seit ziemlich langer Zeit richtig zufrieden, gar glücklich. Und in diesen wunderbaren Zeiten meiner fast jungfräulichen Zufriedenheit, im Stadium eines zart keimenden Glücks, tritt mir der blöde Penner Angst zwischen die nichtamputierten Beine und wirft mich um und lacht mich aus… Ich bin bereit, eine knallharte und auch gerne erschütternde Diagnose in Empfang zu nehmen. Ich meine, ich bin wirklich bereit. Sie in Empfang zu nehmen. Wie die Hostie in der Kirche, dünn und geschmacklos, aber eben unumstößlich existent. Und der Popstarpsychiater sieht aus, als hätte er das Zeug und die Eier dazu und Lust auf eine top Diagnose.“






















Da erübrigt sich langes Rätseln. Die Angst wird personifiziert, wird zum „blöden Penner“ und der Penner ist der Popstarpsychiater (im Folgenden PSP genannt). Er tritt ihr zwischen die Beine, stellt die messerscharfe Diagnose: Karo ist ein Mädchen – und lacht sie aus. Die erste „messerscharfe Diagnose“ erfolgt im Kreißsaal: Junge oder Mädchen. Damit nicht genug: Da sie bisher jungfräulich-halbstark war, wie sie sagte, geht es um die ‚Entjungferung’ im Sinne eines Neubeginns, einer lebensgeschichtlichen Schwelle. Dazu ist sie bereit. Es sieht aus, als wollte Karo Frau werden. Der PSP, so erklärt sie uns, verstünde etwas von seinem Beruf. „Ich bin wirklich fasziniert vom PSP. Er ist abgebrüht. Er scheint ein Fan von sich zu sein. Ich bin es auch.“ Er ist also der Richtige für die Entjungferung. „Nun denn, es sieht so aus, als käme ich hier nicht in zehn Minuten wieder raus. Der Popstarpsychiater hat Zeit, seine noch fast volle Bionade verspricht das auch - also auf ein Neues.“ Nur zu, er hat das richtige Alter für sie, ist modern, jugendlich und – ähm, cool: selbst­bewusstes Auftreten, flotte Krawatte zum pinken Hemd, jugendlich rasiertem Kopf, unkonventionell im Ausdruck und  - potent: Er hat „die Eier dazu“, wofür die fast volle Bionade spricht, beide Symbol animalischer und ejakulativer Potenz. Das Ge­tränk findet man in der Drogerie im Regal gleich neben der Babynahrung. Wie findet das entjungfernde Diagnostizieren statt? Hier Details: „Er packt feste an, behandelt mich grob, lässt sich nicht einlullen von mir. Ich sage ihm das. Dass ich ihn interes­sant, aber auch anstrengend finde.“ Er: »Glauben Sie mir, ich finde es auch anstren­gend mit Ihnen. Ich bin nicht zu jedem Patienten so. Es ist enorm schwer, an Sie he­ranzukommen«“ […] »Ich habe das Gefühl, Sie mit einem Schlagbohrer bearbeiten zu müssen, damit sie sich öffnen. Sie sind eine Wand aus Beton. Dauernd lenken Sie ab, machen Witze, versprühen Charme«.“






















Zweierlei fällt auf. Zum einen: Der PSP hat keinen Namen (und bekommt in Zukunft keinen). Ihm wird der Name eines TV-Barden angeklebt: Niels Ruf. Er wird also, ganz im Gegensatz zu Dr. Kleve und Anette Görlich, anonymisiert. Das erinnert an Zeus, der sich beim chercher la femme gerne verkleidete. Eine ‚göttliche Entjungferung’ ist eine tolle Sache, zumal der PSP sagt, er sei nicht zu jedem Patienten so. Sie ist die Einzige! Na bitte, er tut es nur für sie, für ihr Seelenheil. Und wenn der PSP Zeus ist, wird sie von einem majestätischen, maskulinen, bedeutsamen und großen Mann begehrt. Papa ante portas? Dieser sei zwar sehr bemüht gewesen, so Karo, habe sie aber „in jungen Jahren, in denen ich dringend ein wenig Liebe hätte gebrauchen können, lieber an die Perlen der Welt­literatur heranführen“ wollen. Oh ja, sie hätte Euripides’ und Goethes Iphigenie lesen können. Da hätte sie was über sich erfahren! Ein Onkel, so Karo weiter,  habe sie auf eine Art lieb gehabt, „wie man ein Kind eher nicht lieb haben sollte“ und ihr gelieb­ter Großvater starb, als sie 7 war. Das klingt alles mehr nach einer Hysterie als nach einer Depression, wenngleich sich beide Diagnosen nicht ausschließen müssen. Die Depression kann Folge des Verlustes kindlicher Illusionen sein, z.B. Cowboy zu sein. Aber im Moment steht die Hysterie im Vordergrund, von der es heißt, sie suche den maître. Dass der PSP keinen Namen hat, könnte man indes in die Gegen­richtung lesen: Nichtmal einen Namen hat er, ist also ohne Identität, mithin kastriert. Er ist eine Popstar-Karikatur. Auch das wäre hysteriekonform.






















Zum anderen: der PSP beklagt, Karo mit dem „Schlagbohrer bearbeiten“ zu müs­sen, damit sie sich öffne. Sie sei eine Wand aus Beton. Das hört sich nach einem Vaginismus an. Das kann  bedeuten, dass Karo nur sehr ambivalent zur Defloration bereit war. Es wirkt so, als würde das fucking event ‚Entjungferung’ von Karo als Kastration empfunden. Die Gewissheit: kein Cowboy, ist der Nachteil messer­scharfer Diagnosen und könnte Grund für Schwermut, zumindest aber für Scham sein. Karo sieht das anders: „In Zeiten, in denen Jugendliche sich, ohne mit der Wimper zu zucken, bei einer Cola Enthauptungsvideos im Internet ansehen, ist das doch toll, wenn jemand noch ordentlich was fühlt.“ Sie meint sich. Was sie ange­sichts des Kastrationsthemas „ordentlich fühlt“, wird während eines Urlaubs mit Nel­son, einem eher väterlichen Freund, der die Funktion eines schützenden Überichs für sie hat, sichtbar: „Ich war ziemlich fasziniert von den zum Sand führenden Beton­rampen, die man offensichtlich für Rollstuhlfahrer angelegt hatte. Das Gag-Zentrum meines Hirns wurde plötzlich ungeheuer stimuliert, und ich machte einen ziemlich durchschnittlichen Witz über Rollstuhlfahrer, woraufhin Nelson plötzlich sehr ernst wurde: »Finde ich nur so mittelwitzig, Karo. Meine Eltern sitzen beide im Roll­stuhl.« Ihr entglitt das Gesicht, sie sei irrsinnig rot geworden, so Karo. Nelson drehte sich um und ging wortlos ins Wasser. Sie zog kurz in Erwägung, mit dem Mietwagen abzuhauen, um Nelson nie wieder unter die Augen treten zu müssen. „Kinder, was habe ich mich geschämt!“ Falls es sich nicht um einen Nelson-Witz gehandelt hätte, sei „im Grunde nur noch Selbstmord in Frage gekommen.“ Karo geriet mit ihrem Ichideal /Überich-System (die „Karmapolizei“) in einen schweren Konflikt, der im Suizid hätte enden können.






















 






















● Exkurs: Unter Ichideal versteht man eine innerseelische Instanz, die Vorstel­lungen beherbergt, wie wir sein möchten. Sie beinhaltet unsere Vorbilder. Wollen wir perfekt sein, z.B. einen perfekten Körper haben, haben wir ein hohes (mega­lomanes) Ichideal. Unter Überich versteht man eine Instanz, die unsere moralischen Werte beherbergt. Ist es mild, schützt es uns davor, uns z.B. in Gefahr für Leib und Seele zu begeben. Ist es streng, knechtet und straft es uns. Das Ich, eine weitere In­stanz, prüft die Eingaben des Ichideals und des Überichs auf Angemessenheit. Ist das Ich schwach, unterwirft es sich den Eingaben unkritisch.






















Aber warum assoziiert Karo zur kastrierenden Entjungferung, zur „erschütternden Diagnose“ die Hostie, eine sakrale Metapher? Vermutlich soll damit der Entjung­ferung eine sakrale Bedeutung verliehen werden, als ginge es um einen Opfertod. Und - denkt man an die erste Kommunion - an die Aufnahme in die Gemeinschaft der Erwachsenen. Die Hostie wäre dann Symbol des Abschieds. Vielleicht ist sie auch mit dem Gekreuzigten (also Kastrierten) und Wiederauferstanden identifiziert.






















*

































Ich erwähnte bereits: Der Auftakt des Romans ist die Vorwegnahme seines Endes. Der Leser befindet sich in der Situation des PSPs. Beide sind anonym, beide können sich aus dem Begriff Angstspirale herleiten, was gemeint ist (Konnotation). Beide sind jedoch mit Karo noch nicht genügend vertraut, um zu wissen, was sie unter ‚Angstspirale’ versteht, welche Privatbedeutung sie dem Begriff gibt (der Leser die­ser Rezension weiß bereits: Angst tritt zwischen die Beine). Machen wir uns also kundig.






















Bevor sie den PSP aufsuchte, litt Karo bereits seit einem Jahr unter einer Depres­sion. Frau Dr. Kleve hatte allerdings Zweifel an dieser Diagnose. Karo fehle der für eine klassische Depression typische Grübelzwang und das Absacken der Stimmung zum Abend hin. Und Einschlafschwierigkeiten konnte Karo auch nicht bieten. Hin­gegen sei das Aufwachen schrecklich, der Morgen fürchterlich. „Morgenstund hat Mist im Mund“, Karo bündig. Das spricht für eine Depression.






















Dr. Kleve denkt indes an eine ‚Anpassungsstörung’. Das leuchtet Karo ein, vor „Neuem“ habe sie immer erst mal Angst. Davon sind wir unterrichtet. Die Diagnoseunsicherheit braucht uns nicht weiter stören, sie spiegelt die ambivalente Haltung Karos ihrer Erkrankung gegenüber wider: „Ich bringe die Zeit rum, bin stolz und erschöpft am Ende des Tages und völlig aufs Neue zerstört am Anfang des nächsten.“ ‚Stolz’ meint, sie hat wieder einen Tag geschafft. Wie sieht so ein Tag aus? Permanente Unruhe, Schwächegefühl, Zappeln mit allen Körperteilen und Mü­digkeit, weshalb sie tagsüber schlafe. Sie könne nicht anders. Für einen See­ausflug wollte sie Sachen zusammenpacken, gebe aber auf, sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie liege im Bett und komme nicht mehr hoch, als würde sie jemand festhalten, starre die ungepackte Tasche an und denke: „Wow. Mehr nicht. Nur: Wow.“ Ein „fucking event“ eben. Voller Sorge über ihren Zustand googelt sie. Antriebslosigkeit, Müdigkeit, starke Unruhe, Stimmungsschwankungen sind klare Anzeichen einer Depression, wird zurückgegoogelt. Google als Spiegel des Selbst – eine moderne Form des Spiegelstadiums. Ein Online-Test diagnostiziert eine mittelschwere depressive Verstimmung. Keine Chance also für Karo. „Soso. Aha. Nun ja. Man wird ja wohl noch ein bisschen traurig sein können, ohne direkt eine Depression zu haben, nicht wahr?“ Sie wittert (nicht zu unrecht) eine Verschwö­rung der Pharmaindustrie: „Die wollen nur, dass ich ihre Tabletten esse. Aber nicht mit mir, ich kann Liebeskummer sehr wohl von einer Krankheit der Psyche unter­scheiden.“ Sie verschiebt den Ausflug an den See, sie kriege die verdammte Tasche nicht gepackt.






















Für den PSP ist die Diagnose ziemlich klar: »Ich bin noch nicht sicher, dazu haben wir nicht genug gesprochen, aber ich denke, Sie haben eine ordentliche Depres­sion.«“ Und – oh Schreck! – er kann sich vorstellen, dass Sie die vielleicht sehr lange hat, dass sie chronisch geworden sein könnte. Ihre Depression verstecke sich nämlich sehr gut hinter einem „fantastischen Schutzschild“. Oha! das ist messer­scharf, zumal der PSP den Beginn der Depression weit zurückdatiert. Karo ist er­schüttert. Diesem „Ruf des Niels“ wollte sie nicht folgen. Sie habe keine Depression! Vielleicht hat sie recht. Ich bin zwar kein PSP,  komme aber zu einer anderen Diagnose: ‚Hysterie, die depressiv verarbeitet wird’, eine dynamische Diagnose.






















Freilich gibt es für alles bisher Diagnostizierte Anhaltspunkte. Entscheidend ist, wie Karo ihre Erkrankung erlebt, welche Phantasien sie sich darüber macht, in wel­che Bilder und Metaphern sie ihr Erleben kleidet und sich ihre Erkrankung zurecht­legt. Sie tut das reichlich, wobei sie sich im Auftrag ihrer Autorin vorwiegend der Fäkalsprache bedient. Sie sei ein „sehr zorniger Rohrspatz und schimpfe laut und fäkalausdruckreich.“ So kommt das Wort Scheiße bzw seine Abwandlungen 33x im Text vor, wobei unerheblich ist, wer das Wort in den Mund nimmt. Karo ist die Erzählerin und sie lässt sich und andere in ihrem Sprachduktus reden. Manchmal endet gar ein Kapitel mit dem Wort ‚Scheiße’, so dass der Leser auf einem 'Häufchen' sitzen bleibt. Als Hundebesitzer würden Karo und ihre Autorin sich strafbar machen. Der Leser bekommt hier die undankbare Aufgabe, die Häufchen  zu entsorgen, dieselbe Aufgabe, die auch die Therapeutin, Frau Görlich, bekommt. Angst sei, so Karos Erleben, ein stumpfes, stinkendes Gefühl. Bisweilen bekomme die Angst panische Züge, steige dann in ihr auf wie die Bläschen in einem sehr stark säurehaltigen Getränk. Gefühle steigen demnach aus der Tiefe ihrer säurehaltigen Seele auf, weshalb sie manchmal für andere ätzend ist. Die Angst dürfte trau­matisch sein, denn sie tritt ihr ja als „blöder Penner“ zwischen die nichtamputierten Beine und wirft sie um, als wäre Angst ein Ereignis, welches ihr Ich unvorbereitet, eben plötzlich („jeden Moment um die Ecke kommen“) trifft. Die Angst ist das Heimtückische, das über sie hereinfällt. Diese Angst wäre der Cholera vergleichbar, die im 19. Jahrhundert in Westeuropa weniger Opfer forderte als die Pocken, den­noch S. Sontag zufolge wegen der Plötzlichkeit ihres Auftretens und der Würde­losigkeit ihrer Symptome gefürchteter war. Heftiger Durchfall und Erbrechen hätten schon zu Lebzeiten des Patienten den Zerfall seines Leichnams vorweggenommen (vgl. Sontag, 1988). Hören wir Karo. Sie geht aufs Klo, wenn sie Angst hat, hoffend, dort „doppelte Entleerung“ zu verspüren: „Verdautes weg, Angst weg.“ Wie das? Karo erklärt es anhand des Weinens: Weinen sei für sie immer ein „großes leuch­tendes Fest  und eine enorme Erleichterung“. Bei zuviel emotionalem Stress, so habe ihr jemand erklärt, würden im Kopf Stoffe oder Fette oder andere Dinger im Über­fluss produziert, die mit dem Tränenfluss hinausbefördert würden. Karo bündig: „Quasi eine Darmspülung für den Kopf“. Danach sei man leer und ruhig und bereit für neue Scheiße. In der Tat: hier ist Karo klassisch depressiv.






















Defäzieren heißt sich leer machen heißt Angst ausscheiden. Die Erklärung über die neurophysiologischen Vorgänge im Gehirn hat sie von Dr. Kleve und fand darin ihre anale Theorie der Depression bestätigt – bestätigt von einer Mutterfigur. Hat sie die Erklärung als Drohung verstanden? Machst Du nicht in den Topf, wirst Du krank? Depression also als Ergebnis einer kindlichen Unfolgsamkeit?






















Aber lassen wir uns nicht täuschen: das Unbewusste spricht eine andere Sprache, eine Metasprache. Über das Defäzieren kann sie wieder Cowboy werden. Das identi­fizierende Denken stellt eine Verbindung her zwischen den Vorstellungen Fäzes und Penis und so kann Karo auf diesem Wege (der Defäkation) ein verlorengegangenes ‚drittes Bein’ (zurück)gewinnen. Kurzum: Angst weg heißt: Penis wieder da. Schließlich war die Angst ja der „Penner“ alias der PSP mit dem Schlagbohrer und der messerscharfen Diagnose. Ist er weg, kann sie wieder Cowboy sein - ähm, cool. Allerdings: Angst hat sie mit Verdautem, also Fäzes gleichgesetzt, was bedeuten würde, sie hat den PSP ‚gefressen’ und ihn wieder ausgeschieden. Dann wäre er vollkommen entwertet. Dass sie trotzdem von ihm fasziniert ist, ist auf der analen Ebene - wir befinden uns zur Zeit ja nicht im phallisch-hysterischen Modus - Zeichen psychischer Koprophilie („Platz für neue Scheiße“). Ist man leer, so Karo, ist man bereit für neue Scheiße - Merkmal der Depression. Folgerichtig hat sie Ess­probleme, besonders morgens. Sie esse wie Magersüchtige, „gar nicht“. Ihr Frühstück räume sie auf dem Teller von rechts nach links und zurück, nippe nur am Kakao. Und sie hat Probleme mit Gefühlen. Sehnsucht findet sie fürchterlich, Vor­freude sei nur ein Haufen Mist, dass das Leben  keine restlose Befriedigung bereit­hält, erlebt sie als quälend. Wundert es, dass sie von großer Ungeduld geplagt wird, dass Triebaufschub und Frustrationstoleranz nicht ihr Ding sind? Ihre Therapeutin, Anette Görlich, ermahnt sie bereits im Erstinterview: „Immer mit der Ruhe!“ Karo gibt eine Kostprobe ihrer Ungeduld, „eine tragende Säule meines Mackenlebens“: „Sachen müssen schnell und ohne Wartezeit geschehen. Alles muss zackzack ge­hen.“ Sie habe „eigentlich keine Zeit für fein und langsam.“ Sie kauft Kleidung ohne Anprobe, sie wisse, was ihr steht und passt. Sie kocht nicht, sie habe keinen Nerv für den Aufwand. Buffet sei ihre liebste Art, auswärts zu essen, denn das Essen sei „so­fort verfügbar.“ Dass ihrer Ungeduld eine Sucht zugrunde liegt, sie nennt es „Leidenschaft“ - weiß sie. Ihre Ungeduld macht sie schwindlig und sie bekommt Angst vor einer psychischen Diarrhöe, Angst, unkontrollierbar etwas zu verlieren oder in einen nicht beherrschbaren emotionalen Zustand zu geraten (z.B. ihre Wut­ausbrüche) und sich zu verirren: „Deine Theorie von der Übergangsfrau ist unbe­legter esoterischer Durchfall“, sagt ihr Nelson. Deshalb ihre „Kontrollsucht“. Ihren ihr wertvollen Job (ausgerechnet in einer Event-Management-Agentur) hat sie bereits verloren, Freunde haben sich von ihr abgewandt, weil sie eine „überemotionale doofe Kuh“ sei, und Liebhaber wird sie verlieren. Kurzum: Karo hat große Probleme mit ihrer Affektsteuerung. Jedes ankommende Gefühl, so haben wir erfahren, poten­ziere sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Drama. Aber die Zweifel an der Echtheit ihrer Depression sind die an der Echtheit ihrer Gefühle. Sie sei verunsichert und frustriert, so klagt sie, weil sie nicht mehr von ihren Intentionen und Gefühlen über­zeugt sei. „Weine ich aus echter Trauer oder aus Selbstmitleid? Aus Sehnsucht? Oder weil die Leute das im Fernsehen auch immer so machen?“ Oder in der Liebe: „Was, wenn ich mir das nur einbilde?“ Also echtes Gefühl oder medial stilisierte Gebärde? Jedenfalls Ambivalenz auf der ganzen Linie: gegenüber Gefühlen, ihrer Krankheit, den Männern.






















 






















*






















Ich will mich nicht zu sehr im Klinischen verfangen. Wir haben es mit einem Ro­man zu tun, in dem die Depression als ein Angefülltsein mit Fäkalien im Kopf vorge­stellt wird. Er vertritt damit die Auffassung, Depression sei auf Unreinheit zurück­zuführen. Allgemeiner: der Roman  bebildert  eine heute noch weit­verbreitete Auffassung von psychischer Erkrankung als einer ekligen Angelegenheit.






















Die Metaphorik wird dem Verdauungsvorgang des Körpers entlehnt und wegen der von der Neurophysiologie vermuteten dort gestörten Serotoninverarbeitung in den Kopf verlegt. Die Depression rückt damit in die Nähe der Cholera, deren Ursa­che man in krankheitsschwangerer Luft vermutete, verpestet durch Ausdünstungen, die spontan irgend etwas Unreinem entquollen, z.B. dem Unrat und  Abfall der Städte, der Verwesung oder der Nähe von Friedhöfen: die Miasmatheorie (vgl. Son­tag).






















Der Roman „Mängelexemplar“ variiert die Miasmatheorie. Er vermutet als Ursache der Depression ein internalisiertes Miasmas – eines im Kopf: Unrat, Abfall, Verwesung, Friedhofsnähe hinter der Stirn.  Deshalb spielen Mundgeruch („Morgenstund hat Mist im Mund“) und Zähneputzen mehrmals eine Rolle im Text, eine Wiederholung, die Zufälligkeit ausschließt. »Mann, es ist zum Kotzen! Ich musste die halbe Fahrt neben einem Typen sitzen, der Mundgeruch hätte!« Krass. »Außerdem hat der Wichser die ganze Zeit die BILD gelesen. Weiß doch jeder, dass das ein Nazi-Verein ist. Neben so was will ich nicht sitzen. Aber war sonst kein Platz frei«, sagt Karos Freund Phillip, von einer Reise zurückkehrend. Karo: „»Und ich hab mir heute extra die Zähne geputzt für dich. Kein Mundgeruch für den Rest des Tages, kuck!« Ich puste ihm ins Gesicht und spitze danach die Lippen für einen längst fälligen Kuss.“ Philipp jedoch haucht nur einen flüchtigen Kuss in die Nähe ihres Mundes. Und das, wo sie sich so auf Phillips Rückkehr gefreut hat!






















Mundgeruch spielt in der Werbung eine große Rolle. „Morgenstund hat Mist im Mund“ könnte ihr Slogan sein, um eine neue Zahnpasta ins Geschäft zu bringen. (Mund-)Geruch bringt Unbekannte jenseits aller Konvention des Bewusstseins, der Moral, der Ästhetik unmittelbar in Beziehung zueinander oder trennt sie (wie oben im Zug). Wo sich Mundgeruch ausbreitet, ist Zuneigung in Frage gestellt. Wo taufrischer Zahnpastaatem dem Mund entspringt, ist Küssen möglich. „Mängel­exemplar“ bestätigt – wie die Werbung – konventionelle, außerkommerzielle Ängste, isoliert zu sein und Bedürfnisse nach Nähe, Zuwendung und Harmonie. Wieso aber bekam Karo nur einen flüchtigen Kuss in die Nähe des Mundes? Mundgeruch und die BILD des Zugnachbars haben ihm die Lust auf seine Freundin vergellt, zumal seine Zuneigung sich ohnehin verflüchtigte. Die Szene zeigt: Werbung unter­schlägt Alltagsrealität und Geschichte, um suggerieren zu können, reiner Atem ver­treibe alle Widrigkeiten des Lebens. 1:0 für den subjektiven Faktor.






















Werbung wird erst wirksam, wenn das Unreine und Hässliche als Unheil dem Rei­nen und Schönen als dem Paradies gegenübergestellt wird. Die Schönheitschirurgie praktiziert diese Technik im Vergleichsverfahren „Vorher-Nachher“ (vgl. www.thomas-ettl.de)






















Die Kette: Mundgeruch – Bildzeitung – stinkendes Fass – Depression signalisiert: man ist eklig, hässlich, isoliert, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und gilt als ‚anpassungsgestört’. Risau ist eine Metapher dafür, wie man als Depressiver zum Verruchten, Aussätzigen, Elenden, zum Bösewicht wird.






















Innere Leere hingegen gilt als gesund, man ist integriert, wird gemocht und ge­küsst. Der Arzt, dessen Kinder Risau unterrichtete, war „wohlhabend“, Risaus Gattin „vortrefflich“, der Kaufmann „vornehm“.  Risau hingegen war eine Ri(esen)-Sau. Allerdings: ist man leer, ist man ohne Identität, rein und weiß wie ein Bettlaken, „blutleer“ (Frau Görlich – Karos Therapeutin, T.E. – „lässt mich … ausbluten“) eben namenlos wie der PSP (sofern nicht dahinter ein Zeus steckt). „Blutleere“ verhindert Begehren und damit Neid und Eifersucht. Das Leben wird so dramatisch wie das Testbild im TV - ähm cool?






















Wird Depression mit Schmutz und Gestank assoziiert, fühlt der Depressive sich als „stinkendes Fass“, so kann er das Gute in sich nicht wahrnehmen und leben. Ist das Leben nur ein Verdauungs- und Entleerungsprozess – oben rein, hinten raus -, kann in der Seele nichts hängen bleiben. Wie soll Karo jemals schwanger werden, wenn nur Schlechtes, Entwertetes in ihr ist? Deshalb vielleicht Karos Groll auf Mutter­figuren. Mehr noch: Wie soll man sich vorstellen, von einem anderen geliebt zu wer­den, versteht man sich selbst als „Drecksau“. Als Liebesobjekt käme nur eine Drecksau in Frage. Karo teilt hier übrigens das Frauenbild des Odo von Cluny: „Die weibliche Anmut“, so Odo, „ist nichts als Schleim, Blut, Säfte, Galle. Bedenkt was sich in den Naselöchern, im Rachen, im Bauch verbirgt: Schmutzigkeiten überall [...[. Und wir, die wir sogar davor zurückschrecken, auch nur mit den Fingerspitzen Erbrochenes oder Dung zu berühren, wie können wir begehren, nichts als einen Sack voller Exkremente zu umarmen?“ (vgl. www.thomas-ettl.de).






















Risau, der sein Glück nicht genießen konnte, hat sich mit einer Regression ins anal-sadistische seine Glücksfähigkeit zerstört. Bei Karo ist die Möglichkeit „Glück“ zu empfinden, beschädigt.  Glück sei anstrengend, meint sie. „Alles ist wunderbar (mit ihrem Freund Max, T.E.), und damit kann ich überhaupt nicht umgehen. Ich sehe meinem Glück mit Argwohn streng in die Augen und sage: Na? Und wo ist der Hacken, du Drecksau?. Sie entwertet sich selbst. Das Wort Drecksau signalisiert den Prozess, mit dem Karo sich ihr Glück zerstört. »Wer in Ihnen nennt sie denn Dreck­sau, wer hat so abfällig über Sie gesprochen«, würde ich einen Patienten in einem solchen Fall sofort fragen. Ich werde später eine Vermutung anstellen, wer da mit wem spricht. Hier jedoch zeigt sich schon durch Kursivsetzung textformal, dass zwei verschiedene innere Instanzen beteiligt sind. So in der folgenden Sequenz. Karo klagt, sie traue weder dem Glück noch sich selbst über den Weg. Sie sei sicher, recht bald alles an der Beziehung zu Max kaputtzumachen. Ihr Kopf rattere und rattere wie ein nervöses Perpetuum mobile. Sie sei launisch wie ein Kind und zanke, um Max zu provozieren. Sie schlafe oft allein, um sich zu beweisen, dass es keinen Unterschied macht, ob sie mit oder ohne ihn einschlafe, d.h sie prüft, ob er wichtig, sie abhängig, oder ob er Luft für sie ist. Karo hat zu Recht „schreckliche Angst davor, alles zu versauen“. Die kleinste Ungereimtheit lasse sie panisch werden. Sobald Max etwas sage oder tue, das ihr nicht gefällt, kreische ihr Hirn sofort: „Siehste siehste siehste! Der isses nicht! Du findest den doch doof!“ Max sei konfliktscheu. „Mich macht das wahnsinnig. Max soll kämpfen! Aufbegehren! Sich wehren!“ Er aber mag alle Men­schen, findet keinen richtig doof. Er mache es sich einfach mit seiner Umwelt, ruhe in seiner sogenannten Mitte. „Wie Magensäure stößt mir diese Eigenschaft plötzlich auf. Das kann doch nicht der Mann fürs Leben sein, schreie ich dem Glück ins Gesicht.“






















Karo versucht Max gegen ihre zerstörerische Tendenz in Schutz zu nehmen und ihn vor ihren überhöhten Ansprüchen zu retten. Erst ist er wertvoll, dann wird er entwertet, um sich von ihm trennen zu können. Karo zerstört sich ihr Glück, indem sie die Bedeutung ihres Freundes ‚töten’ will und  macht auf der psychischen Ebene mit ihm, was Risau real mit seinen Familienangehörigen gemacht hat.






















Der „verkümmerte noch funktionierende Teil ihres Gehirns“ gäbe zu bedenken, dass man nun mal nicht alles an einer Person super finden könne, und dass man sich in einer Beziehung auch mal auf die Nüsse gehen dürfe, aber der hysterische Teil würde dann noch lauter: „Nein! Man muss alles am anderen gut finden. Alles alles alles!“






















Im Klartext: Karos Ichideal (der laute Teil) fordert absolute Makellosigkeit - Alles alles alles! - vom anderen und von ihr, d.h. absolute Reinheit. Ihr Ichideal ist mega­loman. Man kann gut erkennen: das Ichideal ist Urheber der Glückszertrümmerung. Ihr Überich (der verkümmerte Teil, im Roman Nelson) versucht, diesen immensen Anspruch des Ichideals, Ursache der alles zersetzenden Unzufriedenheit, zu mildern.






















Diese Passage ist eine der klinisch wie zeitgenössisch interessantesten des Romans. Klinisch: Je höher das Ichideal, desto „verkümmerter“ das Überich. Des­halb wird der Unreine (sei es im religiösen, wissenschaftlichen oder ideologischen Sinne) im Namen des Ichideals gemordet (symbolisch oder real), nicht im Namen des Überichs. Zeitgenössisch: Ob in Richtung Ichideal oder in Richtung Überich ist die alles entscheidende Weiche im Schönheitskult. Fordert das Ichideal vom Ich den idealen Körper, oder erlaubt das Überich einen mit Mängeln? Fällt das Überich aus und warnt nicht vor den Gefahren des Eingriffs für die Gesundheit des Körpers, so kommt es zum chirurgischen Exzess.






















Man ahnt: Das Ichideal ist die Mutter der Reinlichkeitsphase, die anale Mutter. Hören wir Karo: „Auf der Suche nach dem Haar in der Suppe meines Glücks fange ich an, zu stänkern.“ Max, ihr aktueller Freund begänne sie zu nerven. Er sei unglaublich langsam und unkoordiniert, sein Zeitmanagement praktisch null. Er käme immer zu spät. Er entschuldigt sich, er sei nun mal so. „Aber in meiner Welt (kursiv T.E.) funktioniert das nicht so einfach. Unpünktlichkeit ist kein angeborener Gen-Defekt, also sollte man sie auch nicht so behandeln.“ Zeitmanagement ist eine typisch anale Kategorie. In der Reinlichkeitsphase lernt man die Zeit zu managen.






















Das Problem liegt in der Hoffnung auf Glück. Glück ist nur kurzfristig, sozusagen im ersten Moment der Flitterwochen zu haben und verfliegt, wenn sich nach und nach Mängel kundtun, d.h. Glück ist bedingt durch Reinheit, Makellosigkeit, dann, wenn man alles alles alles am anderen (und an sich selbst) super findet. Glück emp­findet man, wenn das Ichideal zum Idealich geworden ist.






















*






















Wie kommt Karo zur analen Metapher für ihre Depression? Biographisch gesehen ist das Elend der Karo Herrmann die Ungeduld ihrer Mutter bei der Reinlichkeits­erziehung. Dieses Schicksal teilt sie mit Helen Memel, der Protagonistin in „Feucht­gebiete“. Während Helen die Unduldsamkeit der Mutter bei der Reinlichkeitsdressur aus der Erinnerung konkret abrufen konnte, lässt sie sich bei Karo nur deduktiv aus dem Hier und Jetzt, aus ihren Phantasien, ihrer Identifizierung mit ihrer Mutter, dar­über, dass sie heute mit sich selbst so umgeht, wie mit ihr damals zur fraglichen Zeit umgegangen worden sein dürfte, erschließen. Anzeichen für die frühe Erziehung finden wir in ihrer Identifikation mit dem Ichideal ihrer Mutter, das/die sie als Drecksau beschimpft: „Und das wünscht sich mein Kopf am meisten: Ordnung und ein Ende.“ So ist auch zu interpretieren, dass Karo sich selbst ohrfeigt.  Ihre Selbst­anklage, sie sei so anstrengend für andere, gilt der anstrengenden Mutter in ihr. Die miese Stimmung morgens und die Formel: ‚Morgenstund hat Mist im Mund’ könn­ten Hinweis sein, die Mutter habe sie morgens, bevor sie zur Arbeit musste, aufs Töpfchen gesetzt.  Eine berufstätige Mutter dürfte kaum Zeit haben, sich auf die mit­unter zeitraubenden „Einigungsmöglichkeiten“ ihres Kindes (Lorenzer), das sich spielerisch-übend die Reinlichkeit aneignen möchte, einzulassen. Fühlt sich ein Kind alleingelassen, kann es zur Koprophagie (Kotessen) kommen. So wie sich Karo bei ihrer Therapeutin erlebt, so könnte es früher gewesen sein: Wie ein trotziges Kind kauere sie mit vorgezogener Unterlippe auf dem Drehstuhl (Töpf­chen?) und schmolle.






















Von damals erfahren wir indes nur nur Spärliches. Sie habe eine „doofe“ Kindheit gehabt, sei „generell“ streng erzogen worden, habe eher ängstliche Erinnerungen an ihre Mama der Kindheit. Sie sei Respektperson gewesen, der die Hand leicht aus­rutschte. So hätte sie den Arsch wegen Nichtigkeiten versohlt, TV-Verbot oder Hausarrest und mit 16 noch „Backpfeifen“ bekommen  (der altmodische Begriff ‚Backpfeife’ passt nicht in den Sprachduktus, dürfte mithin auf Privat-Historisches verweisen). Ihre Mutter sei unglücklich und sehr ungeduldig gewesen. Wenn es zur Moralisierung einer Krankheit des miasmischen Hintergrundes bedarf, wie Sontag meint, so könnten hier die ersten Kulissen für diesen background erstellt worden sein.






















Karo ist, wie Helen Memel, Scheidungskind. Mutters Ungeduld bei ihrer Reinlich­keitserziehung kann daran liegen, dass Kinder in Scheidungsfamilien besonders ad­rett auftreten müssen, um den familiären Mangel, die Schande etc. nicht sichtbar werden zu lassen.






















*






















Mögen die ätiologischen Wurzeln der Depression Karos in der biographischen Tiefe der Reinlichkeitserziehung liegen, so müssen sie auch im gesellschaftlichen Zitier­zusammenhang gesucht werden. Reinlichkeitserziehung ist keine privatistisch-iso­lierte Praxis zwischen Mutter und Kind, sondern hat kulturspezifisches Profil. „Mängelexemplar“ steht im Kontext eines Kollektivs, das exzessiv mit der Ästhetisierung des Alltags beschäftigt ist, in dem das ‚Reine’ - Körperreinheit/Hygiene - und das Körperschöne bis ins kleinste Härchen  alles dominiert, wie unschwer der Werbung und dem Schönheitskult zu entnehmen ist. Der Erfolg sowohl von „Mängelexemplar“ als auch von „Feuchtgebiete“ erklärt sich daraus, dass beide zu dieser Thematik Stellung beziehen. Während jedoch bei Charlotte Roches Roman das  Reinheitsgebot, der Hygienewahn das Krankmachende ist, ist es bei Sarah Kuttners Roman der Schmutz, der krank macht. Helen verzweifelt am „Muschiwaschen“ ihrer Mutter, Karo an der Scheiße im Kopf. Das Emanzipa­torische an „Feuchtgebiete“ ist: der Roman schreibt gegen die durch Medien und Werbung oktroyierte Hygienevorstellung an. „Mängelexemplar“ hingegen bedient die Auffassung, Schmutz ist krankmachend, Krankheit demnach schmutzig, absto­ßend, isolierend. Wir haben es also mit einem gegenemanzipatorischen Roman zu tun, der einen vermeintlichen Urzustand von Reinheit unterstellt. Der Roman ist eine „Backpfeife“ für Helen Memel und alle jene, die den Hygiene- und Schönheitswahn internalisiert haben und sich von ihm zu befreien suchen. Ihnen drohe Krankheit und Isolation. Insofern ist der Roman konservativ und affirmativ.






















So unterschiedlich die vermutete Krankheitsursache in beiden Romanen entfaltet wird, so unterschiedlich sind die angebotenen Heils– oder Heilungserwartungen.






















Während in „Feuchtgebiete“ Körpergerüchen und – säften wieder zu ihrem Recht verholfen, die durch den Hygienewahn zerrissene Einheit von Körper und Leib wie­der hergestellt wird, Gerüche und Säfte wieder resozialisiert werden sollen, um zu heilen, so liquidiert „Mängelexemplar“ Schmutz und Geruch. Wird Krankheit als ein Angefülltsein mit Fäkalien empfunden – der Plott von „Mängelexemplar“ -, kann Heilung nur durch Entleerung und damit Reinigung erfol­gen. Ist Karo leer, ist sie rein. Heilung erfolgt dadurch, „all die nur zäh abfließende Scheiße“ mit einer Darmentleerung z.B. einer Darmspülung unter Zuhilfenahme eines Klistiers zu beseitigen. Im Roman ist David das Klistier: „Anna, weist du, was das Tollste ist? Dass ich das Gefühl habe, dass Phillipp endgültig aus mir rausgespült wird. David funktioniert wie ein  Klistier. Rein mit ihm, raus mit dem Mist!“ So denken Kinder. Man entledigt sich einer Person, die man nicht mehr liebt, auf dem Wege der Defäkation. Die Stelle zeigt auch: im phallischen Modus hat der Mann einen Schlagbohrer, im analen Modus ist er Klistier.






















Ebensolche Klistierfunktion soll die Psychotherapie haben. Als Wasch­maschine, als Klistier oder Klosett-Spülung soll sie „die zäh abfließende Scheiße“ entsorgen. Therapie als Kopragoga. Das entspricht ganz Karos infantiler Denkweise, ihrer Neigung zu magischem und animistischem Denken, wie es sich sich an zahl­reichen Romanstellen offenbart. Genau besehen ist ihre Behandlung ja eine Kindertherapie: Sie darf ihre Therapeutin duzen. Karo hat mit Anette „die ganz große Scheiße zusammen gemeistert. Anette hat sie „ausbluten“ lassen, ein Bild, in wel­chem die anal-sadistische  Mutter in der Übertragung auf Anette wieder aufscheint. ‚Karo als Leiche’ wäre das Therapieergebnis. Folglich erwartet sie von ihrer Thera­peutin: „»Ich kann nicht mehr. Mach mich wieder ganz!« flehe ich Anette an wie ein kleines Kind.“ (kursiv T.E.).






















Ist Karo leer, hat sie mit ihrer Therapeutin die Scheiße gemeistert, sind die Forde­rung ihrer Ichideals erfüllt. Psychotherapie als narzisstische Befriedigung, als Schau­spielerei, als Casting mit der Hoffnung auf Recall.






















Versteht man Krankheit als Scheiße im Kopf, muss man zwangsläufig unter The­rapie eine Entleerung / Waschung verstehen. Hier denkt Karo wie Essgestörte auch. Sie verstehen ihr Erbrechen regelmäßig als eine Reinigung vom beschmutzenden Essen. Man denke an die Vorliebe mancher Patienten für abgelaufene, also wertlose Nahrung. Auch eine Form der Koprophagie. Essgestörte unterliegen dem Reinigungsverdikt.






















Karos Erwartung an eine Psychotherapie ist nicht ungewöhnlich. In der Tat kom­men viele Patienten mit einer solchen Erwartung zur Behandlung, hoffend, gegen alle Spuren, die der Alltag an Leib und Seele hinterlässt, immunisiert zu werden. Sie wollen unberührbar sein, um ‚rein’ zu bleiben, wollen in den früh-narziss­tischen Zustand, den des Paradieses auf Erden zurückkehren. Karos Wunsch an die Therapie geht konform mit dem Anspruch ihres Ichideals. Diese Reinheit hat jedoch metaphysischen Charakter. Sie gibt’s auf dieser Welt nicht, son­dern ist von mystisch-religiöser Natur. Ein megalomanes Ichideal kann ein solche metaphysische Dimension annehmen: alles, alles, alles!






















Therapie gerät hier in die Nähe der Werbung. Dort ist die Reinheit schon immer da, sie verspricht einen Naturzustand, so wie die digital geschönten Körper der Mediengeschöpfe, die eine Naturgegebenheit vortäuschen, die man sich nur chirur­gisch aneignen muss – ohne großen Aufwand. Bin ich wieder leer, sagt Karo, bin ich wieder rein, im Urzustand. Das möglichst schnell. Die Therapie soll ebenso die Un­geduld befriedigen, wie es die Werbung verspricht.






















Therapie als Waschautomat – sakraler Vorläufer ist die Tempelaustreibung - wird assoziiert mit dem Mysterium der Erneuerung. Die totale reinigende Entleerung macht taufrisch oder jungfräulich wie der neue Tag. Entsprechend den Suggestionen der Werbung, die den Frühling als Jahreszeit der Reinigung und Erneuerung versteht, hofft Karo: ‚Alles neu macht der Mai’. Das alte Jahr habe sie nämlich „in den Arsch gefickt“, es sei jetzt im „Jahreshimmel“ (auf so eine Idee muss man erst mal kom­men!, ein solches Jahr dürfte aber eher in die Hölle kommen, oder?). Jedenfalls wird zum Jahreswechsel alles neu, glaubt sie. Das jahreszeitliche Denken, wie es sich in ihrer Silvestermagie dokumentiert, erlaubt ihr die Vergangenheit zu verleugnen. Rein = neu heißt in diesem Roman: in den Urzustand des jungfräulichen Cowboys, auf einem Pferd wie seine Majestät das Baby auf dem Topf thronend, von einer Fan­gemeinde umgeben, zurückzukehren.






















Dass Karo den Vergleich mit der Hostie bemüht, bekommt jetzt eine weitere Bedeutung: Sie ist Symbol der Wiederauferstehung, so wie heutzutage die Defloration chirurgisch wieder ungeschehen gemacht werden kann. Die Hostie ist zwar „unumstößlich existent“, der Verlust des Hymens nicht.






















Die Therapie hat eine ungünstige Prognose. Karo will so bleiben, wie sie ist.  Sie erlebt nichts, sondern häuft Wissen an, macht aus der Therapie eine „Kopfparty“, komplizierten Kopfmist. Sie zeigt eine intellektualisierende Abwehr Der „perfekte Schauspieler“ in ihr habe das Drehbuch mit dem Arbeitstitel ‚Geistige Heilung’ so gut umgesetzt, dass sie ihm glaube. Sie hat kein Krankheitsbewusstsein. Der PSP benennt den Widerstand: Nach einer Traumatisierung habe ihre Seele ein Schutz­schild aufgebaut. Der Widerstand sitzt hier: „Ah, nun bin ich wieder in meinem Ele­ment. Da kann ich mitreden und werfe mit nonchalantem Lächeln geübt meine Kind­heit auf den Tisch, dass die Bionade wackelt.“ Dann listet Karo ihre Traumata auf, merkt dann aber an der Reaktion des PSPs, „dass dieser Rucksack voller Scheiße eigentlich kein Grund ist, stolz zu sein.“ Wir können also Hoffnung haben, dass aus der ungünstigen Prognose vielleicht noch eine ausreichend günstige wird ...






















Ich würde dem Roman indes sehr unrecht tun, bliebe unerwähnt, dass in Gestalt der Therapeuten Karos Klistiervorstellung von Psychotherapie eine klare Absage erteilt wird. „»Und wie kriege ich das wieder weg?«, frage ich wütend.“ Anette: „»Du musst lernen, diese Ängste zuzulassen. Zu verstehen, dass dein Körper dir et­was damit sagen möchte.«“ Eine fragliche These, aber immerhin.






















 






















*






















So schlimm war’s gar nicht, oder? Literarisch ist der Roman zwar nicht aufregend. Und wir finden keine erhabenen Sätze. Dafür schnuppern wir einen odor mali, wie es sich für eine Miasmatheorie gehört. Ich höre den jungen Leuten dennoch gerne zu. Ihre Sprache ist unprätentiös, artikuliert sich aus dem Bauch (hier dem Darm) und enthält sich aller Kulturheuchelei. Goethe bleibt uns trotzdem erhalten. Cool?






















 






















*






















Zum Abschluss will ich noch eine Begebenheit erwähnen, weil sie für meine Re­zension titelgebend war. Im Zuge ihrer Behandlung bei Anette Görlich erzählt Karo von einem Erlebnis mit ihrem Onkel. Wie sie das Thema ins Gespräch bringt, ist bemerkenswert: „Ich habe einen angeheirateten Onkel, der mich als Kind auf eine Art ‚lieb hatte’, wie man ein Kind eher nicht lieb haben sollte.“ Eine gewisse sich distanzierende Ambivalenz dem Erlebnis gegenüber wird spürbar, deutlicher noch hier: „Ich bemitleide die kleine Karo, die sich mit 12 Jahren endlich traut, ihrem Onkel mitzuteilen, dass sie ab nun bitte lieber nicht mehr auf den Po geküsst werden möchte.“






















Fragt sich: hat der Missbrauch pathologische Folgen? Angeblich hat Karo keine sexuellen Probleme, wie sie uns versichert. Seine Bedeutung und pathologische Wir­kung könnte verleugnet sein. In der Aufzählung ihrer Probleme sei die „Böse-Onkel-Karte ihr Trumpf. Die narzisstische Abwehr wird sichtbar. Der Missbrauch dient der Performance. Das wäre die Wendung des Traumas ins narzisstische. „Ich habe außerdem immer echt schnell von meinen Erfahrungen mit dem fürchterlichen Onkel erzählt. Wie ein lässiger und gelangweilter Cowboy warf ich meinen Freunden diese Geschichte von meinem Pferd hinunter vor die Füße. Ich war damit schon fertig, und Leid schafft eine Fangemeinde.“ Dem Cowboy, so lesen wir, konnte die Kastration nichts anhaben.






















Fazit: Eindeutig ist die pathologische Wirkung nicht, was bestätigen würde, dass eine Verführung seitens eines Erwachsenen nicht immer krankmachend sein muss. In „Mängelexemplar“ scheint die Verführung entwicklungsfördemd für den Schritt vom analen in den phallischen Modus. Die Hysterie ist reifer als die Depression. Die Onkel-Szene könnte deshalb nicht traumatisch gewesen sein, weil er sich an einem nicht spezifisch weiblichen Körperteil vergnügte. So konnte Karo sich die Phantasie, ein Junge zu sein, erhalten, die Kastration unentdeckt bleiben. Sie konnte Cowboy bleiben.






















Dies im Sinne behaltend hören wir Karo: Obwohl misanthropisch, Menschen nicht besonders mögend, kellnert sie 3x in der Woche im »Heidewitzka«, einer typischen, verrauchten Eckkneipe, in der immer Fußball im TV liefe und in der man auf die Fresse bekomme, wähle man grün. Ins »Heidewitzka« kämen „nur fertige, unglück­liche, alte Männer“, die, ergeben in ihr Schicksal, leise ihr Bier tränken, Karten spielten, in Ecken säßen und sich älter und überflüssiger denn je fühlten. Aber sie seien „reizend zu uns jungen Dingern“, ihre Komplimente echt und säßen so locker wie ihre Zähne. „Hin und wieder gibt es einen Klaps auf den Po, aber man weiß ge­nau, wo man sich Appetit holt, und wo gegessen wird.“ Diese Alten seien der einzige Grund, so Karo, warum sie noch im »Heidewitzka« arbeite: Um ihre H-Milch-Augen für einen kurzen Moment zum Glänzen zu bringen, wenn ich ihnen ihr Pils serviere und dann den Hintern ein klitzekleines bisschen rausstrecke, damit sie draufklapsen können.“ Mitleid mit dem Täter?






















Wie auch immer: Da ist sie wieder - die Hysterie. Alle scheinen vom Onkel zu profitieren: Karo und die alten Männer.






















Heidewitzka!






















 






















 






















Literatur






















Müller-Waldeck, G., (Hrsg.): Unter Reu’ und bitterm Schmerz. Bänkelsang aus vier Jahrhunderten. Rostock: Hinstorff, 1977, S.145-149).






















Sontag, S. (1988): Aids und seine Metaphern. München: Hanser, 1989






















































Oktober 2009












© Copyright Thomas Ettl 2009






















 






















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Fortsetzung folgt: Wie Gerhard Warlich sich seinen Traum vom Leben in einer Hundehütte auf  den Alpen zu erfüllen sucht. Zu W. Genazinos Roman: Das Glück in glücksfernen Zeiten.

































 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 






















 








































































































 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 


























 

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01.11.2009 20:55:32
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01.11.2009 20:55:32
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November, 2009
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