Thomas Ettl
„Feuchtgebiete“ und andere Örtlichkeiten – Der Körper in der modernen Seelenlandschaft
Mit medizinischem High-tech und Lifestyle-Medikamenten ist es der modernen Medizin möglich, den Leib vom Körper zu trennen. Der Leib schmutzt, riecht, ermüdet, schmerzt, wirft sich in Falten, altert, zeigt Spuren von Geburten und Krankheiten. Kurzum: der Leib verleiht dem Körper Lebendigkeit. Dem Schönheitskult ist er Inbegriff des Unsauberen, Hässlichen, Ekligen und wird, da mit Schönheit unvereinbar, geschmäht. Der Leib wird zum fäkalen Objekt. „Schönheitsarbeit“ (Menninghaus) wird zur Ekelvermeidungsstrategie“ (Böhme). Mehr noch: er wird zum Feind, den es zu besiegen gilt, weil er das Ideal des jugendlichen Körper angreift. Der Schönheitschirurg soll mit dem Skalpell gegen den Leib vorgehen und das „Paar von Körper und Leib“ (Böhme) trennen. Schönheitschirurgie wird zum invasiven Eingriff in die Gesundheit, zur an den Chirurgen delegierten Selbstverletzung. Der jugendliche Körper wird als Trophäe ausgestellt, der Leib hingegen aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.
Nun erlaubt das Tilgen der Leibspuren zwar die Illusion eines zeitlosen, durchhygienisierten Körpers, da es jedoch der Leib ist, der dem Körper seine Individualität und Lebendigkeit verleiht, handeln sich die Menschen mit seiner Tilgung neben einer Körperbildstörung eine das Individuelle löschende Merkmallosigkeit ein (vgl. Ettl, 2006), worüber das Begehren auf der Strecke bleibt. „Ein Schönes darf nicht berührt werden“, sagt Lacan (1960).
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Um Körper, Leib und Selbstverletzung geht es auch in dem Roman „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Er versteht sich als Protest gegen den medial inszenierten Körper und seine schönheits- und hygienewahnsinnige Zurichtung in der Spätmoderne. Und in der Tat: In diesem Roman kehrt der im Schönheitskult geschmähte und verdrängte Leib aus seinem Exil zurück und überschwemmt den hygienisierten, geschönten Körper mit seinen Säften bis buchstäblich hinter die Ohren. Das „Paar von Körper und Leib“ soll wieder vereinigt werden.
Worum geht’s? Die Protagonistin, die 18-jährige Helen, Scheidungskind, eröffnet freimütig, bei ihr gehöre der Arsch zum Sex und sei demzufolge dem modernen Rasurzwang unterworfen. Bei dieser „Schönheitsarbeit“ zieht sie sich eine Analfissur zu. Ein Krankenhausaufenthalt wird erforderlich. Das Krankenhaus wird zum Ort der Romanhandlung. Helen erzählt, wie sie mit geilem Wissensdurst experimentierfreudig ihre Feuchtgebiete erforscht, präsentiert jedem ihr nacktes, geschundenes Hinterteil und gewährt Einblick ins Rektum, das sie mit dem ‚Ursprung der Welt’ (Courbet) zu verwechseln scheint. Bald wird klar: Diese manische Präsentierlust ist Residuum einer peinlichen Szene aus der Grundschulzeit, wie Helen mitteilt. Dieses „luftige Gefühl hintenrum“ kenne sie aus ihrem wiederkehrenden Kindheitsalptraum: Sie steht an der Haltestelle, wartet auf den Schulbus und merkt, sie hat vergessen, eine Unterhose anzuziehen. Zu Hause, so Helen, merke man so was nicht, aber in der Öffentlichkeit hätte sie lieber sterben wollen, als mit nacktem Arsch unterm Rock entdeckt zu werden. Und das genau in einer Zeit, so Helen, als die Jungs mit den Mädels ‚Deckel hoch, Wasser kocht’ gespielt hätten.
Was die kindliche Scham über den Exhibitionswunsch noch zu verbergen sich bemühte, hat die heute 18-Jährige in schamlose Lust gewendet. Ein Interesse der Männer an ihrem Po interpretiert sie als besondere Zuwendung, als Liebesbeweis. Ihr Venushügel hingegen beruhige sie und diene ihr seit Kindertagen zum Einschlafen. Er sei für sie die wichtigste Stelle am ganzen Körper, ihr Zentrum, so schön warm und perfekt auf Handhöhe gelegen. Sie könne am besten einschlafen, wenn sie da ein bisschen rumstreichle. „Hab ich früher als Kind schon immer gemacht.“ Der Venushügel scheint von jeher ihr sicherer Ort gewesen zu sein.
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Die Körpererforschung Helens führt den Leser zum Quellgrund jener Besessenheit, der Wissenschaftler oder Künstler bei ihrer Tätigkeit bedürfen, einer Form sublimierter erotischer Aufgeregtheit, die ihren Ursprung in den Feuchtgebieten des Körpers hat, die das Kind erforscht. Schon Freud hat mit dieser Sichtweise so manchen pikiert. Entrüstet zeigen sich auch Teile des rezensierenden Feuilletons. Aber so ist das eben. Schonungslos berichtet Helen, was Kinder beim Doktorspiel bewegt, aber nicht zu artikulieren vermögen.
Überdies erlaubt der Roman Einblick in den Vorgang der Aneignung der Körper-Leib-Einheit, die jedes Kind zu Beginn seines Lebens vornehmen und in der Pubertät unter dem Eindruck der Körperveränderung fortsetzen muss. Zunächst nur mit einer anatomischen Körper -Leib-Einheit ausgestattet, lebt das Kind am Anfang in einem von der Mutter lange vor seiner Zeugung erstellten Körperentwurf, ihrer „Kindimago“. Gemeint ist das gesamte Archiv bewusster wie unbewusster Phantasien und Vorstellungen der Eltern über ihr Kind. Die Kindimago ist die Vorgeschichte des Kindes in den Eltern, sozusagen die Übertragung der Eltern auf ihr Kind. Manchmal kann man schon am Namen eines Kindes erkennen, welcher Natur die Kindimago der Eltern war, wenn das Kind z.B. den Namen eines gerade gefeierten Stars bekommt. Hier können bereits Schönheitsideale Einfluss nehmen. Entscheidend ist, ob das Kind sich im Zuge seiner Entwicklung von den elterlichen Vorgaben befreien darf, denn seine Körper-Leib-Einheit muss der Säugling sich erst in einer Art Collage (Rodulfo, 1996) herstellen, d.h. sie libidinös besetzen. Seine Materialien dabei sind Milch, Brei, Rotz, Schleim sowie Blicke und orale Phantasien, mit denen er vom Körper der Mutter Teile abpflückt. Die Mutter wird zu diesem Zweck angefasst, abtastend erforscht, zerlegt, beschmiert; kurz: sie wird benutzt.
Helen schildert diesen Vorgang aus der Adoleszentenperspektive. Sie benötigt andere Frauen als Steinbruch, um bei ihrer Körper-Leibkonstruktion Teile von deren Körpern zu übernehmen. Dazu habe sie in der Schulzeit Kontakte zu Freundinnen gesucht. Hatte sie mit ihrer Busenfreundin Irene gleichzeitig die Periode, so hätten sie auf der Schultoilette ihre gebrauchten Tampons ausgetauscht, sie genauestens untersucht und sich dann reingestopft. So wären sie in einer „Blutsschwesternschaft“ durch ihr „altes, stinkendes Blut verbunden“ gewesen. Wer wisse schon, so Helen, wie benutzte Tampons von anderen Mädchen aussähen: „Na, gut. Wer will das überhaupt wissen? Außer mir. Ich weiß“.
Sie irrt. Alles schon da gewesen in der Frauenbewegung anno 1980, dort unterm Titel Gemeinsam bluten macht stark. Eine Gabi erzählt: „Und mit Menstruationsblut haben wir auch rumgeschmiert, es zum Beispiel auf dem Bauch verrieben und es auch geschmeckt. Und die benutzten Tampons lagen auch manchmal irgendwo im Zimmer, für 2-3 Tage. Sie wurden halt nicht gleich ehrlos ins Klo geschmissen, durften noch Gast im Zimmer sein, lagen da aber auch recht verloren rum. Wenn mal jemand reinschaute und auch einen benutzten Tampon entdeckte, war es mir schon etwas peinlich. Heute … finde ich es nicht ganz selbstverständlich, vom Gefühl her, in der Küche den Tampon zu wechseln, wenn Doro zum Beispiel gerade beim Kochen ist.“ (vgl. Klein, 1981). Aber nun haben wir 2008, und Helen hat Weiteres über den weiblichen Körper gelernt - bei Prostituierten. Sie traue sich ja nicht, so Helen, Mutter oder Freundin zu bitten, die Muschi mal kurz für sie aufzuspreizen, um ihren Wissensdurst zu stillen. Auch würde sie gerne ihre kleinen Brüste tauschen mit den weichen großen ihrer Freundin. Sie stelle sich vor, wie ihnen beiden vom Schönheitschirurgen die Brüste abgeschnitten und jeweils der anderen wieder drangenäht würden.
Dieselbe konstitutive Funktion, die andere Personen bei der Körper-Leibkonstruktion haben, hat auch der Spiegel. In ihrem Badezimmer befänden sich all diese nützlichen Spiegel, so Helen, mit deren Hilfe sie sich selber von unten in die Muschi reingucken könne, und uns wird erklärt, welche Rolle der Spiegel für eine Frau einnimmt. Sie sähe nämlich ihre Muschi von oben betrachtet anders als ein Mann, wenn er im Bett mit dem Kopf zwischen ihren Beinen hinge. Sie sähe nur ein Büschel Haare und zwei Hubbel abstehen, die Schamlippen andeutend. Als Frau sei sie unten so komisch versteckt um die Ecke rum gebaut.
Sie knüpft hier an die ‚Spiegelphase des Feminismus’ der 8o-iger Jahre an, als Frauen kollektive Selbstuntersuchungen zur Überwindung der eingeschränkten Körperwahrnehmung in Wochenendseminaren angeboten wurden. Der Spiegel ermöglicht die Vervollständigung des Körperbildes und macht der Fremdverfügung über den eigenen Körper, dem Gefühl, ein anderer sieht mehr von meinem Körper als ich selbst, ein Ende. Aber Helen will auch wissen, wie ihr Schleim riecht und schmeckt, will nicht daliegen und hoffen, alles komme gut an. Helen entrüstet, es könne ja nicht sein, beim Sex die Beine für einen Typen breit zu machen und selber keine Ahnung zu haben, wie sie da unten aussehe, rieche und schmecke. Sie will sich nicht ausschließlich im männlichen Blick gespiegelt sehen. Die Kenntnis vom eigenen Körper, ein vollständiges Körperbild gibt Sicherheit und macht die Selbstwahrnehmung unabhängiger von der Fremdwahrnehmung. Das ist für die Selbstfindung von großer Bedeutung und erlöst von Abhängigkeit.
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Man kann sich an Hand dieser Schilderung vorstellen, was in einem Kleinkind vor sich gehen dürfte, wenn es aus seine anatomischen Körper-Leib-Einheit einene persönlichen Körper-Leib macht. Damit das gelingt, bedarf es des Verliebtseins der Mutter in ihr Kind. Sie hüllt ihr Kind sozusagen in wärmende narzisstische Libido ein. Fehlt diese, fehlt dem Kind die Energie für diesen Prozess. Es resigniert, kann sich nicht selbst narzisstisch besetzen und bleibt lebenslänglich auf die narzisstische Zufuhr anderer für seinen Körper angewiesen. Auch Helen ist nicht frei von diesem Bedürfnis.
Gestaltung eines eigenen Körper-Leibes bedeutet immer zugleich auch Enteignung der Mutter. Diese muss nicht nur ihren Körper zur Verfügung stellen, sondern auch den des Kindes freigeben. Manche Mütter verweigern sich, so dass das Kind bei der Körper-Leibgestaltung scheitert. Oder die Mutter zwingt ihrem Kind ihre Leib-Körper-Vorstellung auf, wogegen sich z.B. die Anorektikerin wehrt. In beiden Fällen erlebt das Kind seinen Körper als fremd und es ist ihm gleichgültig, was mit ihm geschieht. Aus den hier dargelegten Gründen suchen essgestörte Patientinnen im Laufe einer Behandlung nach lesbische Erfahrungen. Die Partnerin wird für die Konstitution bzw. Vervollständigung des Körperbildes und die Aneignung eines eigenen Körpers benötigt. Helen erzählt, was die Patienten dabei in Erfahrung bringen möchten.
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Alles in allem präsentiert sich Helen dem Leser als „geöffnete Venus“. In seiner gleichnamigen Studie geht der Kunsthistoriker Didi-Huberman (1999) der Verflechtung von Nacktheit, Gewalt, Schönheit und Krankheit nach und zitiert den Benediktinerabt Odo von Cluny, der meint, die weibliche Anmut stecke ganz und gar in der Haut. Könnten Männer unter die Haut ins Innere des Körpers blicken, wäre ihnen der Anblick der Frauen Anlass zu Ekel. „Die weibliche Anmut“, so Odo, „ist nichts als Schleim, Blut, Säfte, Galle. Bedenkt was sich in den Naselöchern, im Rachen, im Bauch verbirgt: Schmutzigkeiten überall ... Und wir, die wir sogar davor zurückschrecken, auch nur mit den Fingerspitzen Erbrochenes oder Dung zu berühren, wie können wir begehren, nichts als einen Sack voller Exkremente zu umarmen?“ Nun – das ist die Ekelvermeidungsstrategie eines frommen Mannes, um der Versuchung zu entkommen, und überdies eine projektive Identifizierung, wie wir heute sagen. Der Abt sieht im Weib nichts anderes als seinen eigenen, „in seiner Haut verschlossenen ‚Madensack’“ (Kamper, 2002).
Helen kümmert dieser Ekel nicht. Sie will keine schöne Helena sein, sie will als Sack voller Dung umarmt werden, schüttet ihn sogar vor uns aus, mit Lust, wie sie betont. Wir sehen den Leib pur. Kurzum: Der Roman reinstalliert den durch den Schönheitskult geschmähten Leib, will zusammenführen, was dort unter Verlust an Lebendigkeit, Sinnlichkeit, an Individualität künstlich von einander getrennt wurde. Nur - Helen schießt übers Ziel hinaus. Körper, Schönheit und Anmut drohen zu verschwinden. Sie will das Innere, nicht die Oberfläche, geliebt wissen. Dieses Motiv: die Umkehrung von innen nach außen, muss von Bedeutung sein, denn am Ende des Romans taucht es wieder auf. Dort sagt Helen zu Robin, ihrem Krankenpfleger, „Ich schlafe erst mit dir, wenn du es schaffst, einem Pony so feste am Arschloch zu saugen, dass es sich von innen nach außen stülpt.“ (*) Aber dazu später.
Sagen wir vorläufig einfach: In „Feuchtgebiete“ stülpt sich Helen von innen nach außen – von Teilen des Feuilletons als neue sexuelle Emanzipation gefeiert. Das überrascht nicht. Jedwede Wiedervereinigung, hier die des Paares von Körper und Leib, vermag eine euphorische Stimmung auszulösen, eine Hypomanie, die sich im Erfolg des Buches widerspiegeln dürfte.
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Nun hat sich die Aufregung gelegt, in die Feuilletons ist wieder Trockenheit eingekehrt und es ist Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme. Die zeigt: der Roman bebildert eine erschütternde Trostlosigkeit und wird darüber zum Zeitdokument einer Kindheit.de. Verschiedene Rezensionen haben dies im Blick, ohne jedoch das Trostlose, das Helens Seele umfängt, konsequent in Relation zu ihrer Sexualität zu setzen. Diese lässt sich jedoch nicht von der Lebensgeschichte, den Wünschen, Ängsten und Konflikten abkoppeln.
Freilich: Man ist versucht, sich von den manischen Ausflügen der Protagonistin in die weiblichen Feuchtgebiete den Blick fürs Ganze trüben zu lassen, dafür, was noch im Text steht – keineswegs zwischen den Zeilen oder gar hinter dem Text verborgen. Wer jedoch zu tief in die Vagina schaue, erblinde, warnt ein arabisches Sprichwort. Im Text steht unverschlüsselt: Helen fühlt sich trostlos einsam und versucht die Einsamkeit mit sexueller Erregung zu verscheuchen. Doch je lauter die Lust in den Feuchtgebieten wabert, desto schriller lässt sich deren eigentliche Funktion vernehmen: zu trösten und Antwort auf die quälende Frage zu bekommen, bin ich wertvoll, werde ich von meinen Eltern geliebt, auch wenn ich kein hygienisiertes, kein pflegeleichtes Kind bin? Wie Kleinkinder ihren Kot, mithin ihr Selbst von Mama bewundert haben wollen, will Helen ihren geöffneten Leib von ihren Liebhabern und der Leserschaft gewürdigt wissen. Darüber gerät ihr der Verkehr ins Rektum zum Inbegriff narzisstischer Zuwendung. „Wenn einer mich liebt oder auch nur geil auf mich ist, dann sollte doch so ein Blumenkohl (sie meint ihre Hämorrhoiden, T.E.) keine Rolle spielen“. Das hat weniger mit Begehren, aber viel mit seelischer Not zu tun. Um im Jargon zu bleiben: Helen hat es nicht nur am Arsch, nein, sie ist am Arsch. Sie sei kaputt, sagt sie, sie halte es nicht mehr aus mit sich. Das heißt: das Geile versagt seinen Dienst als Trostspender. … bis zur letzten Seite des Buches.
Bei der öffentlichen Begeisterung für den Roman dürfte es sich demnach eher um eine kollektive, erotisierte Abwehr des Trostlosen handeln, eine Abwehr, mit der sich Opfer sexueller Gewalt oft konfrontiert sehen, nur dass sich Helen diese Gewalt selbst antut. Wir haben es mit einer „Sprachverwirrung“ (Ferenczi, 1933) zu tun, die eintritt, wenn das Bekunden von Zärtlichkeits- und Anerkennungsbedürfnissen des einen vom anderen als sexuelle Anmache fehlinterpretiert und entsprechend beantwortet wird. Helen hat offenbar schlechte Erfahrung mit solcher Sprachverwirrung, denn sie erzählt, sie sammle ihre Tränen im Verschluss einer Wasserflasche und verstecke den Verschluss, „damit es ja keiner von den Trampeln umstößt. Da steckt viel Schmerz drin, in dem kleinen Behältnis.“ Hier zeigt Helen ihre zarte, empfindsame Seite, die sie hinter derber Sexualität verbirgt. Oder schauen Sie hier, wie sensibel das Mädchen ist: Sie schildert, sie hänge an jedem Teil ihres Körpers, sei er auch noch so verborgen wie der Anus, von dem sie sich ein Stück weg operieren lassen musste. Es könne doch nicht sein, so Helen entrüstet, „dass die mir was wegschneiden, wenn ich bewusstlos bin, und ich das gar nicht zu sehen bekomme, weil es sofort auf dem Müll landet.“ Sie deutet damit auf ein Verlustgefühl, das bei schönheitschirurgischen Eingriffen gern verleugnet wird (vgl. Ettl, 2006).
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Die exzessive Beschäftigung Helens mit dem eigenen Körper hat ihren Grund: Sie leidet an einem komplexen Trauma. Schon das Cover des Buches markiert dem Leser den Weg - überaus gelungen und unmissverständlich. Ein Pflaster (!), und das auch noch im Reliefdruck, ziert gleich einer Blindenschrift den Buchdeckel. Keine Ausflüchte also für von Geilheit Geblendete. Es bleibt ihnen noch der Tastsinn, mit dem sie die psychische Verletzung, von der das Buch handelt, erfühlen könnten.
Welche Wunde soll unter dem Pflaster heilen? Eine vom sexuellen Gewerkel befreite Zusammenfassung der fiktiven Ereignisse enthüllt das Trauma. Helen ist ein Scheidungskind und wünscht sich, ihre Eltern mögen sich „noch mal Hals über Kopf ineinander verlieben“. Dann könnte sie sich geborgen fühlen. Sie hofft, ihr Krankenhausaufenthalt könne das bewirken.
Es will und will nicht gelingen. Zunächst versucht Helen sich einen verlängerten Aufenthalt zu erschwindeln. Je länger sie im Krankenhaus bleibe, so ihr Kalkül, desto größer ihre Chancen, die Eltern zusammenzuführen. Als sie ihre Hoffnung als übereilt erkennt, greift sie zu einem stärkeren Mittel. Sie fügt sich eine Verletzung zu, indem sie sich ein Eisenpedal ihres Bettes in ihren bereits lädierten Anus rammt: „Ich gehe so schnell ich kann zum Bett. Stelle mich mit dem Rücken davor, rutsche ruckartig runter und lasse meinen Arsch auf dieses Pedal knallen … Ich muss schreien vor Schmerzen und halte mir mit beiden Händen den Mund zu. Es wimmert hinter den Händen. Wenn das jetzt nicht klappt, dann weiß ich auch nicht weiter.“ Vor Schmerz schreiend und zitternd, fühlt sie genau, wie das Pedal in die Wunde eindringt. „Es tut höllisch weh“, so Helen. Tränen fließen über ihr Gesicht. „Ich weine und zittere vor Schmerzen. Das müsste aber jetzt geklappt haben. Meine Testhand wandert nach hinten, macht einen Wischer. Ich gucke drauf. Die ganze Handfläche ist voll mit frischem rotem Blut. Ich muss mich schnell hinlegen, sonst kipp ich um. Das ist ja nicht Sinn der Übung. Ich muss im Bett liegend gefunden werden, damit ich behaupten kann, dass es einfach so beim Liegen passiert ist. … Soll ich jetzt schon jemanden rufen, oder noch was warten, damit die Verletzung einen besseren Eindruck macht? Ich warte noch was. Das schaffe ich auch noch. Merk dir, Helen dass du gleich noch die Bremse abwischen und die Spuren beseitigen musst. … Es fließt und fließt immer mehr Blut hinten raus. Ich packe noch mal ganz kurz mit der Hand hin, und sie ist noch voller mit Blut als beim ersten Mal. … Ich liege in meiner eigenen Blutpfütze und weine. Ich mache die Augen auf und sehe auf' der Ablagefläche meines Metallnachtschranks einen abgedrehten Sprudelflaschendeckel. Den nehme ich in die Hand und versuche meine Tränen damit aufzufangen. Mit dieser kleinen Herausforderung kann ich mich von meinen schrecklichen Schmerzen ablenken, und vielleicht finde ich ja später Verwendung für die Tränen. Ich weine sehr selten. Aber jetzt schießt es nur so aus mir raus. Oben Tränen, unten Blut.“
So muss man sich eine absichtlich herbeigeführte Selbstverletzung vorstellen. Ihre Beweggründe, die immense seelische Spannung, sind klar: Helen will eine Notfallsituation erzeugen, um die Eltern zusammenzubringen. Aber die Selbstverletzung ist zugleich Ausdruck ihrer großen narzisstischen Wut darüber, dass ihr Eltern nicht so sind, wie sie sie haben möchte.
Tatsächlich erzwingt starker Blutverlust eine Notoperation. Es ist die Besorgnis der Ärzte, die Helen mit ihrer Todesangst konfrontiert. Sie selbst hat sie bis dahin verleugnet. Dass ihr sonst so ruhiger Anästhesist plötzlich renne und es sehr eilig zu haben scheine, beunruhige sie sehr, so Helen. Jetzt geht es ihr sehr schlecht, und sie hat Angst, wegen ihrer Elternverkupplungsidee zu sterben. „Das hatte ich gar nicht eingeplant“. Das zeigt zweierlei: Helens Selbstverletzung ist parasuizidal und sie benötigt die Besorgnis des anderen als Spiegel für die eigene Gefühlslage.
Die Selbstverletzung wirft ein Licht auf Helens prekären narzisstischen Zustand: „Notoperation. Mannometer, klingt das schlimm. Aber auch wichtig und aufregend. Als wäre ich wichtig. … Egal ob ich verblute oder nicht. Sehr kämpferisch, Helen, aber dumm. Du willst doch nicht sterben.“ Jetzt zeigen sich die Suizidgefährdung und die ihr eigenen typischen Phantasien. Wäre sie tot, wäre das der perfekte Grund für ihre Eltern, in ihrer Trauer wieder zueinander zu finden. „Sehr guter Plan, Helen, aber leider kannst du dann nicht mehr erleben, wie sie wieder zusammenkommen. Wenn du tot bist, guckst du nicht von oben zu.“ Helens Phantasien bestätigen die klinische Erfahrung, dass Selbstverletzung häufig mit Suizidabsicht gepaart ist.
Die „Elternverkupplungsidee“ mag literarisch gesehen ein kitschiger Topos sein, seelendynamisch gesehen ist die Schwere der Symptomatik Zeichen eines zutiefst bedrängenden Anliegens, das „höllisch weh“ tut. Die schmerzhafte Selbstverletzung ist ein Appell an die Eltern, ihr das Lebenselixier ihres Paarwerdens nicht zu verweigern. „Die größte Vorstellung von Glück“, sei für sie, so Helen, ihre geschiedenen Eltern, wenn sie pflegebedürftig würden, zu Hause ins Ehebett zu legen und sie zu pflegen, bis sie sterben.
Viele Patienten, die sich selbst verletzen, versuchen sich damit eigenhändig in einen entspannten, einen Glückszustand zu versetzen. Helen hingegen versucht mit ihrer Selbstverletzung das Objekt (hier die Eltern) zu bewegen bzw. zu zwingen, eine Situationsveränderung vorzunehmen, damit sie sich glücklich fühlen kann.
Von den Eltern jedoch weiterhin keine Spur. Helens Krankenpfleger springt an ihrer statt ein.
Helen: „Ich habe Angst, Robin.“
„Ich auch, um dich.“
„Alles klar“, sagt Helen. Er liebt mich. Wusste ich's doch. So schnell geht das manchmal. Ich nehme meine andere Hand zu Hilfe und halte seine Hand fest umschlossen. Ich gucke ihm feste in die Augen und versuche ein Lächeln. „
Die tödliche Anspannung löst sich, denn Helen bekommt von Robin, was sie sich von den Eltern sehnlichst wünscht: Sorge um sie, d.h. emotionale Zuwendung.
Neurobiologisch gesehen wird die stark zuwendende Bemerkung Robins bei Helen körpereigene Opiate (z.B. Dopamin) freigesetzt haben. Die Zuwendung dürfte vom sensorischen Thalamus auf dem niedrigen Weg direkt zur Amygdala gemeldet worden sein, wie die Bemerkung: „So schnell geht das manchmal“, aber auch die unpräzise Einschätzung „er liebt mich“ nahelegen.
Notlüge, Selbstverletzung - alles umsonst: „Wo sind meine Eltern? Verdammte Scheiße noch mal! … Die lassen mich einfach hängen. Ich dachte, die würden … sofort … auftauchen und ganz besorgt sein. Nichts. Keiner da.“ Helen ist sich sicher, andere Eltern säßen die ganze Zeit im Krankenzimmer oder vor dem Telefon, um keinen Notfallanruf zu verpassen. Sarkastisch resümiert sie, dafür hätte sie „mehr Freiheiten“. Sie weiß, wie bessere Eltern wären und spürt ihre Vernachlässigung als Zeichen des elterlichen Desinteresses. Hinter ihrem Wunsch nach Paarwerdung der Eltern wird der narzisstische Wunsch sichtbar: Ihre Eltern sollen „krank vor Sorge“ sein - Sorge allein reicht nicht - und sich über den Schmerz ihrer Tochter unterhalten. D.h., wären die Eltern ein Liebespaar, wäre die Sexualität der Eltern kostbar, und Helen könnte sich als Produkt ihrer Liebe wertvoll fühlen. Wären die Eltern auch noch krank vor Sorge um sie, wäre das der Gipfel narzisstischer Zuwendung. Dann wäre sie wichtig und damit - existent. Als Kind geschiedener Eltern hingegen muss sie sich als Abfall fühlen - wie wir gleich sehen werden.
Helen erzählt, sie habe sich, nachdem sie achtzehn geworden war, sterilisieren lassen, obwohl sie, seit sie denken könne, ein Kind hätte haben wollen. Aber mit der Sterilisation - auch eine Selbstverletzung - habe sie ein in der Familie wiederkehrendes Muster unterbrechen wollen, denn alle, Urgroßmutter, Oma, Mama und sie selbst seien Erstgeborene. Alle nervenschwach, gestört und unglücklich. Zudem wollte sie ihrer Mutter die Möglichkeit nehmen, über ihr Leben zu verfügen, denn diese hätte gesagt: „Wetten, wenn du dein erstes Kind kriegst, wird es auch ein Mädchen?“ Dieser Satz klänge nun nicht mehr bedrohlich, so Helen. Die Weissagung aber der Mutter wirft ein Licht auf deren ablehnende Haltung der Weiblichkeit gegenüber. Beim Vater scheint’s nicht anders zu sein. Für ihn sei es eine schlimme Vorstellung gewesen, ihrer Geburt beiwohnen zu müssen. Das sei kein freundlicher Empfang, so Helen. Trotz Sterilisation beschäftigt sie der Kinderwunsch und sie spielt ersatzweise Geburt mit Avocadokernen. „Ich habe mich monatelang um diesen Kern gekümmert. Hatte ihn in mir und hab ihn wieder rausgepresst. Und ich kümmere mich perfekt um alle meine so entstandenen Avocadobäume.“ Näher, so Helen, käme sie an eine Geburt nicht ran.
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Der Roman legt die Vermutung nahe, Helen stelle sich den Verkehr ihrer Eltern als Analverkehr vor. Dann wäre der Darm tatsächlich der Ursprung der Welt, sie eine Darmgeburt, mithin Mutters Abfall und damit entwertet, eine Phantasie, die auch Essgestörte, die sich stets als schmutzig empfinden, äußern. Möglicherweise spiegelt diese Phantasie das Unbewusste ihrer Eltern, was erklären würde, weshalb Helens Mutter Hygienerituale bei ihr, nicht aber bei ihrem Bruder vollzieht. „Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders aber gar nicht. Der darf sogar pinkeln ohne abwischen und den Rest in die Unterhose laufen lassen.“ Kurzum: Der Bruder darf sein und ein Genitale haben, sie und ihr Genitale werden weghygienisiert, ausgelöscht.
Ihre Nichtexistenz wird im Roman entfaltet. Die Eltern kommen nicht. „Nie“, sagt Helen, „erst recht nicht gemeinsam. … Was für eine Scheiße. Eine riesige Scheiße.“ Helen scheint für ihre Eltern nicht zu existieren. Patienten, die sich selbst verletzen, beklagen häufig, von anderen nicht wahrgenommen zu werden. Zuvörderst nehmen sie sich aber selbst nicht wahr. „Durch mich kann jeder hindurchgehen“, sagte eine Patientin, „ich bin ein Durchgangszimmer“. Das bedeutet, dass sich diese Patienten auch nicht im Spiegel sehen können. Was sie sehen, ist nur der anatomische Körper, sie sehen keinen Leib, keine Individualität. Der Leib aber gibt dem Körper das Gefühl, in der Welt zu sein. Ist der Leib abhanden gekommen, wie das manchmal nach Schönheitsoperationen der Fall ist, spürt sich der Betreffende selbst nicht mehr und bedarf umso dringender des anderen oder eines heftigen Reizes, z.B. einer körperlichen Erkrankung oder einer Verletzung zur Existenzbestätigung.
Da Helen als schmutzige Darmgeburt für ihre Mutter offenbar Objekt fanatischer Hygiene ist – „aus Muschiwaschen wird bei uns zu Hause eine riesenernste Wissenschaft gemacht“ -, fühlt sie sich vermutlich bis zur Merkmallosigkeit entstellt, ‚entleibt’ sozusagen. Es gibt gute Gründe, die Dinge nicht einfach wegzuwerfen, an denen ein Kleines hängt, selbst wenn sie schlecht riechen oder sichtbar die Ästhetik der Familie verletzen, schreibt Rudolfo (1996). Es könnte sein, dass es das Kleine ist, das wir wegwerfen. Wäre das Kind zu früh einem Hygieneregime unterworfen, würde immer wieder das zerstört, was sich das Kind als Oberfläche aufgebaut habe. Die Rückstände, die das Wasser wegspült, wären dann nichts anderes als es selbst in seiner spontansten Dimension von Subjektivierung. D.h., Helen braucht den Schmutz, um zu sein.
Helen sucht nach ihrem durch Hygienemaßnahmen ausgelöschten Unterleib. Sie sucht ihn in der Lust und im Schmerz. Aber nicht nur. Wenn sie für ihre Geschlechtorgane eigene Worten sucht – ihre Schamlippen z.B. nennt sie Vanillekipferln -, dann tut sie das, weil sie keine Leib- also Privat-Vagina hat, die ihr gehört, sondern nur eine anatomische Vagina. Sie versucht sich über eigene Worte ihren Leib zu konstruieren bzw. sich die von ihrer Mutter weghygienisierte Vagina wieder zurückzuerobern. Mit diesen Metaphern will sie ihren Körper im Sinne Winnicotts spielerisch in den Möglichkeitsraum einbringen, um aus dem anatomischen Körper einen persönlichen Körper, eben einen leibhaftigen Körper zu machen. Hat sie wieder einen Leib, kann sie das Gefühl haben, am und im Leben zu sein. Man kann den gesamten Roman als Helens Suche nach dem verlorenen Leib verstehen.
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Da die Eltern nicht kommen, beginnt Helen an der Rechtmäßigkeit ihres Verkupplungswunsches zu zweifeln. „Ich bin bescheuert und will Sachen, die sonst keiner will.“ In ihrer Verzweiflung muss sie schließlich realisieren: Eine Verkupplung der Eltern ist so aussichtslos, wie ein Pony am Arsch zu saugen, um es von innen nach außen zu stülpen. Sie beschließt, damit aufzuhören: „Schluss damit, Helen. Du wirst jetzt erwachsen. Du musst ohne sie klarkommen“.
Aber wieder sind Helen Steine in den Weg gelegt. Sie fühlt sich über den Mechanismus, den man Parentifizierung nennt und den man häufig bei essgestörten Patienten findet, an die Eltern gebunden. Er deutet sich in ihrer Haltung ihrem Pfleger gegenüber an, wenn sie meint, sie müsse sich um ihn kümmern und dafür sorgen, dass er eine angenehme Schicht hat. Das sei „typisch Helen“, sagt sie. Oder an anderer Stelle: „Ach, Helen, was du alles auf dich nimmst für das Wohl deiner Eltern. Rührend. Ha.“ Und weiter: „So geht es zu in unserer Familie. Ich weiß genau, wenn einer von denen so was hätte wie ich jetzt, ich würde nicht von seiner Seite weichen. Das ist der große Unterschied. Ich bin eher deren Eltern als die meine.“
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‚Ein Pony feste am Arsch saugen, um es von innen nach außen zu stülpen’ - welch ein Bild! Ist damit eine hygienefanatische Mutter gemeint, die ihr Kind zwecks Komplettreinigung umkrempelt, um auch noch in die letzten Winkel seines Körpers vorzudringen? Es klingt so. Ersetzt man aber in diesem Bild mal spielerisch „Pony“ durch „Kind“ sowie „Arsch“ durch „Brust“, erhält man einen Hinweis auf eine problematische frühe Beziehungsfigur. Wem dieser Kunstgriff zu kühn erscheint, schlage bei Menninghaus (2003) nach. Er beschreibt den weiblichen Körper als Palindrom, d. h. er kann wie der Name OttO von vorn wie von hinten ‚gelesen’ werden. Auch Helen versteht ihren Körper als Palindrom. Um ein Foto von ihrem Hintern zu machen, stellt sie das Menü des Fotoapparates auf Speisenfotografie. Am Arsch saugen dürfte demnach dasselbe meinen wie an der Brust saugen. Helen hat intuitiv ihr Problem erkannt und in dieses Bild gefasst, sozusagen als Selbst-Deutung. Es besagt nämlich: Wenn Du etwas willst, musst Du Dich sehr anstrengen, aber es ist aussichtslos. Damit wird dieses Bild zur entscheidenden Aussage dieses Romans. Kurzum: Stellt man das Verb ‚saugen’ in den Mittelpunkt, so suggeriert das Bild einen Säugling, der feste an der Brust saugen muss, um sie von innen nach außen zu stülpen. Das klingt nach angestrengtem, verzweifeltem Saugen. Der Durst dürfte über dieses frustrane Saugen zur Gier, die Brust im Erleben des Säuglings zur schlechten Brust werden, ein Vorgang, dem nur Erschöpfung ein Ende machen kann. Eines der letzten Worte Helens im Roman lautet: „Ich bin zu müde“.
Helen ist von ihrem Stilltrauma nichts bewusst. Aber ihr Körper scheint sich an das verzweifelte Saugen zu erinnern. Manchmal spüre sie, wie ihre Muskeln an den Schultern immer kürzer, wie die Schultern zu den Ohren wandern und dort festwachsen würden. Sie versuche die Schultern wieder nach unten zu biegen, schließe die Augen und versuche, sich mit tiefen Atemzügen zu beruhigen. Das passiere immer, wenn sie merke, alles sei sinnlos. Von Sinnlosigkeit – handelt der ganze Roman.
In all dem lassen sich Spuren einer Deprivation erkennen, die Ergebnis frühkindlicher Entbehrungen durch mangelnde Zuwendung und Sorge ist. Helen wurde von ihrer zwanghaften und depressiven Mutter offenbar emotional zuviel sich selbst überlassen oder sie war nur als Automatenmutter (auf Anrufbeantworter) erreichbar: „Ich hebe den Hörer ab. Wähle die Nummer von Mama. Keiner geht dran. Anrufbeantworter. »Hallo, ich bin's. Wann kommt mich denn mal jemand besuchen von euch? Ich habe Schmerzen und muss wohl noch lange hier bleiben …«. Ich lege auf. Feste. Man hört aber auf einem Anrufbeantworter keinen Unterschied zwischen freundlichem und festem Auflegen.“
Richtig. Diesen Unterschied in der Stimmung ihres Kindes kann eine Automatenmutter nicht vernehmen. Helens resignative Verzweiflung wird offenkundig: „Ich hebe den Hörer wieder ab und frage das Amtszeichen: »… Mama? Geht's dir nicht gut? Was hast du denn?«“ Man darf davon ausgehen, dass es so, wie es im Krankenhaus ist, zuhause immer schon war. Die trockene, kalte und immergleiche Kost, die Helen als „Arschpatientin“, wie sie sich nennt, im Krankenhaus bekommt, medizinisch begründet, dürfte symbolisch für das emotional Karge, Trockene und das Desinteresse, das sie zu Hause erfuhr, stehen. Was denn die anderen Patienten zu essen bekämen, erkundigt sich Helen. Braten, Erbsen, Kartoffeln und Sauce. „Klingt für mich wie das Paradies. Auch weil es warm ist. Ich kriege nur kaltes Essen, und davon wird einem innerlich noch kälter.“ Der Titel „Feuchtgebiete“ zeigt, wonach sich Helen sehnt: Emotional ausgetrocknet dürstet es sie nach Feucht-Warmem. Es fehlt ihr entschieden an Stallwärme. Die mangelnde Zuwendung wirkt auf die neuronalen Systeme und beeinflusst die Resilienz (Resistenz gegen Stress). Depression ist die Folge. Die ständige sexuelle Erregung benötigt Helen als Antidepressivum.
Apropos feucht-warm. Bedeutsam für den sadomasochistischen Umgang mit dem eigenen Körper dürfte folgende Kindheitserinnerung Helens sein, von ihr als ihre „stärkste“ bezeichnet. Auf dem Badewannenrand sitzend, bekommt sie von ihrer Mutter die Ohren mit in warmes Wasser getunkten Wattestäbchen gereinigt. „Ein schönes kitzelndes Gefühl, das sofort in Schmerz umkippt, wenn man zu weit eindringt.“, sagt Helen.
Die gleiche Lust empfinde sie, wenn sie sich heute mit Wattestäbchen ihre Ohren putze, „gerne auch ein bisschen zu tief.“ Halten wir fest: Dieses „gerne auch ein bisschen zu tief“, dieser Schmerz hat hier die Aufgabe, den Leib zu spüren, der durch Hygienemaßnahmen verloren zu gehen droht. Er ist zugleich eine Erinnerungsspur an die schmerzzufügende, aber lustvoll erlebte intrusive Mutter. Das ist für das Verständnis von Schmerzpatienten von größter Bedeutung: Der Schmerz ist eine körperliche Erinnerung an eine Szene mit einer signifikanten Person, d.h. der Schmerz steht für eine bestimmte Beziehungsfigur. Helen sagt es unmissverständlich: „Ich muss was machen, Unbedingt. Egal was. Hauptsache, ich denke nicht an meine Eltern und meine Arschschmerzen.“ Eltern und Schmerz sind assoziativ verknüpft.
Wenn Helen diese Erinnerung als ihre stärkste bezeichnet, muss sie prägend gewesen sein. D.h., sie hat die intrusive Mutter introjiziert. Und in der Tat ist die Intrusion der Plot des Romanes. Das schmerzende Wattestäbchen im Ohr, der Duschkopf, den sie sich in die Vagina steckt, das Eisenpedal im Rektum, die Sterilisation – allesamt Varianten der Intrusion. Auch ihre Männerbeziehungen machen hier keine Ausnahme. Jetzt versteht man: Die Selbstverletzung bzw. die intrusiven Szenen sind die Reinszenierung einer traumatisch erlebten Mutter-Kind-Szene, die Reinszenierung des als gewaltsam erlebten Eindringens einer hygienefanatischen Mutter in die Körperöffnungen ihres Kindes. Mit solchen Reinszenierungen retraumatisiert sich Helen permanent. Die narzisstische Wut wegen der Intrusion richtet Helen gegen sich selbst. Speziell in der Selbstverletzung wird überdies die Wut auf Eltern, die ihr die Befriedigung íhrer Bedürfnisse verweigern, agiert. Hier geht es nicht um Begehren, denn das wäre aufschiebbar oder verzichtfähig. Bedürfnisse müssen befriedigt werden, das zeigen die Körperbedürfnisse. Die Wut aber richtet sich auch jetzt – zumindest prima vista - gegen das Selbst bzw. den eigenen Körper. Wir werden aber gleich sehen, dass Helens Körper eigentlich Mutters Körper ist, so dass der wütende, selbstverletzende Angriff der Mutter gilt, d.h. psychodynamisch gesehen stellt die Selbstverletzung genau genommen eine Objektverletzung dar.
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Diese Reinigungsszene ist vielleicht auch die „stärkste“, weil Helens Mutter emotional anwesend war, wie das ‚warme Wasser’ signalisiert. Als depressive, suizidale Mutter wird sie jedoch meist emotional eher abwesend gewesen sein. Vermutlich wendet sich Helen deshalb so extensiv ihrem Körper zu, weil sie ihn als Ersatz für die fehlende Mutter braucht. Der Körper ist Objekt. Es ist, als flüchte sie vor einer anaklitischen, also objektlosen Depression in die Feuchtgebiete, die sie ersatzweise für die verlorene frühe Mutter idealisiert. In diesem Rückzug auf den Körper als Ersatz für ein fehlendes Objekt, ein Objekt, das libidinös besetzt werden könnte (hier die Mutter), oder allgemeiner: in diesem Rückzug auf den Körper aus einer als unbefriedigend erlebten Umwelt, auf die Helen keinen Einfluss hat, in der sie nichts bewirken kann, sehe ich einen Grund für den Erfolg des Romans. Er bietet einen Entwurf an, wie man frustrierenden (gesellschaftlichen) Verhältnissen begegnen kann. Man nehme den Körper als Ort von Befriedigungen, die man selbst in der Hand hat, wenn – wie Helen sagt - alles sinnlos ist und man nichts kontrollieren kann. Dieser Entwurf schlägt jedoch nichts anderes vor als der Hygienekult, gegen den der Roman angetreten ist. Der Roman idealisiert die zwanghafte Beschäftigung mit dem Leib, der Schönheitskult die mit dem Körper. Beide versuchen auf ihre Art das Anale zum Leuchten zu bringen (vgl. Ettl, 2006): Der Schönheitskult bedient die zwanghafte Analität, indem er die Feuchtgebiete hygienisiert, der Roman die libidinöse, indem er die Feuchtgebiete und den Schmutz als Rückzugsorte idealisiert.
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Aber Helen tröstet sich nicht nur mit ihrem Leib, nein, sie ernährt sich auch mit seinen Absonderungen: aus der Nase, den Augen, der Haut, den Feuchtgebieten. Eine Kostprobe? „… ich schiebe meinen Mittelfinger tief in die Muschi rein, lasse ihn kurz da in der Wärme und ziehe ihn wieder raus. Ich mache den Mund auf und stecke den Mittelfinger ganz weit rein. Ich schließe die Lippen um den Finger und ziehe ihn langsam wieder raus. Dabei sauge und lutsche ich, so feste ich kann, um so viel Schleimgeschmack wie möglich auf die Zunge zu bekommen.“
Feuchtgebieten. Eine Kostprobe: "... ich schiebe meinen Mittelfinger tief in die Muschi rein, lasse ihn kurz da in der Wärme und ziehe ihn wieder raus. Ich mache den Mund auf und stecke den Mittelfinger ganz weit rein. Ich schließe die Lippen um den Finger und ziehe ihn langsam wieder raus. Dabei sauge ich und lutsche ich, so feste ich kann, um so viel Schleimgeschmack wie möglich auf die Zunge zu bekommen". Helen reinszeniert hier ihr Stilltrauma. Der Finger ist die Brustwarze, der Schleim die Milch und das Wort "feste", das auch im Pony-Bild verwendet wird, verweist auf die aussichtslose Anstrengung. Von nichts an ihrem Körper könne sie die Finger lassen, sie fände für alles Verwendung, auch für ihr Erbrochenes, ganz wie meryzistische Säuglinge, die zu lange sich selbst überlassen bleiben. Treffend bezeichnet sie sich als ihr „eigener Müllschlucker, als „Körperausscheidungsrecyclerin“, was meint, Helen kann sich autark fühlen, braucht niemanden, ist omnipotent. Das ist die Pseudoautonomie, die man bei Essgestörten findet. Gleichwohl bleibt Helen wie diese ans Einverleiben und Ausscheiden fixiert, rotiert unablässig im oral-analen Modus. Sie nennt das „Toilettendoppelleben“. Helen macht ihren gesamten Körper zur Brust, zur Ganzkörperbrust. Aber diese Brust ist entwertet. Sie beinhaltet nur Abfall, nichts Wertvolles, Nahrhaftes. Helen erzählt: „Später mussten wir kotzen. Erst Corinna, dann … ich. In einen großen weißen Putzeimer. Die Kotze sah aus wie Blut, wegen dem Rotwein. … Und dann schwammen da überall nicht verdaute Pillen drin rum. Das kam uns wie eine schlimme Verschwendung vor.“ Und so habe sie literweise Kotze von ihrer Freundin, gemischt mit ihrer eigenen, getrunken: „Bis der Eimer leer war.“ Das „Erbrochene“ zeigt, es handelt sich um lauter (seelisch) Unverdautes, Beta-Elemente. Als aber der Eimer leer war, war Helen wieder randvoll mit Unverdautem, das erneut nach draußen drängt. Die Recyclerin findet keine Erlösung. Ein circulus vitiosus.
Arme Helen. Ihr fehlt eine Mama, die ihrem Kind ihre Möglichkeit, Sorgen, Ängsten und Einsamkeit zu bewältigen, zur Verfügung stellt und die durch Beruhigung helfen könnte, all das Unverdauliche in ihrem Inneren, die Beta-Elemente, zu verarbeiten bzw. sie davor zu schützen. Der Mangel treibt Helen in die Objektregression, denn aus der Szene: zwei Personen verschmelzen über eine Flüssigkeit miteinander – ist zu erschließen, dass ihre Freundin jetzt zur Mutter geworden ist. In der genitalen Fusion über die Tampons war die Freundin noch Blutsschwester. Jetzt jedoch erfolgt die orale Fusion, bei der das Unverdauliche in der Mutter zum Unverdaulichen im Kind wird. Mutter und Kind sind im Erbrochenen eins. Es ist schwer zu entscheiden, ob Helen hier von der Milch oder vom Fruchtwasser spricht. Beide Male aber muss Helen das Unverdauliche, das Schlechte als Kostbares retten, sonst wäre es eine Verschwendung, d.h., die Mutter ginge ihr völlig verloren. Lieber eine schlechte Mutter also als keine. Aber es wird sichtbar, weshalb sich Helen als Abfall empfindet. Man ist, was man isst, heißt es. Es handelt sich auch hier um eine Reinszenierung, die Reinszenierung einer pathologischen Fusion über in beiden Fusionspartnern Unverdautes, über Beta-Elemente: über mit Alkohol und Medikamenten durchsetztes Erbrochenes. Für einen Fötus bestünde Vergiftungsgefahr. Die Reinszenierung enthüllt überdies Helens lebhaftes Interesse an den Ausscheidungen des mütterlichen Körpers, so dass zu vermuten ist, ihre extensive Beschäftigung mit den eigenen Ausscheidungen beinhaltet auch jetzt eine Erinnerung an ihre Mutter.
Abfall findet sich überall. So versucht Helen z.B. ihre Einsamkeit durch Selbstunterhaltung zu bekämpfen. Da ihr das Alleinsein Angst mache, erzähle sie sich immer wieder alte Geschichten, also längst durchgekaute Stories. Mit anderen Worten: Mangels einer anwesenden Person spricht sie mit sich selbst. Sie ruminiert. Sie ist eine Geschichtenrecyclerin. Das sei besser, als hilflos im Bett zu sitzen und zu hoffen, jemand komme. Selbstgespräche als Selbsthilfeprogramm und als Antidepressivum. Auf solche Ideen von ihr sei sie immer sehr stolz, sagt Helen. Das kann sie auch sein.
Und wie mit alten Geschichten tröstet sie sich auch mit Männern. Sie würde „mit jedem Idioten“ ins Bett gehen (da ist wieder der Abfall), sie wolle nicht eine ganze lange Nacht alleine schlafen müssen. Jeder sei besser als keiner, so Helen. Das haben wir eben schon gehört. Also auch die Männer sind Mamaersatz. Diese „Scheidungskindbeschwerden“ hätten die Eltern nicht beabsichtigt, als sie sich trennten, so Helen. So weit dächten Erwachsene nicht. „Feuchtgebiete“ also als Ratgeber für Eltern - und als Fallgeschichte für Analytiker. Selten findet man die schwierig zu navigierenden tiefen Schichten des Erlebens einer Subjekt-Objekt-Verschmelzung so sinnfällig in Wort und Bild gefasst wie in diesem Roman. Chapeau!
Und immer wieder werden wir Zeuge der Metamorphose von Not in Spaß, von Trauma in Lust. Das ist unverhüllte Traumatophilie. Damit das funktioniert, muss Helen den Ekel dissoziieren. Nur der Leser empfindet ihn, sie nicht. Literarisch gesehen muss das Gefühl beim Leser sein, klinisch gesehen aber darf Helen keinen Ekel empfinden, weil sie sich anderenfalls von ihrem Körper, und das heißt, vom Mutterersatz distanzieren müsste. Die Einsamkeit wäre unerträglich. Die Dissoziation (Abspaltung) des Ekels erfolgt über die Idealisierung der Körperausscheidungen.
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Vor dieser traumatisch trostlosen Kulisse erfährt Helen ein zusätzliches, ein punktuelles Trauma. „Ich komme eines Tages aus der Grundschule und rufe im Haus rum. Keiner antwortet. Also denke ich, keiner ist da. Ich gehe in die Küche, und da liegen Mama und mein kleiner Bruder auf dem Boden. Hand in Hand. Sie schlafen…. Der Herd ist offen. Es riecht nach Gas. Was macht man da? Ich hab mal in einem Film gesehen, wie jemand beim Gehen Funken geschlagen hat und das ganze Haus in die Luft geflogen ist. Also, schön langsam und vorsichtig zum Herd schleichen, es schlafen ja auch Leute, und das Gas abdrehen. Als Nächstes Fenster auf und Feuerwehr rufen. … Die beiden werden abgeholt, sie schlafen immer noch, ich darf mitfahren. Zwei Krankenwagen. Eine Familienkolonne. Blaulicht. Martinshorn. Im Krankenhaus werden ihnen die Mägen ausgepumpt, und Papa kommt von der Arbeit dahin.“
Die Parallele zu ihrer Selbstverletzung ist augenfällig. Nur: bei ihr kommt Papa nicht gleich ins Krankenhaus. Das Weitere ist charakteristisch. Die Familie spricht nicht über den Suizidversuch. Irritiert reagiert Helen mit einer Störung der Realitätsprüfung. Sie zweifelt an ihrer Wahrnehmung: hat sie geträumt, die Szene erfunden oder sich gar eingeredet? Fragen an die Mutter quälen sie: „Hast du mal versucht, meinen Bruder und dich umzubringen?“ Ungemein quälender jedoch die Frage: „Warum wolltest du mich nicht mitnehmen?“ Diese Frage beinhaltet ihre tiefe Enttäuschung: Ihre Mutter zieht den Bruder vor, ihn will sie im Tod bei sich haben. Sie hingegen ist ausgeschlossen, abgelehnt, alleine zurückgelassen. Dabei wollte sie doch auch ein „Engel“ (ein grüner Krankenhausengel) werden. Wie tief Helen verletzt ist, macht eine kleine Bemerkung offenkundig. Schön langsam und vorsichtig sei sie zum Herd geschlichen, denn: „Es schlafen ja auch Leute“. Gemeint sind Mutter und Bruder. Sie hat beide anonymisiert, um sich distanzieren zu können. Das mildert den Schmerz.
Fortan wird Helen von flashbacks heimgesucht. „Ich rieche etwas. Ich befürchte, es ist Gas. Ich rieche und rieche immer wieder. Es bleibt Gas. Ausströmendes Gas. Fast kann ich es hören.“ Aber es gibt nichts zu riechen. „Ich rieche nichts mehr. Dieser starke Gasgeruch. Einfach so weg! Kein Gas, kein nichts. Schon wieder passiert. Ich kann es nicht fassen, dass ich schon wieder auf mich selber reingefallen bin. Zum hundertsten Mal. Schätzungsweise.“
Anale Lust, die gelegentlich für literarisch schlechten Geruch im Roman sorgt, dürfte auch ihren Beitrag zu diesen flashbacks leisten. Wie auch immer: Die flashbacks enthüllen ihre Todeswünsche gegen Mutter und Bruder. In ihrem Gaswahn geht sie wie selbstverständlich davon aus, beide seien tot. „Ich stand da im Nachthemd von unserer einzigen Straßenlaterne beleuchtet auf dem Bürgersteig und guckte mir das Grab meiner Mutter und meines Bruders an.“ Der Vernichtungswunsch offenbart sich in der zynisch-triumphalen Bemerkung über das Gas: „Eigentlich ein leckerer Geruch.“
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Von der Mutter enttäuscht wendet sich Helen dem Vater zu und sucht bei ihm, was sie bei der Mutter vermisst. Mit ihm könne sie jedoch nicht über echte Gefühle und Probleme reden, nur über Ersatzthemen. Das habe er nie gelernt. Er sage einfach nichts, außer sie frage ihn. Aber er würde nicht unfreundlich schauen.
Als ihr Vater endlich ins Krankenhaus kommt, bringt er ihr ein aufblasbares Luftkissen für ihren kranken Po mit. „»Oh, danke, Papa«. Er hat offensichtlich lange darüber nachgedacht, dass ich Schmerzen habe und was er dagegen tun kann. Mein Papa hat Gefühle. Und auch welche für mich. Schön.“ Aber nun ist es Helen, die eine Sprachverwirrung erzeugt, denn kess wendet sie ihre Freude über die väterliche Zuwendung sogleich ins Inzestuöse. Beim Aufblasen des Kissens habe sie extra viel Spucke am Pustenippel hängen lassen, erzählt sie, den sich ihr Papa nun ohne ihn abzuwischen in seinen Mund gesteckt hätte. Helen süffisant: das sei doch schon „die Vorstufe zum Zungenkuss, könne man doch sagen, oder?“ Dann erklärt sie freimütig, sie könne sich gut und gerne Sex mit ihrem Vater vorstellen und gerät ins Erzählen. Früher, als sie ganz klein gewesen sei, seien ihre Eltern morgens nackt vom Schlafzimmer ins Bad gegangen. Ihr Vater habe immer einen „dicken Stock im Lendenbereich“ vor sich hergetragen. Schon damals sei sie sehr fasziniert gewesen. „Die dachten wohl, ich merke das nicht. Hab ich aber gemerkt. Und wie.“ Gleichwohl: die orale Qualität ihrer Vatersehnsucht ist aus dem Kontext mühelos zu erschließen. Helen sucht den père maternel. Darum weiß sie auch nicht, in welchem Beruf ihr Vater arbeitet. Ein Kind duldet nicht, dass seine Mutter arbeitet. Es will sie für sich haben. Ihr Vater bleibt vom Gastod verschont. Zeus (Vater der schönen Helena) ist eben unsterblich! Käme sie lebend aus dem Haus raus, so überlegt Helen, hätte sie nur noch ihren Vater, der zum Glück nicht mehr in diesem Todeshaus wohne. Der einzige Vorteil geschiedener Eltern, meint Helen.
Werfen wir noch einen Blick auf Helens Familie. In ihr scheinen Vater und Bruder Repräsentanten des Leibes zu sein, wie ein Dialog zwischen Helen und ihrer Mutter zeigt: „»Mama, weißt du, Hämorrhoiden sind erblich. Fragt sich nur, von wem ich die habe.“ « … »Von deinem Vater. «“ Der Vater bringt die Krankheiten und auf Bruders Penishygiene wurde kein Wert gelegt. Im Schönheitskult gilt der Leib als schmutzig, krank, hässlich. Ist der Leib also, das Kranke, Schmutzige, Hässliche, männlich? Zumindest wird eine Phantasie bedient: Die Männer sind Ferkel und beschmutzen die Frauen. Das könnte ein Interpretationsvorschlag den Schönheits- und Hygienewahn betreffend sein, gegen den der Roman protestiert. Die Mutter wiederum, die den leibfeindlichen Hygienewahn vertritt, wäre Repräsentantin des Sauberen, Aseptischen, des ästhetisierten Körpers. Beschmutzt werden kann aber nur, was rein ist. Sollte das die innere Logik des Hygienewahns sein? Wie auch immer: Wenn Helens Eltern dem „Paar von Körper und Leib“ entsprechen, so wäre es kein Zufall, dass dieser Roman von einem geschiedenen Paar handelt. Immerhin ist im Schönheitskult das „Paar von Körper und Leib“ auch geschieden.
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Bleibt festzuhalten, bei „Feuchtgebiete“ handelt es sich um eine Fallgeschichte, die den Mechanismus der Traumatogenese ohne zu beschönigen durchsichtig machen kann und die ins Regal der Psychotraumatologie gehört. Die in "Feuchtgebiete" dokumentierte Form moderner Sexualität mit dem Verweis zu ignorieren, es handle sich um schlechte Literatur, wäre hypokritisch und epistemologisch kurzsichtig. Überdies befolgt die Protagonistin die analytische Grundregel, alles zu sagen, was in den Sinn kommt. Folgerichtig phantasiert sie unzensiert und erörtert „mit aller Freimütigkeit“ sexuelle Beziehungen und nennt „die Organe und Funktionen des Geschlechtslebens bei ihren richtigen Namen“, ganz so, wie es Freud im Fall Dora forderte (S. Freud, 1905e). Die Krankengeschichte dieses virtuellen girls kann getrost als Blaupause oder Folie für unzählige andere genommen werden, egal, ob am Ende Selbstverletzungen, Essstörungen, Risikosportarten oder Schönheitsoperationen stehen. Die Psychopathologie der Protagonistin wird modern verarztet mit dem Pflaster der Geilheit. Moderne Symptome wie Selbstverletzungen, Essstörungen oder Körperbildstörungen verzeichnen übrigens eine ähnlich hohe ‚Auflage’ wie „Feuchtgebiete“. Die ihnen zugrundeliegende Krankheit, die Störung im narzisstischen System, die Depression, dürfte jedoch so alt sein wie die Menschheit.
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Noch ein Wort zum Schluss des Romans. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus nimmt Robin Helen mit zu sich nach Hause. Helen erhofft sich insgeheim eine lebenslange Verbindung mit ihm – als Gegenentwurf zu ihren geschiedenen Eltern. „Ich halte ihm die Studentenfuttertüte mit den Tränentrauben hin. Ich glaube, wenn ein Mann die Tränen von einer Frau isst, sind die beiden für immer verbunden.“ Von einer Verbundenheit auf ewig weiß Robin allerdings nichts. Helen hatte nämlich die Rosinen ohne sein Wissen mit ihren Tränen getränkt und sie ihm dann zu essen gegeben.
Auf dem Heimweg zögert Robin, bleibt dann stehen und knöpft Helen ihr hinten offenes Krankenhaushemdchen zu, damit nicht jeder ihren blanken Po sieht, den sie immer allen gern zustreckt. Eine fürsorgliche Geste Robins. „Er will mich in der Öffentlichkeit bedecken. Gutes Zeichen“, sagt Helen. Das sehe ich auch so. Robin signalisiert ihr mit dieser Geste, sie sitze dem Irrtum auf, alle Welt sei an ihrem Hinterteil interessiert.
Aber Halt, das sollte uns nicht entgehen. Diese Heimwegszene erinnert allzu deutlich an die Kindheitsszene an der Haltestelle, an der Helen mit nacktem Po auf den Bus wartete. Heißt das, der ganze Krankenhausaufenthalt ist die Reinszenierung eines Exhibitionswunsches aus der Kindheit, aktuell eingeleitet mit einer Schönheitsarbeit, dem Ladyshaven? Der Roman, der angetreten war, die fragile Statur des ästhetisierten Körpers ins Wanken zu bringen, endet genau da, wo er nicht hinwollte, beim analen Exhibitionismus des Schönheitskultes.
Robin scheint es zum Sex mit Helen noch zu früh. Er steht nicht auf polymorph-perversem Kindersex. Er verfällt nicht der „Sprachverwirrung“ und schützt damit Helen vor einer weiteren Karriere als Intrusionsopfer. Helen fragt ihn: „Wenn ich bei dir wohne, willst du doch bestimmt mit mir schlafen?“ Robin: "Ja, aber erst mal nicht in den Arsch." Helen: „Ich schlafe erst mit dir, wenn du es schaffst, einem Pony so feste am Arschloch zu saugen, dass es sich von innen nach außen stülpt.“ Robin: „Ist das überhaupt möglich, oder willst du gar nicht mit mir schlafen?“ Helen: Das wollte ich schon immer mal zu einem Typen sagen. Jetzt hab ich's geschafft. Doch, ich will. Aber nicht heute. Ich bin zu müde.“
Erstaunliches Mädchen! Sie hat es in der Beziehung zu Robin tatsächlich geschafft, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen und sich Zeit zu nehmen, zu wachsen. Die braucht sie. Sie muss sich ja erst noch von den Windeln und dem Kinderarzt, den sie immer noch besucht, wie sie sagt, verabschieden. Ob’s dann vielleicht zwischen den beiden erotisch wird? Aber möglicherweise kommt es nie dazu. Die Pony-Hürde, die Robin aufgestellt hat, ist unüberwindbar. Es ist die Hürde zwischen Eltern und Kind: die Generationsbarriere, die vorm Inzest schützt. Vielleicht wird Helen ja dank ihres Wissensdurstes später mal Wissenschaftlerin oder land-art-Künstlerin. Sie gebiert ja Avocadobäume. Das hält die Zukunft noch in ihrem Schoß verschlossen. Vielleicht aber droht ihr auch Verwirrung?
Kein romantisches Happy End also, aber zumindest ein hopeful End, fraglos jedoch eine „Poetik des ruinierten Finales“ (Koppenfels) für all jene, die der Lüsternheit auf den Leim gegangen sind.
(*) In einer früheren Version habe ich diese Aussage irrtümlich Robin zugeordnet. Andreas Bilger hat mich dankenswerterweise auf meinen Irrtum aufmerksam gemacht.
Literaturangaben
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Ferenczi, S. (1933): Sprachverwirrung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind. In: Ders.: Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. III, Frankfurt a.a M., Berlin, Wien: Ullstein, 1984
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Menninghaus, W. (2003): Das Versprechen der Schönheit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
Roche, Ch. (2008): Feuchtgebiete. Köln: DuMont
Rodulfo, R. (1996): Kinder – gibt es die? Die lange Geburt des Subjekts. Freiburg i. Br.: Kore
Sachsse, U. (2002): Selbstverletzendes Verhalten. Psychodynamik – Psychotherapie. Das Trauma, die Dissoziation und ihre Behandlung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
© Thomas Ettl, Dezember 2008
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