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6 Thesen zum Schönheitskult
6 Thesen zum Schönheitskult
10.02.2009 21:15:32








Thomas Ettl


 


6 Thesen zum Schönheitskult





 


(Quelle: Geschönte Körper – geschmähte Leiber. Psychoanalyse des Schönheitskultes. Tübingen: Edition diskord, 2006. Dort Beispiele und ausführliche  Quellenangaben)


 


I. Der Körper in der Spätmoderne


Weshalb der Körper in der Spätmoderne ins Zentrum des öffentlichen Diskurses getreten ist, ist Gegenstand der­zeitiger kulturwissenschaftlicher Debatte. Mal ist die Rede vom Verschwinden des Körpers durch Virtua­lisierung im Internet, mal die von der Wiederkehr des semiotischen Körpers, im Diskurs konstruiert und den kulturellen Vorstellungen und Bedeutungszuweisungen unterworfen.


Die Soziologie begründet das Interesse am Körper mit der seit den 80er Jahren geführten Individualisierungs­debatte. Aus vielen Instanzen entlassen, würden dem Subjekt Vorgaben fehlen, wie es zu leben habe. Zwar wurde der Körper zu allen Zeiten als Ausdrucksmittel zur Darstellung psychischen Befindens, von Lebens­abschnitten, kommunikativen Bedürfnissen und Identität gebraucht, mit dem Transfer von der Industrie­gesellschaft zur Mediengesellschaft jedoch habe sich der Diskurs um den Körper verändert und mit diesem die Tech­niken, den Körper zu gebrauchen. Nicht mehr dem Zwang zur Lebenserhaltung durch körperliche Arbeit unter­liegend, wird in der Spätmoderne Muskelkraft entbehrlich. Gemäß der Tendenz zur Ästhetisierung aller Lebens­bereiche muss Muskelkraft ästhetisch begründet werden, sie muss Sinn machen. Dieser Notwendigkeit verdankt die Wellness- und Beautyindustrie ihren Boom. Geschwitzt wird nicht mehr in der Fabrik, sondern in den Fitnessstudios. Der Körper soll zur Bewunderung und zur alltäglichen Selbstinszenierung ausgestellt werden. Muskeln werden zur Stabilisierung des Selbstwertgefühls gebraucht. Schlagworte wie Kondition, Stress, Fitness sowie die Idealisierung der Jugendlichkeit, fetischistische Verabsolutierungen des Körperlichen sind Indikatoren eines erhöhten Körperbewusstseins.


In der gegenwärtigen Körperdebatte werden dem Körper drei Funktionen zugesprochen, die sich gegenseitig durchdringen:


● der Körper als Darstellungsmittel, als Medium oder Instrument des Ichs, das ihn zur Inszenierung, zur Reprä­sentation einer Idee, einer Weltanschauung oder des sozialen Status nutzt. Hier ließe sich der somatic turn der gegenwärtigen Psychoanalyse eintragen. Sie hat den Körper für die Behandlung schwer traumatisierter Patienten entdeckt. Grundlage ist die Erinnerungsfähigkeit des Körpers.


● der Körper als Darstellungsobjekt und Ausstellungsstück, der nicht über Eigeninitiative verfügt, sondern Opfer von Inszenierungsstrategien ist. Gemeint ist der öffentliche Körper, der erst in der Moderne mit der Trennung von Öffentlichem und Privatem die historische Bühne betrat.


● der performative Körper, der durch Sprache und soziales Handeln Welt konstituierende Körper, der zugleich durch Praxis produziert wird. Der Körper ist zugleich Produzent und Produkt von Wirklichkeit.


 


Statt Entfremdung, Automatisierung und Ersetzung durch technische Errungenschaften erwartet den Körper jetzt seine Eroberung durch medien-, bio- und gentechnologische Auf-, Um- und Zurüstungen. Da moderne biotech­nologische Möglichkeiten die Formbarkeit des Körpers erlauben, wird dieser unterm Titel Posthumanismus oder Postbiologismus zum utopischen Potential mit der Vision, den alten, disziplinarisch kontrollierten Körper zugunsten eines hybriden, aus alten Zwängen befreiten Körpers zu überwinden. Das Ziel der Cyborg-Techniker folgt dem Ideal des Abendlandes: leben als körperloser Geist, ungebunden an die Physis, erhaben über Raum und Zeit. Internet und Cyberspace sollen ein kosmisches Selbst ermöglichen. Die Reproduktion der mensch­lichen Erbanlagen gilt als erster Schritt zum Gottsein. Der Mensch wäre nicht länger der Natur, der Biologie unterworfen, Sub-jekt, sondern Gott.


 


II. Der Wunsch nach Schönheit


Der Wunsch nach Schönheit ist ein normaler menschlicher Anspruch. Schönheit gehört zu den Idealbildungen der Menschen, zu ihren Vorstellungen von Vollkommenheit (Freud). Die Bemühungen im Bereich des Ästhe­tischen streben danach, das Peinliche, Hässliche, Unharmonische zu überwinden und Mängel aufzufüllen. Es handelt sich dabei weder um ein neurotisches Symptom noch um einen Persönlichkeitsdefekt. Vielmehr sind die Bemühungen neotonisch verursacht, mithin der conditio humana geschuldet:


● der Frühgeburt des Menschen, der Tatsache, narzisstisch vollkommen, körperlich jedoch unvollkommen zur Welt gekommen zu sein


● dem Zerfall der primären Fusion und der dadurch bedingten Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das Trauma der ver­lorenen narzisstischen Allmacht spielt von Kindesbeinen an eine wichtige Rolle in der Entwicklung. Trotz seiner Verdrängung behält das Kind eine bittere Erinnerung daran. Alle Erscheinungen der Kultur sind als Versuch zu werten, die narzisstisch vollkommene Situation wiederherzustellen, als Suche nach der verlorenen Zeit, in welcher der Mensch sein eigenes Ideal war, als Suche nach jenem Teil des Narzissmus, der ihm durch die primäre Entmischung genommen wurde.


Diese Suche kann unbewusst erfolgen, was nicht heißt, sie müsse pathologisch sein. Die Wege, die die Suche nach Schönheit im gegenwärtigen Kult jedoch einschlägt, können pathologische Züge annehmen, da sie obsessiv-süchtigen Charakter zu bekommen scheinen. Der Wunsch nach Schönheit pervertiert zur „Krankheit der Idealität“ (Chasseguet-Smirgel). Schönheit ist nicht länger Gegenstand von Genuss, im Gegenteil, sie kann zur Qual werden. Objektive und subjektive Faktoren machen „Schönheitsarbeit“ (Menninghaus) zum Zwang und fixieren an den perfekten Körper. Schönheit wird (über)lebenswichtig und fungiert als Vorbereitung auf die Zukunft.


Unter Schönheitskult wird ein gegenwärtiges, alltagskulturelles Phänomen verstanden, ein kommerzialisierter Komplex, der die Gesellschaft bis in alle Lebensbereiche hinein ästhetisiert, Themen industriell produziert und in Form von Medienangeboten vermittelt, die von großen Bevölkerungsgruppen genutzt und weiterverarbeitet werden. Schönheit ist sein Produkt. Sie verleiht den Dingen glanzvolle Oberflächen und macht sie kommerziell attraktiv. Körperschönheit ist zur neuen Arbeitskraft geworden, die die alte muskuläre ablöst. Sie arbeitet, denn sie wirkt. Sie macht attraktiv, erleichtert das Finden von Arbeit, verspricht Erfolg. Mit Körperschönheit lässt sich viel Geld verdienen.


 


Das Ichideal und seine Aktivierung im Schönheitskult


Dem Ichideal kommt im Kult eine besondere Bedeutung zu. Das Ichideal ist eine innerpsychische Instanz, die libidinös besetzt ist, denn sie löst die frühkindliche libidinöse Besetzung des Ichs ab. Sie ist das Erbe des frühen Narzissmus. Das Ichideal ist der idealisierte Doppelgänger des Ichs, demzufolge gleichgeschlechtlich. Beispiel: Narziss ist in sein schönes Spiegelbild verliebt, der Schönling Dorian Gray hadert mit seinem hässlichen Portrait.


Der unbewusste Kern des Ichideals enthält den Traum vom ewigen Glück, Glanz und Reichtum, von physischer und geistiger Macht und Stärke. Der Zerfall der primären Fusion zwingt das Ich zur (An-)Erkennung des Nicht-Ichs, des Objekts, des anderen. Das Ich projiziert dann auf das Objekt, z.B. auf sein Spiegelbild oder eine andere Person die verlorene narzisstische Allmacht. Fortan von seiner narzisstischen Allmacht getrennt, entsteht eine Kluft zwischen Ich und Ichideal. Im Lacanschen Modell des Spiegelstadiums, Modell der Subjektkonstitution schlechthin, handelt es sich um die Kluft zwischen dem zerstückelten Körper (corps morcelé) und dem Idealich (moi- idéal). Die Tiefe dieser Kluft gibt Auskunft über das narzisstische Gleichgewichts einer Person und lässt Vermutungen über das Maß an Bestätigung zu, das sie erfahren hat. Die Kluft kann sehr quälend sein, weshalb das Subjekt immer wieder versucht, mit seinem Ideal eins zu werden, es will diese Kluft schließen. Solche Versuche zeigen meist eine regressive Tendenz, denn sie drängen auf Rückkehr zum Anfang, in Richtung seines Ausgangspunktes: dem primären Narzissmus. Die Kluft ist umso geringer, je besser die narzisstische Bestätigung des Ichs gelingt. Die Forderungen des Ichideals verlieren an Schärfe. Ein normales Ichideal respektiert Möglichkeiten und Grenzen des Ichs und die Trennung von Subjekt und Objekt. Das Ichideal enthält die Attribute, die das Ich sich zu erwerben bemüht, es will das narzisstische Gleichgewicht wieder herstellen. Es regt das Ich zur Identifizierung mit dem Objekt an, zum Wunsch, so zu werden wie das Objekt. Dieser Wunsch hat Projekt-Charakter. Das normale Ichideal drängt nicht auf rasche Befriedigung und schnellen Erfolg, sondern erlaubt Aufschub, Umwege, zeitliche Festlegung, d.h. Entwicklung, allesamt Merkmale des Realitätsprinzips.


Erhält das Ich nicht genügend narzisstische Zufuhr, kann das Ichideal pathologische Wirkung entfalten. Zu starke Frustration z.B. wird vom Ich als kränkend erlebt, es fehlt ihm narzisstische Bestätigung und es regrediert in jene Frühphase, in der es noch sein eigenes Ideal war. Es kann zu einer megalomanen Aufblähung des Ichideals kommen und damit zu einer drastischen Vertiefung der Kluft zwischen dem geschwächten Restich und dem Ichideal. Ein solches pathologisches Ichideal hat keinen Projekt-Charakter. Seine Forderungen ans Ich ge­winnen an Schärfe. Es negiert die Grenzen des Ichs und verlangt nach sofortiger Befriedigung seiner archaisch-megalomanen Ansprüche. Es drängt das Ich zur Imitation des Objekts, es will sich auf Anhieb dessen bewun­derte Eigenschaften einverleiben und sich damit aufplustern. Das pathologische Ichideal infantilisiert das Ich und fixiert es an den Primärvorgang. Ein Persönlichkeitsdefekt wird erzeugt. Die Folge kann eine schwere Depression mit psychotischen Zügen sein.


Starke Gratifikationen, wie sie beispielsweise Schönheitsoperationen mit ihren Versprechen bieten, Körper­bildschäden auf Anhieb zu kompensieren, können das Ich dazu verleiten, den Narzissmus auf die Partialtriebe, z.B. den Exhibitionismus, zu projizieren. Es ist dann nicht erforderlich, die Zukunft, mithin Projekte, narzisstisch zu besetzen. Das Ich ist mit seinem Ideal verschmolzen, zum Idealich geworden. Die Kluft ist geschlossen. Bei dieser Regression ins infantil-megalomane Ichideal wird das Überich gelöscht. Zwischen beiden Instanzen be­steht ein grundlegender Unterschied. Das Ichideal tendiert zur Wiederherstellung der Illusion, das Überich zur Förderung der Realitätsprüfung. Das Überich ist restriktiv, verhindert die inzestuöse Sexualität und trennt das Kind von der Mutter, das Ichideal drängt zur Verschmelzung. Das Überich als genetisch spätere Instanz kann vom plötzlich aktivierten Wunsch nach Vereinigung von Ich und Ideal, z.B. unter Alkoholeinfluss, unter Geld­gier oder in der Masse außer Kraft gesetzt werden (Chasseguet-Smirgel). Eine Manie oder eine Perversion können die Folge sein.


Die Beziehung zwischen Ich und Ichideal kann variieren.


● Das Ichideal kann sich gegen das Ich wenden und es mit Ansprüchen erdrücken. Das Ich unterwirft sich und ist mit der Sorge beschäftigt, sich vor dem Ichideal als würdig zu erweisen.


● Die Ansprüche des Ichideals können das Ich wütend machen. Das Ich kann die Wut auf das Ichideal gegen sich selbst richten, z.B. mit Selbstverstümmelung oder Selbstverletzung gegen den Körper, wenn dieser dem Reinheitsideal eines perfekten Körpers nicht entspricht. Reinheit und Terror bilden ein Doppelgespann (Grunberger), wie Religionskriege, Ideologiestreits oder wissenschaftliche Auseinandersetzungen um die „reine Lehre“ bezeugen. Der Terror geht vom Ichideal aus. Es behält die Oberhand über das Ich.


● Die aggressive Beziehung zwischen Ich und seinem Ideal kann für beide Instanzen tödliche Brisanz haben, wovon Mythologie, Märchen und Romanwelt zeugen. Narziss ertrinkt bei seiner Begegnung mit seinem schönen Double oder wird zur Narzisse. Schneewittchen bleibt die Schönste im Lande, auch wenn seine Mutter ihr Ichideal schlachten lassen will. Das Ichideal beherrscht das Ich. Als Dorian Gray (identifiziert mit seinem Ichideal) seinem Portrait (sein alterndes Ich) begegnet, sticht er auf das Bild ein, er will sein schäbiges Ich zer­stören. Aber das Portrait triumphiert über sein Ideal. Dorian fällt tot zu Boden, das Portrait wird jugendlich schön. Das Ich setzt sich anstelle des Ichideals, es ist jetzt Idealich. Weil Dorian als Ichideal mit Vorwürfen auf sein Ich „einsticht“, da es seinen Ansprüchen nicht genügt, rächt sich das Ich. Es richtet seine Aggression gegen das Ichideal, um sich zu befreien. Das Ich entidealisiert das Ichideal und entzieht ihm die narzisstische Be­setzung. Das kann allerdings eine Beschädigung des Selbstwertes zur Folge haben.


Unterwerfung und Auflehnung des Ichs können alternieren. So sind depressive Menschen unablässig mal mit Hass auf ihr Ichideal, mal mit Minderwertigkeit ihm gegenüber, mal mit Wiedergutmachung am Ichideal be­schäftigt.


 


Schönheitsideale aktivieren in den Subjekten das Ichideal. Das Ichideal wird zum Einfallstor für die Körper­ideale, repräsentiert durch Models. Die Models setzen sich an die Stelle des Ichideals und werden zum bewun­derten Objekt des Ichs, zu seinem Ideal.


Wie geht die Verschaltung von Model und Ichideal vor sich? Was macht Models und Ichideal kompatibel? Es bieten sich mehrere Möglichkeiten:


● Die Bilder der Models können sich problemlos an die Stelle des Ichideals setzen, denn das Ichideal funktio­niert auf der Ebene der Imagines und damit auf der gleichen Darstellungsebene, auf der sich auch die Idealkörper im Schönheitskult präsentieren. Bilder sind präsentative Symbole. Sie setzen sich aus Elementen zusammen, die jeweils verschiedene Bestandteile des Gegenstandes darstellen. Diese Elemente sind keine Einheiten mit unabhängigen Bedeutungen, aber zahlreicher als Sprachelemente, weshalb ein Bild im Vergleich zur Sprache bedeutsame Vorteile zeigt. Es bietet dem Betrachter größeren Reichtum an detaillierter Information und ermöglicht die simultane Darstellung, wo die Sprache notwendig sequentiell in der Annä­herung an ihren Gegenstand verfahren muss. Die Übereinstimmung zwischen einem Wortbild und einem sicht­baren Gegenstand kann niemals so eng sein wie z.B. die zwischen einem Gegenstand und seiner Fotografie.


Bilder wirken emotionaler, prägen sich besser ein, vor allem perfekte Bilder, die positive Stimmungen und Ge­fühle wecken. Präsentative Symbole erfüllen andere Aufgaben als diskursive. Sie artikulieren Erlebnisse, die den diskursiven Symbolen unzugänglich sind. Sie stehen dem Unbewussten und den Affekten näher und sprechen im Betrachter die Ebene des Primärvorgangs an. 


Man kann bei den Abbildungen von Models allerdings nicht mehr von präsentativen Symbolen sprechen, aber auch nicht davon, sie seien detail- und wirklichkeitsgetreue Körperabbildungen. Die Bilder der Models lassen entscheidende Merkmale präsentativer Symbolik vermissen. Sie sind, phototechnisch oder digital überarbeitet, den gängigen Schönheitsvorstellungen eingepasst. Mit Morphing wird an den Körpern alles, was nicht passt, gelöscht, digital refiguriert und dem Regime hegemonialer Körperbilder angeglichen und zum „Augenschmaus“ präpariert, unzählig vervielfältigt und darüber zum visuellen Konsum bestimmt. Durch die Bildbearbeitung wird der Reichtum an Information und das je besondere der Körper getilgt. Die retuschierten Körper sind Darstel­lungsobjekte uniformierter Schönheit. Darüber geraten die normiert geschönten Körperdarstellungen zu Schab­lonen, vergleichbar sinnentleerten Sprachschablonen. Sie haben nichts mit dem Lebensalltag der Rezipienten zu tun. Einziger Bezug zwischen Rezipient und Model: beide haben einen Körper. Die Bildschablonen müssen unablässig erneuert werden, da Bilder nur so lange lebendig sind, solange ihre ästhetische Wirkung nicht voraus­sagbar ist, solange sie etwas Neues erkennen lassen. Das ist bei den schablonierten Models nicht der Fall. Sie sind bedeutungsgeschrumpft auf den Transport nur einer Botschaft: So sollst Du aussehen. Die Botschaft wird innerhalb kürzester Zeit per Plakat oder Spot an Passanten oder Fernsehzuschauer übermittelt. Die Schablonen sind instrumentalisiert zum Körpervergleich, mit der Aufforderung an den Rezipienten, es ihnen gleichzutun mit der impliziten Drohung, bei Zuwiderhandlung sozial isoliert zu werden.


● Kompatibel sind Model und Ichideal auch, denn das Ichideal kann wegen des Narzissmus ästhetisiert sein. Ichideal und kollektives Schönheitsideal lassen sich demnach auch, was den Inhalt der Darstellung anbetrifft – den des  ästhetisierten Bildes - verschalten.


● In der Adoleszenz sind die Idole Spiegelungen des perfekten Selbst, nicht der idealisierten Eltern (Laufer). Die stets jugendlichen Models stehen der Adoleszenz nahe, eignen sich also besonders zur Spiegelung des adoles­zenten idealen Selbst. Die Homologie der Generationsebene ermöglicht es den Models, sich an die Stelle des Ichideals der Adoleszenten zu setzen. Sie bewirkt z.B., dass im Kult alle, gleich welchen Alters, jung aussehen wollen mit der Absicht, Generationsunterschiede einzunivellieren.


● Merkmal des Ichideals ist seine Gleichgeschlechtlichkeit. Die Models der gegenwärtigen Kultur- und Mode­industrie präsentieren sich androgynisiert, weshalb sie sich für beide Geschlechter als Vorlage fürs Ichideal eig­nen. Androgyne Models sind so wirksam, da sie von einem androgynen Ichideal erwünscht sind. Sie sind Beweis dafür: das Subjekt lenkt seine Models, es will sich ein Stück seiner Allmacht erhalten. Das Ichideal konstituiert maßgeblich den Massengeschmack. Die Androgynität ist kein Zufall, sondern Zeichen dafür, dass der Kult eine frühe Form des Ichideals, ein Ideal vor der Ausdifferenzierung der Geschlechtsidentität aktiviert. Damit erübrigt sich die ‚morf’- Frage (male or female).


Da das Ich zunächst ein Körperich ist, ist auch das Ichideal zunächst ein Körperideal, wie das Spiegelstadium nahe legt. Dies macht die Bedeutung der Models als Körperideale ersichtlich. An die Stelle des Ichideals gesetzt, entfalten sie ihre Wirkung im narzisstischen System des Rezipienten. Sie wirken wie das Spiegelbild, in dem sich das Subjekt (v)erkennt. Die Models beziehen ihre Bedeutung aus der Sehnsucht nach dem früh verlorenen primären Narzissmus. Sie sind das Objekt, auf das der Narzissmus projiziert wird, werden zum idealisierten Objekt, das aber definitionsgemäß ein libidinös besetztes Selbstobjekt ist. Die Models sind Container für die Sehnsucht des Ichs nach einem idealen Körper. Im Kult werden die Models in den Stand moderner Götter erho­ben  und erfahren ihre Verehrung als göttliche Körper. Das ist die Religiosität des Schönheitskultes.


Damit wäre das  Funktionsniveau bestimmt, auf der sich der S-Kult bewegt: die Adoleszenz mit den ihr eigenen Merkmalen der Zentrierung auf den Körper und der verstärkten Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper mit dem Wunsch, ihn zu verändern, zu dem auch ein megalomanes Ichideal gehören kann. Der Mechanismus, der auf diesem Niveau zur Anwendung kommt, ist das „checking-back“ oder das „mirror-checking“, dem sich das Kleinkind bei der Aneignung seines Körpers bedient und sich dabei vor seinem realen Körper in ein Idealbild vom Körper flüchtet.


Damit dürfte der Kult zur allgemein zu beobachtenden Tendenz in der gegen­wärtigen Kultur beitragen, die Adoleszenz zu verlängern. Sie ist mit der Abweisung oder Ausgrenzung der Eltern- und Alten­generation durch Verweigerung der Identifizierung mit der Welt der Erwachsenen verbunden. Die Models, ins­besondere die mageren, bieten sich zur Abgrenzung bzw. zur abgrenzenden Verweigerung an. Insofern wird im Kult trotz der Tatsache, dass alle jung sein wollen, durchaus die Generationsbarriere gewahrt. Versuche von Älteren, diese Barriere zu verleugnen, in dem sie sich auf jung stylen, wirken meist lächerlich.


 


„Das Paar von Körper und Leib“, seine Trennung und die Produktion von „Hässlichkeit“


Mit der entstehenden Philosophischen Anthropologie, der Phänomenologie und des Pragmatismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte die im 19. Jahrhundert von der Philosophie eröffnete Debatte um das dualistische Selbstverständnis des Menschen in der Unterscheidung von Körper und Leib ihren ersten Höhepunkt. Während der Begriff des Körpers unspezifisch unterschiedliche Körper: den menschlichen, aber auch physikalisch be­stimmte Körper umfasst, bezieht sich der Begriff des Leibes auf Lebendiges. In der Philosophischen Anthro­pologie bleibt der Begriff Körper dem vorbehalten, was man an sich selbst oder an anderen optisch, taktil oder akustisch wahrnimmt oder was von anderen Personen wahrgenommen wird. Der Körper ist Gegenstand der Naturwissenschaft und lässt sich durch Messen, Wiegen und durch wissenschaftliche Methoden objektivieren und technisch manipulieren.


Die Definitionen des Begriffs „Leib“ variieren. Mal ist der Leib die Verankerung in der Welt, Mittel, eine Welt zu haben (Merleau-Ponty), mal die Natur, die wir selbst sind (Böhme). Die Phänomenologie versteht unter Leib den erlebten und gespürten Körper, das, was subjektiv ganzheitlich, ohne Zuhilfenahme einzelner Sinnesorgane oder der Hände, erfahren wird, was der Mensch in der Gegend seines Körpers von sich spüren kann (Schmitz). Körper und Leib bilden ein Paar (Böhme). Der Leib ist das Lebendige am Körper und er verleiht dem Körper phänotypisch seine Individualität.


Drei Eigenschaften zeichnen den Leib als einen besonderen Körper aus:


● Permanenz (der Leib ist immer da)


● Doppelempfindung (die Fähigkeit, sich selbst zu empfinden)


● Affektivität sowie Kinästhesie (die Fähigkeit, sich selbst zu bewegen und dies zugleich empfinden zu können).


 


Was der Kult als „hässlich“ definiert, sind meist Eigenschaften des Leibes. Der Leib schmutzt, riecht, men­struiert, ermüdet, schmerzt, wirft sich in Falten, altert, zeigt Spuren von Geburten und Krankheiten. Dem Kult ist er Inbegriff des Unsau­beren, Hässlichen, Ekligen und wird, da mit Schönheit unver­einbar, geschmäht. Insbe­sondere seine analen Eigenschaften - in der Ästhetik das Feld der niederen Sinne - sind der Schönheit abträglich. Der Leib wird zum fäkalen Objekt. Seine Bedürfnisse im trivialen Lebensvollzug legen sich quer zu den Forde­rungen nach Flexibilität und Perfektion. Er wird verdrängt, da er, unberechenbar, Angst einflösst und sich durch seine Hinfälligkeit unangenehm bemerkbar macht. Der Leib erinnert an die Endlichkeit. Er kränkt und bedroht die Autonomie. Leibhaben heißt hässlich, heißt alt, heißt impotent sein. Das Hässliche ist das Unheimliche, ist der Tod. Der Leib wird auch zum Repräsentanten psychischer „Hässlichkeit“. Alles Schlechte wird auf den Leib, alles Gute auf den Körper projiziert. „Das Paar von Körper und Leib“ (Böhme) ist in gut und böse gespalten. Da der Leib der Schönheit abträglich ist, wird das Paar im Kult getrennt. Mülltrennungsgemäß wird der Leib mit Fettabsaugegeräten entsorgt. „Schön­heits­arbeit“ (Menninghaus) wird zur Ekelvermei­dungs­strategie“ (Böhme).


Durch die Ausgrenzung des Leibes wird der Kult zum Produzent des Hässlichen. Je mehr entleibte Schönheits­ideale er präsentiert, desto mehr Hässlichkeit produziert er. Im Vergleich mit geschönten Models entsteht „Häss­lichkeit“. Aber nicht nur das Präsentieren, sondern auch das ständige Verändern der Ideale, wie im Kult der Fall, produziert Hässlichkeit. Das heute Schöne kann morgen hässlich, nämlich „alt“ aussehen, auch wenn nur „alte Hüte“ als der „neuste Schrei“ zum Verkauf stehen. Das Bedürfnis nach immer neuen, moderneren Körper ist geweckt. Beim Rezipienten stellt sich ein Inkonsistenzgefühl bezüglich der Gültigkeit von Idealen ein, das ent­weder in verwahrlosender Resignation, in trotzigem Aufbegehren gegen Schönheit endet oder zu zerstreutem Konsumieren immer neuer Körperideale zwingt. 


Eine Entsorgung des Leibes kommt jedoch dem Schlachten der Kuh gleich, die die Milch gibt. Der Kult ist auf das Hässliche angewiesen, er lebt von der Dialektik von Hässlichkeit und Schönheit. „Hässlich“ meint alle Ab­weichungen von der herrschenden ästhetischen Norm. „Hässlich“ ist, was die Models nicht zeigen. Die ästhe­tische Theorie hat das Schöne regelmäßig an die notwendige Ergänzung durch etwas Nicht-Schönes gebunden (Menninghaus). Darum hat der Kult immer eine Kehrseite. An der Position der ausgesprochenen »beauties« kehrt das ganze Register der von Schönheit begünstigten Untugenden wieder: Kälte, Hochmut, Snobismus, Eitelkeit und materialistische Einstellung (Menninghaus). Die Kategorien schön/hässlich konstellieren sich im Vergleich. Referenzpunkt für die Schönheit ist die Hässlichkeit. Deshalb spielt das Vergleichen im Kult eine zentrale Rolle und deshalb gelten Photos im „Vorher-Nachher“-Vergleichsverfahren (z.B. nach Schönheits-OPs) als „Beweisphotos“. Nur im Vergleich wird das Schöne und das Hässliche erkennbar. Ab- und Ausgrenzung über den fremdreferenziellen Körpervergleich gehören zum Wesen des Kultes.


 


III. Die Krankheiten des Schönheitskultes


Der Körper ist im Kult Objekt. Zu ihm gibt es eine ebensolche Vielfalt an Beziehungsfiguren wie zu Menschen, normale und pathologische. Eine eindeutige Zuordnung der Körperbeziehung als pathologisch wäre fahrlässig. Gleichwohl zeigt der Kult Merkmale, die eine Pathologie begünstigen können. Erkrankten die Menschen zu Freuds Zeiten an neurotisierender Körper- und Triebfeindlichkeit, so bietet sich heute ein verändertes Bild. Körper- und Triebfreundlichkeit werden als sportlicher oder sexueller Leistungszwang missverstanden. Das kann zu neuen Krankheiten führen: zu Störungen des Körpererlebens durch Übererregung und Überflutung des Körpers mit narzisstischer Libido, zu erhöhter Erogenität des gesamten Körperbildes oder dessen Gegenteil, einem Zuwenig an narzisstischer Körperbesetzung. Wahrscheinliche Folge kann ein dissoziiertes Körper­geschehen sein.


Die Frage ist: macht eine Prämorbidität, die über die neotonisch verursachte hinausgeht, besonders anfällig für den Kult, oder ist der Kult selbst krankmachend. Die Frage der Prämorbidität lässt sich nur je individuelle be­antworten, z.B. durch eine Psychoanalyse. Die Frage nach einer möglichen Krankheitsverursachung durch den Kult lässt sich leichter beantworten:


● Die veränderte Produktionsweise der Bilder verändert die Rezeptionsweise der Bilder. Die Schablonen lassen die Vorstellungskraft verkümmern. Sie sind angelegt, das Denken des Betrachters zu verbieten, will er nicht die vorbeihuschenden Fakten versäumen (Adorno & Horkheimer). Viele empfinden die unter „medialem Beschuss“ (Türcke) massenhaft und massiv hereinströmenden bedeutungsleeren Reize als unerträglichen optischen Lärm, andere als Anästhetikum oder schlicht als krankmachend.


Beim Rezipieren dürften die Schablonen einen regressiven Prozess in Gang setzen. Sie verleiten zur Projektion sowohl physischer wie psychischer Eigenschaften ins Bild. Eine Verwirrung zwischen körperlicher und psychi­scher Ebene bis hin zur Totalidentifizierung von Körper-Ich und psychischem Ich wäre Ergebnis. Da der Kult sich wegen der Prävalenz der präsentativen Ebene ohnehin in den dem Primärvorgang näher stehenden Schich­ten bewegt, befördert er das dem Niveau des Primärvorganges eigene synkrete Denken. Das Körper-Ich wird Repräsentant des psychischen Ichs, so das nur der Körper besetzt ist und es zu dem für den Kult typischen Syn­kretismus kommt: ein schöner Körper impliziert eine schöne Seele und grandiose Fähigkeiten, habituell verbun­den mit klischeehaften Vorstellungen von sozialer Kompetenz, beruflichem Erfolg und sexueller Offenheit. Neuerdings kursiert der Begriff des „kosmetischen Selbst“. Geht man davon aus, der Begriff ‚Selbst’ umfasse Körper wie Seele, beinhaltet er genau diesen Synkretismus: mit einer kosmetischen Schönung des Körpers werde auch die Psyche geschönt.


● Es ist davon auszugehen: die omnipräsenten Schablonen werden ins private Bildarchiv internalisiert, über­lagern dieses, prägen den persönlichen Geschmack und werden zum Bewertungsmuster des eigenen als auch fremder Körper. Sich z.B. von der ‚schönen Helena’ ein Bild zu machen, ist dann nur mit den gegenwärtigen Klischees möglich, übertragen auf Personen anderer, ferner Kulturen.


● Der Eingriff in die psycho-somatische Situation der Subjekte im Kult ist allerdings gravierender. Einerseits durch anhaltenden medialem Beschuss mit Schönheitsidealen konfrontiert, andererseits vom Wunsch nach Schönheit getrieben, geraten die Subjekte im Kult in die Situation kumulativer Traumatisierung. Sie bekommen den Mangel, den Schönheitsidealen nicht zu genügen, permanent vor Augen geführt und sind gezwungen, sich mit der Herabwürdigung ihres faktischen Körpers auseinandersetzten. Die ästhetisierten Models kratzen ständig mit dem Finger in dieser narzisstischen Wunde.


Die omnipräsente Gegenwart von Schönheitsmodels setzt ein permanentes Messen und Vergleichen in Gang. Die Ähnlichkeit der Körper stimuliert die vergleichende Wahrnehmung und appelliert stärker ans Auge als an den Verstand. Der Rezipient – kalibriert auf die gängigen Schönheitsideale - scannt seinen Körper ab. Das Ver­gleichen der Körperbilder führt zu einer gesteigerten Beschäftigung mit dem Körper, die mitunter hypochon­drische Züge annimmt. Zwangsläufig folgt Unzufriedenheit. Der reale Körper kann nicht vor den zum Ideal präparierten Körpern bestehen. Der eigene Körper oder auch Teile davon werden durch den Vergleich mit Models vom Rezipienten als in beklagenswertem Zustand, als hässlich und abstoßend erlebt. Maße, Gewichte, Lidschwung und Nasenform firmieren als tyrannische Richter des ei­genen Selbstbewusstseins (Böhme). Eine Studie ermittelte eine signifikante Korrelation zwischen geringer physischer Attraktivität und deutlich erhöhtem Blutdruck bei jungen Frauen. Als Grund wurden Bewertungsangst und Stressgefühle angesichts des eigenen Aus­sehens vermutet. Mangelnde physische Attraktivität gilt aus soziobiologischer Sicht als ‚poor adjust­ment’ oder ‚maladjustment’ (Menninghaus). Wer sich nicht den Idealen unterwirft, gilt als unzulänglich, gerät unter Verdacht der Eigenbrötlerei oder wird zum Fremdling. Ist der Körper wegen der Ideale zusammengeschrumpft, fühlt sich der Rezipient immer unbehaglicher und gedrückter. Wendet sich auch noch der Blick des anderen angesichts der vermeintlichen Hässlichkeit ab, erleidet der Körper einen Achtungsverlust. Es wird ihm auch noch vom next-door-people die narzisstische Zufuhr entzogen. Da den Reaktionen anderer auf das eigene Kör­perbild Mediatorfunktion bezüglich der Selbstakzeptanz zukommt, sinkt das Selbstwertgefühl weiter ab.


 


Mit anderen Worten: Der mediale Beschuss mit Ästhetik beschädigt das Körperbild. Er ist krankmachend. Das Körperbild (Körperimago oder body image) gründet sich auf Oberflächenwahrnehmungen und Empfindungen aus dem Körperinnern, aus all jenen Informationen, die der Mensch im Laufe seines Lebens selbst an seinem Körper und durch andere gewonnen hat. Das Körperbild ist ein soziales Gebilde. Zum einen wird es durch Rückmeldungen sozialer Interaktionspartner geformt (Körper als Produkt von Praxis), zum anderen bewirkt es soziale Reaktionen (der Körper als Produzent von Praxis). Das Körperbild hat formativen Wert für das Selbst­gefühl und die sozialen Beziehungen. Es liefert die Grundlage für die Gestaltung und Stabilität des Selbst, für Selbstgefühl und narzisstisches Gleichgewicht. Das Körperbild ist in den einzelnen Lebensabschnitten Verän­derungen unterworfen. Auch körperliche Erkrankungen können das Selbstgefühl beeinträchtigen und das seelische Gleichgewicht stören. Körperliche Integrität und narzisstische Stabilität sind zwei Seiten eines Erlebniszusammenhangs. Eine bejahende, freundliche Einstellung zum eigenen Körper verändert das Aussehen, die Ausstrahlung positiv. Beeinträchtigung des Körpergefühls hingegen zieht eine narzisstische Kränkung, eine Verletzung des Selbstgefühls nach sich. Bei einem gestörten Körperbild kann es kein verlässlich besetztes Selbstgefühl geben (Grunert).


Der als hässlich erlebte Körperteil wird schließlich als stigmatisierendes Mahnmal empfunden. Der Gebrauchs­wert des Körperteils dürfte durch den Vergleich zwar nicht in Frage gestellt sein - auch mit nicht blendend weißen Zähnen kann man beißen - aber der Erlebniswert ändert sich. Allerdings dürfte sich die Beschädigung des Erlebniswertes langfristig ungünstig auf den Gebrauchswert auswirken, da die stigmatisierenden Körperteile zu „bösen Objekten“ werden, die verfolgen, denn es bildet sich die Phantasie, alle würden nur auf diesen Kör­perteil starren. So kann eine zu große Nase „karrierefeindlich“ sein. Bei Dorian Gray wurde das alternde, hässliche Portrait zum Todfeind. Schließlich kann sich die paranoide Befürchtung auf das gesamte soziale Umfeld ausdehnen. Diese Prozesse konstellieren das paranoide Klima im Kult. Auslösende Faktoren der Paranoia sind Demütigungen und sozialen Zurücksetzungen. Sie gehen von den Models aus.


Muss sich der Rezipient von einem verhässlichten Körperteil distanzieren, heißt das nicht, dem Körperteil sei die narzisstische Besetzung entzogen. Es wird vermutlich zum Abjekt (Kristeva) bzw. zu Fäzes gemacht und erfährt eine Gegenbesetzung. Beispiel: Zu Beginn der analen Phase sind die Fäzes vom Kind stark besetzt, sie sind ein wertvolles Stück von ihm. Die Sphinktererziehung bringt das Kind jedoch dazu, diese Besetzung allmählich abzuziehen und die zuvor als wertvoll erlebten Fäzes zu verachten. Im Ekel vor ihnen steckt die Gegen­besetzung. Die zunächst positive Bedeutung ist ins Negativ gekehrt; die Bedeutung selbst bleibt erhalten.


Die Gegenbesetzung hat zur Folge, dass langfristig gesehen auch der Gebrauchswert des verhässlichten Körperteils beeinträchtigt werden kann bzw. dass der Körperteil im Körperbild erhalten bleibt. Manchen Patienten der Schönheitschirurgie wird diese Gegenbesetzung schmerzhaft bewusst, wenn die Operation misslingt. Sie wünschen sich dann ihren hässlichen Körperteil zurück. Der Gegenbesetzung wegen entsteht durch das Hässlichmachen keine Lücke im Körperbild, es bleibt kein perforiertes, sondern ein beschädigtes Körperbild zurück. (Stoßen zwei Autos zusammen, entsteht kein Materialverlust, sondern Materialbeschädigung. Der Kotflügel ist nicht weg, auch wenn er abgerissen ist. Er ist verbeult). Sowohl die obsessive Beschäftigung mit dem verhässlichten Körperteil als auch die paranoide Phantasie, alle starren auf ihn, beweist seine Existenz. 


Die Verhässlichung von Körperteilen bzw. die Ästhetisierung des Körpers könnte man als „Sphinktermoral“ des Kultes bezeichnen: Ein Körperteil wird als unrein, als eklig definiert und das Ich zur Gegenbesetzung gezwun­gen. Menninghaus geht davon aus, alle Handlungen, die (vermeintlich) dem Ziel der Ver-Körperung des ge­wünschten Bildes dienten, könnten obsessiv werden und eine volle Parallele zu zwanghaften Reinlichkeitsriten ausbilden. In „Feuchtgebiete“ von Ch. Roche wird das dezidiert beschrieben. Die Protagonistin, die sich als Opfer mütterlicher Hygienerituale versteht, rebelliert gegen den Ekel im Sinne einer ‚Gegenbesetzung auf die mütterliche Gegenbesetzung’. Diese „Sphinktermoral“ diktiert allerdings nicht das Überich, sondern das Ichideal. Die Moral richtet sich nicht gegen den Triebanteil, sondern drängt auf Reinheit als autonomes und absolutes narzisstisches Ideal (Grunberger), also auf eine leiblose Reinheit.


Den beschädigten Körperteil oder das beschädigte Körperbild kann man auch als „kastriert“ verstehen. Jede Ich-Bereicherung, die zur Steigerung des Wertgefühles beiträgt, nimmt im Unbewussten phallischen Charakter an, während das Fehlen von Bestätigung oder eine Abwertung als Kastration erlebt wird (Grunberger). Wir haben es dann mit einem verstümmelten Phallus zu tun. Im Unbewussten gibt es für das phallische Bild nur zwei Mög­lichkeiten: den vollständigen, vollkommenen Phallus oder den eines gewaltsam, aggressiv oder sadistisch ent­stellten, verstümmelten, abgenutzten Phallus. Es handelt sich nicht um Vorhandensein und Nichtvorhandensein, sondern um zwei Arten des Vorhandenseins.


Mit „Phallus“ ist der Repräsentant, das Symbol der narzisstischen Integrität oder Kompetenz gemeint. Das Symbol gilt folglich für beide Geschlechter, weshalb es gerechtfertigt ist, bei Verstümmelung des Phallus (der narzisstischen Integrität) bei beiden Geschlechtern von Kastration zu sprechen. Mit ‚Penis’ und ‚Vagina’ wäre hingegen der Triebfaktor gemeint.


Der Ursprung des Körperbildes ist die Kindimago der Eltern. Zunächst nur anatomisch mit einer Kör­per -Leib-Einheit ausgestattet, lebt der Säugling am Anfang in einem von der Mutter lange vor seiner Zeugung er­stellten virtuellen Körperentwurf, ihrer Kindimago. Er wird in einen solchen Körperentwurf hineingeboren. Die Kind­imago wird aus dem Archiv an bewussten wie unbewussten Phantasien, Vorstellungen und Wünschen der Mutter über ihr Kind gebildet, welchen Geschlechts es sein, wie es aussehen soll etc. Die Kindimago ist die Vorge­schichte des Kindes in den Eltern, sozusagen die Übertragung der Eltern auf ihr Kind. Die Kindimago beein­flusst maßgeblich die Entwicklung des Kindes.


Seine eigene, persönliche Körper-Leib-Einheit muss der Säugling sich erst herstellen, aneignen und libidinös besetzen. Entscheidend ist: das Kind darf sich dabei von den elterlichen Vorgaben befreien. Lässt die Mutter dies nicht zu, hat sie zu konkrete Vorstellungen, wie ihr Kind aussehen soll und will diese durchsetzen, kann es zu Störungen kommen.


In der Kindimago sind immer auch die symbolischen Dispositive des kulturellen und historischen Kontextes, der „transpersonale Andere“ (Leiser) verdichtet. Die Kindimago dürfte von den je aktuellen Schönheitsidealen und den an sie gekoppelten Hygienevorstellungen geprägt sein. Die Frage ist, wie tief die Kindimago der Eltern von medial vorgegebenen Bildern geprägt ist, ob die Bilder z.B. der Werbung die Praxis der Mutter dominieren, wie sie ihren Umgang mit dem Körper des Kindes beim Stillen, Waschen, Einseifen, Liebkosen, wie sie ihre Redensarten, die Zimmereinrichtung, das Spielzeug bestimmen. Schönheits– und Hygieneideale können die Bildung der persönlichen Körper-Leib-Einheit schon auf dem Wickeltisch beeinträchtigen. Die Protagonistin in „Feuchtgebiete“ beschreibt das sehr eindrücklich. Die Beschädigung des Körperbildes durch Models könnte also bereits ab ovo erfolgen.


 


Die Regression des Ichideals und die Kluft zwischen Ich und Ichideal.


Die Beziehung des Ichs zum Ichideal und die Kluft zwischen beiden Instanzen gewinnen über die Beschädigung des Körperbildes an Bedeutung. Die Empfindlichkeit des Subjektes gegenüber Veränderungen seines narziss­tischen Gleichgewichts steigert sich mit der Abnahme der Besetzung seines Ich. Über den Grad der Anfälligkeit für pathologische Reaktionen bei der Suche nach Schönheit entscheidet die je individuelle Tiefe der narziss­tischen Wunde, die den Toleranzrahmen für narzisstische Krisen absteckt. Je mehr dem Ich die narzisstische Besetzung für seinen Körper entzogen wird, umso schwächer wird es und um so mehr gewinnt das Ichideal an Stärke und erhöht seine narzisstischen Forderungen. Die Entwertung des Ichs schreitet in dem Maß fort, in dem das Ichideal an Macht gewinnt.


Fühlt sich der Rezipient angesichts der schönen Models hässlich, regrediert sein Ichideal in den megalomanen Zustand. Die Kluft zwischen idealem Bild und realem Körper vergrößert sich. Die Unzufriedenheit wächst und damit die Ansprüche des Ichideals an den Körper. Das Ich beginnt sich vor seinem Ideal zu schämen. Alter, Dickleibigkeit, Unsportlichkeit, nicht schönheitskonforme Behaarung u. dergl., d.h. der Leibanteil am Körper, evozieren deshalb gegenwärtig mehr Scham als Nacktheit. Der leibfreie Körper in seiner narzisstischen Reinheit lässt sich schamlos entblößen.


Der Kult organisiert mit seinem regressiven Sog Erwachsene als „Kinder“, als das Ich noch sein eigenes Ideal war und fixiert sie an den dem infantilen Ichideal eigenen Mechanismus der Imitation oder der „magischen Identifizierung (A. Reich) mit den Models. Dazu bedarf es eines objektiven Organisators, einer ‚Idee’, die die weltanschauliche Ausrichtung besorgt (Lorenzer). Beim Kult ist es die kollektive visualisierte „Idee“ eines Schönheitsideals mit seinen Verheißungen. Diese ‚Idee’ setzt über die Schnittstelle Ichideal am infantilen Bedürfnis nach Allmacht und Vollkommenheit an, dem subjektiven Organisator. Der Anfälligkeit des Ichs für die Verheißungen der Schönheit bedient sich die Schönheits- und Wellness-Industrie mit ihren verführerischen kommerziellen Präsentationen. Die moderne Medizintechnologie der Schönheitschirurgie unterstützt das Ich bei der Befriedigung  dieses frühen Ideals.


Der Entzug narzisstischer Besetzung für den faktischen Körper und die damit verbundene Beschädigung des Körperbildes durch die Konfrontation mit Schönheitsidealen scheint gravierend. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl dürften bei der Konfrontation mit Models selektiv und überdimensioniert ihre negativen Seiten betrachten und dadurch ein noch negativeres Bild von sich bekommen. Die Wirkung der Schönheitsideale schlägt sich in neuen, sich epidemisch verbreitenden Krankheitsbildern nieder, die die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, die Not mit den Idealen, zum Ausdruck bringen. Aufwändig präparierte Model-Körper aus aller Welt haben die Standards verdorben. Das unglückliche Bewusstsein, nicht genauso auszusehen, wie es die herr­schenden Körperideale wollen, scheint neue Leidensqualitäten von geradezu „metaphysischer Dimension“ ange­nommen zu haben (Menninghaus). So ist seit einiger Zeit die Rede von einem um sich greifenden „Adonis-Komplex“, das übertriebene Leiden eines eigentlich ganz passabel aussehenden Mannes am eigenen Erschei­nungsbild. Allerdings ist dieses neue Leiden eines, das Männer immer schon beschäftigte: Kastrationsangst und deren narzisstische Seite, genitale Minderwertigkeitsängste. Die attraktiven weiblichen Models wecken sexuelle Wünsche und damit stellt sich die Frage der Potenz. Der (ödipale) Vergleich mit männlichen Models löst geni­tale Minderwertigkeitsgefühle aus. Die im Vergleich gesehene Abweichung am eigenen Körper wird als symbo­lische Kastration erlebt, die in reale Potenzangst  umgesetzt wird. Schönheit scheint für Männer ein Synonym für Potenz, Hässlichkeit für Impotenz und Kastration zu sein.


Den Adonis-Komplex kann man ebenso wie die drei folgenden Krankheitsbilder als Angsterkrankung bezeich­nen, als Erkrankung an der Angst vor dem Leib.


● Krankheitswertig ist die im DSM-IV unter somatoformer Störung, im ICD 10 als Unterform der hypo­chondrischen Störung (F 45.2) geführte ‚Körperdysmorphe Störung’ (KDS) oder – treffender – die Dysmorphophobie. Merkmale sind eine fehlerhafte Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Erscheinung, übermäßige Beschäftigung mit eingebildeten oder leichten Mängeln der äußeren Erscheinung, die sich zum körperbezogenen Wahn steigern kann. Die Beschäftigung führt zu ständigem zwanghaftem Kontrollieren des Aussehens vor dem Spiegel, Betasten und aufwendigen Hygienemaßnahmen. Sie verursacht in klinisch bedeut­samer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktions­bereichen. Da die Störung vorrangig Gesicht, Brust und Genitalien betrifft, wird Scham zum Leitaffekt, so dass auch von Schamkrankheit gesprochen werden kann. Aus Angst vor visueller Exposition kann die Scham zur Soziophobie (Vermeidung von Kontakt, von Öffentlichkeit) führen. Scham entsteht aus der Spannung zwischen Ichideal und Ich. Sie tritt auf, wenn ein vom Ichideal gefordertes Ziel nicht erreicht wird. Das Ich empfindet das als Niederlage oder Demütigung. Pathogen sind seelische Belastungssituationen und Konflikte. Die KDS wird als somatoforme Abwehr in kritischen Lebenssituationen gesehen. Stellvertretend für eine „innere“ Problematik erfolgt eine Fixierung auf vermeintliche oder minimale Defekte in der äußeren Erscheinung. Das psychische Ich wird auf das Körperich projiziert, was zu regressiver Verwirrung beider Ich-Aspekte führt. Der Körper ist für die Patienten der eigentliche Repräsentant ihres Seins. Das macht sie so intolerant gegen geringste physische Un­vollkommenheit.


● Dem KDS verwandt ist das „Dorian-Gray-Syndrom“ (DGS). Es beinhaltet Symptome der körperdysmorphen Störung und der narzisstischen Persönlich­keitsstörung mit Übergängen zur Perversion im Sinne einer Fetischi­sierung des jugendlichen Körpers. Merkmale sind die stereotype Fixierung auf die eigene äußere Erscheinung, exzessive Beschäftigung mit dem Aussehen sowie daraus resultierende Zwangshandlungen (mirror-checking“, aufwendige Pflegemaßnahmen).


Das DGS ist ein Abwehrsyndrom. Grund ist die Überzeugung, nicht jugendlich-schön genug zu sein. Die eigene körperliche Attraktivität steht im Vordergrund der Betrachtung des Selbst. Äußere Anzeichen des Älterwerdens erzeugen Leidensdruck. Sie können zu Scham und sozialem Rückzug führen. Die Vorstellung vom Altern kann wahnhafte Züge annehmen. Aspekte von Hypochondrie und Depression finden Eingang in die Symptomatologie. Dem DGS liegt psychodynamisch das im psychologischen Sinn „Nicht-reifer-werden-wollen“ zugrunde, und zwar als Ausdruck der Angst vor der Vergänglichkeit, vor dem Verlust des narzisstisch geliebten Selbst. Der Tod wird durch den Gedanken, sich selbst zu verlieren, unerträglich. Dies ist Ausdruck der latenten Depression. Die ganze Sorge konzentriert sich darauf, den Prozess des Älterwerdens aufzuhalten, wobei die körperliche Reifung stellvertretend für den inneren Reifungsprozess abgelehnt wird. Der Selbstwert wird allein über die zeitlose körperliche Attraktivität definiert. Die Arbeit am Ich besteht lediglich darin, die Attraktivität zu erhalten.


 


KDS Und DGS gelten als „ethnische Störung“ (Euler et.al.) der Spätmoderne. Beide spiegeln das Phänomen: im Kult steht die körperliche Attraktivität im Vordergrund der Betrachtung und Schönheit wird in der Spätmoderne mit Jugendlichkeit gleichgesetzt. Sie sind die unmittelbare klinische Folge der beschädigenden Wirkung der Schönheitsideale. DGS und KDS sind die zwei Seiten des selben Syndroms, denn was beim DGS vom Patienten verleugnet und abgespalten wird, wird im KDS agiert. Man könnte sagen, der am DGS Erkrankte sei Dorian, der am KDS Erkrankte sei Dorians Portrait.


● Auch Essstörungen, betrachtet unter dem Aspekt der Körpermodifikation, gehören zu den Erkrankungen des Kultes. Bei ihnen zeigt sich deutlich die Beschädigung des Körperbildes. Die Körpermanipulationsversuche der Patienten durch Hungern und Erbrechen sind Äquivalente der Schönheits-OPs. Auch Essgestörte sind zwanghaft mit dem Körper und dem mirror-checking beschäftigt und leiden an einer mirror-Phobie.


Die Spätfolgen der hier skizzierten Syndrome können schwere Depressionen oder Zwangserkrankungen sein.


 


 


IV.  Die Schönheitsarbeit


In der Konfrontation mit Schönheitsidealen wird der eigene Körper als fremdes, bedrohliches oder verhasstes Objekt erlebt, da er nicht in den kollektiv verbindlichen Schönheitskatalog passt. Die Angst vor visueller Expo­sition des Hässlichen, vor Entdecktwerden machen Scham und Angst zu Leitaffekten im Kult. Die Affekte ver­leihen ihm seine charakteristische paranoid-schizoide Atmosphäre. Die Illusion im Kult lautet: der Körper ist grenzenlos ästhetisierbar und ewig jung; ein geschönter, entleibter Körper verändert das Selbst und die Welt. Der Kult wiegt die Menschen in der Illusion eines möglichen Zugangs zum absoluten Glück, da Schönheit ein „multifunktionaler Vorteilsgewinnungsgenerator“ (Menninghaus) ist. Die Illusion geht konform mit der des Internets, dessen euphemistische Vision den subjektiven Faktor, den Leib, die Triebwünsche, die Trägheit der Psyche und den Wiederholungszwang vernachlässigen möchte und eine flexible „Momentpersönlichkeit“ (Mitscherlich) unterstellt. Die Idee wird zum Programm: der Körper soll nicht länger Schicksal bleiben, sondern nach den jeweils herrschenden Idealen und Vorstellungen modifizierbar werden.


● Absicht der Schönheitsarbeit ist, Kontrolle über den eigenen Körper und über den Eindruck, den der Körper beim anderen hinterlassen soll, zu bekommen.


● Absicht ist ferner, sich über eine Ästhetisierung des Körpers zu unterscheiden und sich von den Hässlichen abzugrenzen. Der reziproken Abhängigkeit von künstlicher Schönheit und Hässlichkeit wegen benötigen sich beide als Referenz, um sich erkennbar zu machen. Darum gehören Vergleich und Differenz, das „Vorher-Nach­her“ zu den Essentials des Schönheitskultes. Allerdings erfolgt diese Abgrenzung um den Preis der Unifor­mierung, denn Merkmal der Schönheit ist Merkmallosigkeit. Die Operierten erliegen einer  paradoxen Koinzi­denz von Authentizitätserwartung und Vermassung, wie sie in der Modebrache als „mass customizing“ prakti­ziert wird, einer Strategie, serielle Massenproduktion und individuelle Maßanfertigung zusammenzuspannen. Der Kunde kauft Massenware, hat aber das Gefühl, etwas Besonderes gekauft zu haben, da z.B. sein Vorname auf einem massenhaft angefertigten Sportschuh steht. Der Trugschluss ist zu glauben, in der Masse seine Indivi­dualität bewahren zu können.


● Vordergründig geht es bei Schönheits-OPs um die Ästhetisierung des Körpers. Genau genommen sollen sie das im Schönheitskult beschädigte Körperbild reparieren. Der als  hässlich empfundene Körperteil muss mittels eines operativen Eingriffs an das herrschende Ideal angeglichen werden, damit er sich ins Körperbild integrieren lässt. Schönheitschirurgie soll den Anschluss an die Normalität ermöglichen und damit ein Leiden lindern, das über das erträgliche Maß hinausgeht. Es ginge z.B. Frauen nicht darum, schön, sondern normal zu sein (Borkenhagen). Das Leiden heißt: Angst vor Isolation. Schönheit dient der Angstbewältigung, der Operations­saal wird zum Ort der Reintegration, Schönheits-OP zur Resozialisierungsmaßnahme.


Schönheitsarbeit dient jedoch der Abwehr einer tieferen Angst. Orientiert man sich am aktuell codierten Körper­bild: ‚Jung, fit, schön’, dann ist die Angst vor dem Alter(n), vor der „lebenslänglichen Haft in einem konti­nuierlich verrottenden Körper“ (Benthien), das Hauptproblem des aktuellen Schönheitskultes. Schönheitswahn heißt Jugendlichkeitswahn heißt Altersvermeidungswahn. Schönheit soll magisches Mittel gegen das Altern sein. Das Hässliche ist das Unheimliche, ist der Tod. Schöne Menschen sind nicht nur erfolgreich, so die Beschwö­rungsformel, sondern gegen das Altern immun. Das Alter(n) ist der böse Geist, der den Kultanhängern im Nacken sitzt. Da Scham und Angst  zum Register des Hässlichen gehören, wird es zwangsläufig zur zentralen Aufgabe der Schönheitsarbeit, diese Affekte zu bekämpfen. Man könnte sagen, die Anhänger des Kultes seien unablässig damit beschäftigt, die Phänomene, die der Kult erzeugt, zu beseitigen, die Schäden, die er anrichtet, zu reparieren.


Die Angst vorm Alter(n) zeigt: die Körpermanipulation der Schönheitschirurgie darf nicht mit den Körper­markierungen anderer Ethnien verwechselt werden. Dient dort der Körper als Medium der Lebensgeschichte unter Verwendung eines gesellschaftsspezifisch decodierbaren Zeichensatzes zur Formung der Identität und zur Abgrenzung gegenüber anderen, so dienen die Körpermodifikationen im Schönheitskult einzig der Maximierung von Attraktivität. Während dort die Schatten der Lebensgeschichten auf die Körper fallen, sollen im Schönheitskult die Körper von herrschenden Schönheitsschablonen beschattet werden, damit lebensgeschichtliche Spuren gerade nicht sichtbar werden. Nur Kulturen, in denen Körpermarkierungen zur Abwehr böser Geister vorgenommen werden, treffen sich mit den Strategien des Kultes. Aber die Geister haben jeweils andere Namen.


 


Das Imitieren oder die „magische Identifizierung“.


Wunsch ist, schnell die unlustvolle Scham und Angst loszuwewrden, die gesellschaftliche Isolation aufzuheben und die Kluft zwischen Ich und Ichideal zu schließen. Die Sehnsucht nach Illusionen wählt das Mittel, das die rascheste Vereinigung von Ich und Ideal verspricht. Das sind die Imitation und die sie ermöglichende Schönheits-OP.


Sowohl die Imitation wie auch die Suche nach Idealen haben zunächst keinen pathologischen Charakter. Imitation ist ein wichtiger Prozess in der Ich-Entwicklung. Bereits der Säugling imitiert die Gesichtsmimik der Mutter. Bei der Imitation spielt das Spiegelneuronensystern eine grundlegende (wenn auch nicht  die einzige) Rolle, indem es die beobachtete Handlung motorisch kodiert und so die Wiederholung ermöglicht. Imitation bedarf der ideomotorischen Kompatibiliät: Je mehr ein wahrgenommener Akt einem im motorischen Wort­schatz des Beobachters vorhandenen Akt ähnelt, desto eher wird er dessen Ausführung veranlassen. Der Beob­achter muss die Bewegung, die der Vorführende macht, verstehen. Das setzt ein gemeinsames Repräsen­tationsschema voraus, das ihm eine direkte Transformation der visuellen Information in einen motorischen Akt, die Wiederholung einer Geste z.B., erlaubt.


Pathologisch wird die Imitation (mit Ausnahme bei Komikern), wenn sie nicht im Laufe der weiteren Entwicklung von Identifizierungen abgelöst wird. In diesem Fall wird sie zum Täuschungsmechanismus, zur „magischen Identifizierung“ (A. Reich). Beispiel: Hält das Kind die Zeitung wie der Vater, imitiert es ihn. Lernt das Kind lesen und liest dann wie der Vater die Zeitung, identifiziert es sich mit ihm. Sich identifizieren heißt, sich bewunderte Fähigkeiten eines anderen Schritt für Schritt anzueignen. Dem Imitierenden geht es darum, der bewunderte Elternteil zu sein, dem sich Identifizierenden darum, so zu werden wie er. Das Beispiel benennt eine wichtige Differenz beider Prozesse: Imitation ist an den Körpervergleich gebunden (die Geste des Haltens der Zeitung) und zeigt sofortigen Erfolg. Lesen als Fähigkeit kann nicht imitiert, es muss erlernt werden und erfor­dert Erfolg aufzuschieben und Gesetze zu akzeptieren: das genetische Prinzip, den Entwicklungsplan, die Bio­logie, die Anatomie und die Zeit. Imitation ist dem Primärvorgang, Identifikation dem Sekundärvorgang zuzuordnen.


Ein in der Regression megaloman gewordenes Ichideal drängt das Ich zur magischen Identifizierung, zum ‚Ab­pausen’ des Objektes. Es will sich dessen begehrten Eigenschaften einverleiben und sich damit aufzublähen. Die Bild-Imitation ist der entscheidende Mechanismus bei der Übernahme von Körpereigenschaften der Models. Die Gesetze der Biologie, der Anatomie und der Zeit gelten im Schönheitskult nicht. Der Kult verfällt dem ‚Ikarus-Syndrom’ (Ikarus stürzte ab, weil er die thermischen Gesetze nicht berücksichtigte). Die Imitation verleiht dem Versprechen des Kultes sein charakteristisches pathologisches Profil: die Ersparnis (z.B. von Trauerarbeit über die Vergänglichkeit). Imitation bedeutet Vermeidung des Lebensvollzugs. Dies fördert die Fixierung an den Täuschungsmechanismus, entspricht aber durchaus dem Traum, den sich die Menschen auch mit dem Internet zu erfüllen versuchen: augenblicklich dort zu sein, wohin die Vorstellung trägt - in einer virtuellen Welt ohne räumliche Beschränkung und einem auf Ewigkeit gestellten Jetzt.


 


Die Imitation erfüllt im Schönheitskult verschiedene Aufgaben:


● Das Ich kann mit der Imitation schnell den Anforderungen des Ichideals entsprechen. Durch die körperliche Imitation des Bildkörpers können Not und Unzufriedenheit wegen der Schönheitsideale gleich behoben,  die Kluft zwischen Ich und Ichideal geschlossen werden.


● Durch Imitation ewig junger Models wird sie zum magischen Mittel gegen das Älterwerden.


● Mühsame, zeitraubende Identifizierungen bleiben erspart. Durch die magische Identifizierung winkt ‚Ruhm in Sekunden’.


● die Imitation ermöglicht die Anpassung und Einkanalisierung ins Kollektiv.


 


Summa summarum: Die Imitation übernimmt im Schönheitskult die Funktion sowohl eines Abwehrmechanismus als auch die eines Selbstheilungsversuches.


 


Die Schönheitsoperation


Der mediale Beschuss mit Schönheit muss irgendwie verarbeitet werden. Ihre gesellschaftliche Bedeutung macht die Sorge um das eigene Aussehen zur Last. Ignoranz diesbezüglich kann man sich nicht leisten. Schönheits­arbeit ist die zwingende Folge des „Systemdrucks“ (Lorenzer), der vom Kult ausgeht. Manche versuchen eine libidinöse Besetzung der visuellen Invasion, um das Trauma ertragen zu können. Sie saugen die Models begie­rig in sich auf. Es kann sich so eine Traumatophilie bilden, eine libidinöse Besetzung des Beschusses mit Models. Andere entledigen sich des Drucks durch operativ unterstützte Nachahmung der Models, die bisweilen  außer Kontrolle zu geraten scheint. Sie können sich wegen der narzisstischen und damit emotionalen Belastung kaum enthalten, die sich immer wieder wandelnden Ideale zu imitieren, als wäre die Kontrolle über das Spiegel­neuronensystem gestört, wie bei  Patienten mit einer Läsion des Frontallappens, die das Ausschalten des Brems­mechanismus zur Folge hat, der die Transformation von kodierten potentiellen Handlungen in nachahmende Akte blockiert. Es kommt fast zu einer Art  Echopraxie, die zwanghafte Tendenz, die Gesten anderer auf der Stelle, quasi reflexartig, nachzuahmen (Rizzolatti/Sinigaglia).  Wie die Hysterektomie-Debatte der 8oiger Jahre gezeigt hat, muss ein Körperteil als „useless“, als krank oder eben hässlich definiert werden, damit eine operative Maßnahme indiziert und damit legitimiert erscheint. Damit ist die „Paritätsbedingung“ erfüllt, d.h. Sender und Empfänger, hier: Schönheitschirurg und sein ‚Patient’, sind durch das gemeinsame Verständnis dessen, was zählt, verbunden. Mehrere Hunderttausende drängen in die Operationssäle und beauftragen den Schönheits­chirurgen, im Namen der Sphinktermoral des Ichideals mit dem Skalpell gegen das unduldbare Hindernis Leib vorzugehen, das Reinheitsgebot durchzusetzen und schnell den unlustvollen Zustand mit dem Leib zu beenden. Die Schönheits-OPs als Invasion in die Gesundheit, als „Terror“ gegen den Leib, zeigen: die Beziehung Ich – Ichideal im Schönheitskult ist enthemmt und feindselig.


 


Es geht indes bei den Schönheitsoperationen nicht nur um die Imitation der Models. Sich einer Schönheitsoperation unterziehen ist ein Opferritual. Die digital geschönten Models sind fleischlos und blutleer, sozusagen unsterblich wie die Götter. Den göttlichen Körpern fehlt die Lebendigkeit. Ihnen fehlt der Leib. Die Patienten der Schönheitschirurgie opfern den leiblosen Göttern ihren Leib. Das kann die Operierten vom Neid der Makellosen und zugleich von ihrem Neid auf die Makellosen befreien. Das ist der Sinn der Rede von ‚Der Schönheit müssen Opfer gebracht werden’.


 


 


V. Das postoperative Glück


Hat die Körpermodifikation den erwünschten Erfolg gebracht, die Heilserwartungen erfüllt und den Individuen das Glück gebracht, das sie sich von den geschönten Körpern erhofft haben? Sind die Wünsche nach sozialer Konformität, Normalität, aktiver Selbstverwirklichung, sexueller Attraktivität, Selbstbestimmung, selbst­bewusster Entscheidung, Kontrolle über den Körper und den Blick der Anderen in Erfüllung gegangen? Ist „die Befreiung von der selbstquälerischen Beschäftigung mit dem eignen Körper“ (Borkenhagen) erfolgt? Kann die postoperative Realität die Einschätzung bestätigen, Schönheits-OPs böten die Möglichkeit zur Artikulation sonst nicht realisierbarer Identitätsentwürfe? Sind Unzufriedenheit mit dem Körper, Scham, Verfolgungs- und Kastra­tionsangst beseitigt, die narzisstische Wunde geschlossen? Lassen sich also Schönheits-OPs zu jenen „Lebens­techniken“ (Freud) hinzufügen, über die der Mensch zum Glück kommt? Oder stehen diese Ziele und Hoffnun­gen nicht in Widerspruch zu den Gefahren, die aus dem Gefühl des Unechten für den Narzissmus entstehen: die Gefahr des Ertapptwerdens, die Notwendigkeit zu Ortswechseln, zu Tricks und Täuschungen? Warum gibt es so viele Menschen, die sich niemals einer Schönheits-Op unterziehen würden? Warum verzichten sie auf das Versprechen der Schönheit, warum verzichten sie auf das Glück?


Das Gefühl, mit einer Operation die Beschädigung des Körperbildes repariert und die Offensive der Gesellschaft gegen das Hässliche für sich gestoppt zu haben, kann durchaus Glück erzeugen. So jedenfalls die Auskunft Operierter. Offenbar gelingt der Schönheitschirurgie die Fusion von Ich und Ichideal. Ist die Kluft zwischen Bild und Körper geschlossen, wechseln die Operierten von der Verzweiflung der depressiven Minderwertigkeit über ins grenzenlose Glück, den Optimismus der Manie. Sie erleben eine Affektumkehr. Die Schönheits-OP wird zum Antidepressivum. Das ist nachvollziehbar, zumal manche eigenem Bekunden nach bereits jahrelang mit einem beschädigten Körperbild lebten. Manche Operationswillige befanden sich präoperativ gar im Zustand einer Depersonalisation, als hätten sie keinen eigenen Körper mehr. Eine Schönheits-OP war dann zwingend. Die Beschäf­tigung des Arztes mit dem Körper, die Operation (das Cutting) und die anschließende Bewunderung des Operationsergebnisses durch den Arzt und die Angehörigen, der vielfache „Glanz im Auge des Betrachters“ wurde dringend zur Rekon­struktion der Identität benötigt. Man will sich wieder existent fühlen können. Das Schneiden des Chirurgen hatte dieselbe Funktion wie das selbstschädigende Schneiden an der Haut, das viele Patienten mit Identitätsstörungen zur Selbstheilung der Depersonalisationsgefühle an sich vornehmen. Wie Kleider machen auch Schönheits-OPs Leute.


Freud ging davon aus, die Menschen wollten glücklich werden und bleiben und dies bedeute das Erleben starker Lustgefühle. Demzufolge beherrsche das Programm des Lustprinzips vom Anfang an die Leistung des seelischen Apparates. Das Programm sei aber nicht durchführbar, da die Absicht, der Mensch werde glücklich, im Plan der Schöpfung nicht enthalten sei. Doch könne man Bemühungen, dem Glück näher zu kommen, nicht aufgeben. Zwei Wege böten sich an: entweder den Lustgewinn voranstellen oder aber die Unlustvermeidung. Auf keinem dieser Wege könnten wir alles, was wir begehren, erreichen.


Was Glück sei präzisiert Freud: Die plötzliche Befriedigung eines hoch aufgestauten Bedürfnisses. Nur Kontrast vermittle intensiven Genuss, der Zustand nur wenig. Plötzliches und Kontrast sind aber naturgemäß nur episo­disch möglich. Jede Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation ergebe nur ein Gefühl von lauem Behagen. Es erhebt sich also die Frage, von welcher Dauer das postoperative Glück ist. Und wird es von lauem Behagen oder gar von Unbehagen abgelöst?


 


Das laue (Un-) Behagen


● Angst vor Identitätsverlust und Wunsch nach Identitätstausch, nach floating identities liegen im Schönheitskult nahe beisammen. Aber der Zwang zur Operation scheint stärker als die Angst, wie die boomende chirurgische Körperindustrie zeigt. Fusion bedeutet Aufhebung der Subjekt-Objekt-Trennung, ist rein subjektiv und narzisstisch: Model und Rezipient sind - alternierend - jeweils Teil des anderen, die Koexistenz von Subjekt und Objekt ist außer Kraft gesetzt. Dieses narzisstische Phänomen wird im Schönheitskult mit der Imitation magisch hergestellt.  Objektiv kann es nie zur Fusion mit dem Model kommen, da sich der reale Körper nicht digital bearbeiten lässt. Der operierte Körper bleibt immer eine schlechte Kopie, der Doppelgänger behält seinen Vorsprung. Die Kluft zwischen Ich und seinem Ideal reißt zwangsläufig wieder auf, wenn diese Realität ins narzisstische Erleben ein­bricht und vom Operierten anerkannt werden muss. Die Kluft bleibt eine Wunde, die nie verheilt.


Die Fusion birgt Risiken. Angst macht die Mimikrygefahr, wie die Angst der Operationswilligen und ihrer Angehörigen vor der Operation zeigt (Erkenn’ ich mich/dich dann wieder?). Fusionsbedingt droht Identitäts­verlust oder Depersonalisation, ein “psychischer Tod“ (Lebovici) - Ergebnis der Koinzidenz von Ichideal und Ich. Der Vorgang ist dem Orgasmus vergleichbar, weshalb manche nach dem Verkehr einen Spiegel benötigen. Sie müssen sich versichern, noch existent zu sein. Im psychischen Tod gehen jene Errungenschaften des Ichs, die der Verschmel­zung hinderlich sind, verloren. Das führt zu Ich-Veränderungen wie z.B. beim Hoch­stapler, dessen Ich auf eine Echo-Funktion reduziert wird. Durch die Fusion löst sich das Über-Ich auf und damit sind Selbstschutz und Realitätsprüfung beeinträchtigt. Risiken der operativen Invasion können im überichlosen Zustand verleugnet werden und die Gewaltbereitschaft gegen den eigenen Körper erhöht sich. Die Illusion, der Körper bliebe trotz des operativen Maltraitierens unversehrt, beseitigt alle diesbezüglichen Zweifel. In welchem Ausmaß jedoch verkrüppelt z.B. ein mit Botox runzelgekilltes, wie plastiniert aussehendes Gesicht sein kann, wird erkennbar, vergegenwärtigt man sich die Bedeutung des Gesichtes. Immerhin ist es Georg Simmel zufolge der geometrische Ort der inneren Persön­lichkeit. Die Veränderung auch nur eines Elementes des Gesichtes modifiziere sofort seinen gesamten Charakter und Ausdruck, d.h. der räumliche Zusammenhang der Elemente ist nur in engen Grenzen verschiebbar. Betrachtet man das Gesicht als jenen Körperort, der am feinsten Emotionen zum Ausdruck bringt, lässt sich ermessen, welche Folgen für die Gesamtperson und seine kommunikative Fähigkeit das Lahmlegen seiner Mimik hat. Botox-Gesichter sind face victims, erkrankt an einem psychosomatischen Symptom: ein Organ ist in seiner Funktionsfähigkeit (als Kommunikationsmedium) beeinträchtigt. Einzig wegen der scheinbaren Jugendlichkeit der faltengeglätteten Gesichter lässt sich die Verunstaltung besser kaschieren als bei den offenkundigen face victims der Schönheitschirurgie, die überdies nicht nur wegen der körperlichen Entstellung so schwer trauma­tisiert sind, sondern auch, weil die Illusion, der Körper sei unverletzbar, ihr jähes Ende gefunden hat.


 


Allerdings kann die operativ hergestellte Fusion verschiedene Ausgänge nehmen:


● Im günstigen Fall übernimmt das Ich die ersehnten Körpereigenschaften des Models und diese werden Bestand­teil des Ich. Das Ich hat ein Gefühl der Verschmelzung mit dem Objekt zu seinen Gunsten. In diesem Fall liegt eine Assimilation des Models an das Selbst vor.


● Im ungünstigen Fall wird das Ich vom Ichideal (Model) überwältigt. Das Model, das sich an die Stelle des Ichideals befindet, absorbiert das Ich und löscht es aus. Dann ist das Ich nur noch Kopie des Models. In diesem Fall erfolgte eine Akkommodation. Da mit Schablonen fusioniert wird, kann das Ergebnis der Akkommodation nur wieder eine Schablone sein. Kriterium dafür, ob die Selbstwahrnehmung in den Wahn abgleitet, ist, ob der Operierte sich wie das imitierte Model fühlt, oder ob er glaubt, das imitierte Model zu sein. Im letzteren Fall hätten wir es mit einer psychotischen Verarbeitung zu tun.


● Möglich ist auch eine „imagoische Introjektion“ (Luquet). Das Model wird „einverkörpert“, aber nicht vom Körper-(Ich) assimiliert. Das muss die Person jedoch nicht bemerken, sei es, weil der operierte Körperteil nicht schmerzt oder weil er ihrem Blick entzogen ist. Überdies wird die Person in ihrer Wahrnehmung ihr Körperbild nach der Operation noch beschönigend überarbeiten, um dem Ideal näher zu kommen. Aber die Umgebung sieht die imagoische Introjektion, z.B. wenn schlecht operierte Brüste bei einer barbusig am Strand laufenden Frau unnatürlich hüpfen, etwa wie bei einem Stoßdämpferdefekt das Rad.


● Das Bild vom eigenen Körper wird mittels Schönheitschirurgie nur bedingt kontrollierbar. Das liegt an der begrenzten, sehr von der Stimmung abhängigen Wandelbarkeit des Körperbildes und seiner nur relativ lockeren Beziehung zum faktischen Körper. So war es transsexuellen Patienten mit abgeschlossener Behandlung signifikant besser als unbehandelten Patienten möglich, Charakteristika, die typischerweise mit ihrem Ausgangsgeschlecht assoziiert werden, bei sich gelten zu lassen. Hatte ein transsexueller Mann seinen Wunsch realisiert, als Frau zu leben, entfaltet und akzeptiert er bei sich mehr männliche Züge, als ihm dies zuvor möglich war. Eine transsexuelle Frau integriert als Mann weibliche Züge besser in ihr Selbstbild. Der Frau gewordene Mann sagt, ich bin auch jetzt noch anders als eine Frau, der Mann gewordene Frau sagt: ich bin doch anders als ein Mann. Beide identifizieren sich jeweils mit dem Abwesenden (Pfäfflin). Oder man denke an die verzweifelte Stimmung der Anorektikerin vor dem Spiegel. Trotz faktischer Dürre will sich kein mageres Spiegelbild einstellen. Sie bleibt wider aller Realität an ihr inneres Körperbild fixiert und sieht nur eine fette Gans. Anzunehmen, Körperveränderungen ließen sich unproblematisch ins Körperbild integrieren, ist deshalb naiv. Schon das Phänomen des Phantomschmerzes widerlegt eine solche Annahme. Er ist Beispiel für das Erinne­rungspotential des Körpers. D.h., wird der faktische Körper verändert, müssen sich Körperbild und Unzu­friedenheit keineswegs verändern. Postoperativ bleibt das alte Selbstbild, die Erinnerung an den verlorenen Kör­perteil, an die alte Identität bei Gesichtsveränderungen erhalten und besetzt, auch wenn diese Erinnerung ver­leugnet sein kann, was in der rauschhaften postoperativen Manie naheliegt. Vermutlich ist es der Ich-Syntonität, dem subjektiv realitätsgerechten Handeln, dem Gefühl vermeintlicher Körperkontrolle der Operationswilligen zu schulden, wenn die Patienten postoperativ größere Körperzufriedenheit empfinden. Restunzufriedenheit wird mit dem Mechanismus der Dissonanzenverringerung erledigt, wie Befragungen nahelegen. Oft wird nur nachgeplappert, was der Schönheitschirurg im Eigenlob seines Werkes vorgesprochen hat.


Realiter bleibt der alte Körper nach wie vor Bestandteil psychischer Realität. Das lässt vermuten: die psychische Besetzung lässt sich nicht mit dem Skalpell wegoperieren, Schönheits-OPs erbringen nur Ergebnisse an der Körperoberfläche, erreichen keine psychische Dimension, nehmen keinen nennenswerten Einfluss auf Körperbild und Identität. So ließe sich verstehen, weshalb Schönheitsoperierte sich nach der Operation, wenn Kontrast und Plötzlichkeit der Körperveränderung ihre Wirkung verloren haben, wenn aus dem Glück laues Behagen geworden ist, sich wieder hässlich fühlen. Die Körperimago pendelt sich nach der Schönheits-OP auf den dysmorphen Zustand vor der Schönheits-OP ein. Das heißt: An eine ‚Psychotherapie mit dem Skalpell’ zu glauben, gehört in den Bereich magischen Denkens.


● Das präoperative Körperbild kann auch durch die Wiederkehr des Leibes reaktiviert werden, dann, wenn Runzeln und Falten sich im Botox-Gesicht wieder Bahn brechen wie das Unkraut durch den Beton. Ausgehend von der These, im Kult werde das Paar von Körper und Leib getrennt, dürfte Unbehagen alsbald das Glück ablösen, da der ungeliebte Leib sich dem durch die Medizintechnologie ermöglichten Bildermachen am Körper widersetzt, sich zurückmeldet und sich des Körpers bemächtigt, wie in „Feuchtgebiete“ von Ch. Roche plastisch beschrieben. Das alte Körperbild wird reaktiviert, da der entfernte Leib in ihm erhalten geblieben ist. Durch eine operative Veränderung könnte es sogar zu einer stärkeren Besetzung des  präoperativen Körperbildes kommen.


 


Bei der Wiederkehr des Leibes gewinnt das Ich. Wir haben Verhältnisse wie bei Dorian Gray. Das alternde Port­rait (sein Ich) ist zur Gefahr für Dorian (sein Ichideal) geworden: der Schönling fällt tot zu Boden. Auch im Kult scheitert das Ichideal an der Existenz des Ichs. Über den Leib kommen die Gesetze der Biologie, Anatomie, der Zeit wieder zur Geltung. Ikarus stürzt ab. Kommt es zu einer abrupten Konfrontation des entleibten Körpers mit dem Leib, kann es zu Schockzuständen kommen.


● Spender wie Empfänger, die sich von einer Transplantation Lösungen für vorher bestehende psychische Kon­flikte erhofft hatten, zeigten sich in einer Befragung ein Jahr nach erfolgreich verlaufener Transplantation dies­bezüglich enttäuscht. Sie zeigten eine negativ therapeutische Reaktionen (NTR), wie sie auch von Mager­süchtigen bekannt ist. Eine Gewichtszunahme würde ihre vermeintliche Autonomie und die Kontrolle über den Körper bedrohen. Die NTR als Widerstand gegen die Behandlung kommt vom unzufriedenen Ichideal: es fordert Magerkeit. Eine Gewichtszunahme würde die Verweigerung des Ichs gegenüber den Forderungen des Ichideals offenkundig machen. Dieses muss dann seine Forderungen noch obsessiver, manchmal mit tödlichem Hungern durchsetzen. Das ist der Terror des Ichideals gegenüber dem Ich. Auch bei Patienten mit körperdysmorphen Störungen könnte die den narzisstischen Störungen eigene Tendenz zur NTR eine ‚Psychotherapie mit dem Skalpell’ unwirksam machen. Aber hier liegen die Verhältnisse anders. Hat sich bei der Magersucht das Ich dem Ichideal unterworfen und schämt sich seiner Gewichtszunahme, so kommt bei Patienten mit körperdysmorphen Störungen Verweigerung zwar auch vom Ich, dieses bleibt damit aber offenbar erfolgreich. Die Erfahrung, dass operative Eingriffe oder lange Medikamentenanwendung bei diesen Patienten die Störung verstärken und weitere erfolglose Behand­lungen nach sich ziehen können, lässt diese Vermutung nicht unbegründet erscheinen. Demzufolge kann man wohl nicht davon ausgehen, face victims seien einzig Opfer chirurgischer Kunstfehler. Auch deren Psyche dürfte ihren Anteil am Misslingen der Operation haben. Es könnte Probleme bei der Akzeptanz der Verschönerung gegeben haben.


Die NTR dürfte mit der Neotonie zusammenhängen, damit, dass das Kind gleichzeitig narzisstisch vollkommen und körperlich unvollkommen auf Welt kommt und dadurch in sich die Bedingungen zur Neurose trägt. Das Fehlen narzisstischer Aufwertung hätte zur Folge, dass es weder narzisstische Befriedigung akzeptieren noch bei anderen anregen kann. Alle weiteren Versuche in dieser Richtung sind zum Scheitern verurteilt (Grunberger). Die Prognose für eine ‚Psychotherapie mit dem Skalpell’ wäre demnach eher ungünstig.


 


Der Blick des anderen


● Mit der Wiederkehr des Leibes kehren auch Scham und Angst zurück, denn auch der Blick des anderen dürfte nicht im gewünschten Maß kontrollierbar werden. Aus psychoanalytischer Sicht lässt der Kontrollwunsch erken­nen: die Schönheitsarbeit ist anal-narzisstisch motiviert. Körperkontrolle ist genetisch gesehen primär Leib­kontrolle, d.h. Kontrolle der Motorik und der Ausscheidungsorgane. Sie dient der Vermeidung beschämender Inkontinenz, in denen Zeugen (der Blick des anderen) anwesend sein könnten. Der Erleb­niswert des geschönten Körpers hängt aber vom Blick des anderen und dessen Bewunderung ab. Das Publikum soll die Illusion bestätigen, der ästhetisierte Körper sei dem vormals hässlichen überlegen und Kastrationsangst unbegründet und allemal gebannt. Da ästhetisch bevorzugte Merkmale sexueller Körper den Geschmack des jeweils anderen Geschlechts verkörpern, setzen alle schönheitserhaltenden oder -steigernden Praktiken insofern immer und unweigerlich jenen Blick des anderen Geschlechts fort, der jedem Körper schon lange vor seiner Geburt, nämlich durch seine gesamte Vorgeschichte eingeschrieben ist (Menninghaus). Deshalb dürfte das selbstzufriedene Glück Ausdruck einer nur passager gelungenen manischen Abwehr gewesen sein. Die operativ geschönten Köper(teile) werden  unter dem prüfenden Blick des anderen flugs wieder als stigmatisierend emp­funden und zu verfolgenden Objekten. Jetzt starren alle neugierig auf die operierten Körper, insbesondere bei Prominenten. Das Ich versucht die Operation und die Unzufriedenheit, die es zur Op veranlasste, vor dem Publikum zu verleugnen. Es schämt sich, dabei ertappt worden zu sein, mit seinem Körper nicht zufrieden gewesen zu sein, sich dem Ichideal unterworfen zu haben, schämt sich seiner Niederlage, bei der alle Zeugen waren. Neugier und Sensationslust des Publikums jedoch lassen die Verleugnung nicht durchgehen: das Publikum wird inquisitorisch. Das meint die verärgerte Bemerkung: „Ich weiß gar nicht, warum die immer alle nur auf meine Lippen starren". Fazit: Prä­operativ wird die Hässlichkeit, postoperativ das Geschönte gefürchtet.


● Aber das Ich schämt sich nicht nur, es ist auch neidisch auf sein Ichideal und hasst es. Zum einen benötigt es die Models als Projektionsfläche für den eigenen Narzissmus und macht sie zu Göttern, zum anderen bescheren die Models dem Ich eine Erschütterung seines Selbstwertgefühls, indem sie ihm seine Hässlichkeit vorführen. Das macht die Beziehung zu Models ambivalent. Das Model stürzt in der Gunst der Menge und damit in der des Kommerzes ab. Was sich zwischen Operierten und  Publikum abspielt, findet innerpsychisch seine Parallele. Das missgünstige Ich greift das Ichideal an. So wie die Menge über Models oder Prominente spöttelt, die verdächtigt werden, sich einer Schönheits-OP unterzogen zu haben, so nimmt das Ich im Hass eine Entidealisierung des Ichideals vor. So wie öffentlich oder in Internetforen gelästert wird, wobei die dortige Anonymität jede Hem­mung beim Spotten fallen lässt, kann innerpsychisch das Ich im Hass sein Ichideal entwerten. Ist das Ichideal entwertet, sinkt jedoch das Selbstwertgefühl ab, da das Ich ohne Ideal ist, was zur Folge hat, dass zur Resti­tution des beschädigten Narzissmus wieder nach Models Ausschau gehalten werden muss, um sich wieder besser zu fühlen. Da die Ambivalenz dem Ichideal oder seinen Repräsentanten gegenüber so tödlich ist, müssen immer neue Models produziert werden, sozusagen als kollektiver magischer Wiedergutmachungsversuch der Zer­störung am Ichideal. Das wird vom Kommerz dankbar als Auftrag entgegengenommen.


Möglich ist auch: das Ich projiziert seinen Hass aufs Ichideal oder die Models. Diese können dadurch zu Ver­folgern werden, da das Ich vom eigenen Hass verfolgt und paranoid wird. Das Model kann dann nicht länger als Ichideal fungieren, da die bedrohlichen Aspekte die Projektion des Narzissmus behindern. 


 


Schöne, ob operiert oder nicht, geraten heutzutage leicht in Gefahr, zu Angeklagten zu werden. Längst erlauben die minimal invasiven Techniken der Schönheitschirurgie nicht mehr zu unterschieden, ob jemand von Natur aus schön oder nur geschönt ist. Das Falsche kann echt, das Echte falsch sein. Erhellend sind Reaktionen, werden Operierte unvorbereitet auf ihre Körpermanipulation angesprochen. Entweder sie legen Geständnisse ab oder reagieren gereizt und drohen mit dem Anwalt. Er soll die Kontrolle über den Blick des anderen durchsetzen, darüber, was andere sehen und nicht sehen sollen. Er soll den Verfolgern nachstellen, die Zeugen der Scham mund - “tot“ machen, soll die Demütigung löschen und dem Beschämten zum Triumph über seine Verfolger verhelfen. Der Anwalt wird als Hilfsich benötigt, denn der Operierte wird zum Hilflosen, der ohne juristischen Beistand destabilisiert wäre. Das spiegelt die Infantilisierung der Subjekte im Schönheitskult.


Vermutlich ist das Unbehagen über den nicht zu kontrollierenden Blick des anderen die Reinszenierung einer früheren Erfahrung. Bleibt nämlich die für eine adäquate Besetzung des Ich nötige narzisstische Bestätigung in der Kindheit durch ein Verschulden des Objekts aus, werden alle Versuche, die das Subjekt später auf ver­schiedenen Ebenen unternimmt, um das gleiche Ziel zu erreichen, ebenfalls fehlschlagen (Grunberger). Die Reinszenierung bestünde darin, sich unbewusst wieder und wieder in eine Situation zu bringen, in der die nar­zisstische Bestätigung ausbleibt und die den Betreffenden beschämt zurücklässt.


Es gehört zu den Paradoxien des Schönheitskultes, seine Verheißungen selbst zunichte zu machen und das ohne­hin nur kurze Glück ins laue (Un-)Behagen zu überführen. Wir haben es im Schönheitskult sowohl präoperativ als auch postoperativ mit einem paranoiden Klima zu tun, denn auch Operierte werden weiter mit Hohn und Spott bedacht. Das Ver­drängte kehrt postoperativ zurück. Alle Themen bleiben virulent. Musste präoperativ die Hässlichkeit, so muss postoperative das Geschönte gefürchtet werden. Man hätte sich den Weg zum Schönheitschirurgen ersparen kön­nen.


● Für laues Gefühl dürfte auch das unterschwellige Gefühl sorgen, sich Schönheit erschwindelt, also zu Unrecht erworben zu haben. Bulimikerinnen z.B, zu deren Sekundärsymptomatik die Kleptomanie gehört, haben ein solches Gefühl bisweilen nach einem Essanfall, weshalb sie aus Schuldgefühl erbrechen. Der Operierte ist in der Glücksmanie ganz Hochstapler, genauer „lokalisierter Hochstapler“ (Greenacre) der Schönheit. Er hat sich der Imi­tation bedient, dem probaten Mittel zur Täuschung/Blendung, dem Mechanismus, der zum „Als-Ob“, in die falsche Identität führt. Imitation ist für diese Identitäten konstitutiv. Der Hochstapler spielt erfolgreich mit dem Illusionshunger des Publikums (Greenacre), da dieses  begierig an die Täuschung glaubt. Das belegt  die Wir­kung, die Schönheits-OPs im Fernsehen auf Zuschauer haben: Je mehr geschaut wurde, desto positiver wurde die Ein­stellung zu chirurgischen Korrekturen und desto größer war die Bereitschaft, sich selbst unters Messer zu legen. Der Zuschauer wird zum Komplizen der Hochstapelei. Er erliegt der Faszination der Ersparnis. Der operierte Kör­per erlaubt ihm die Illusion, einen Körper zu bekommen, der das Ichideal zufriedenstellt und nicht kastrierbar ist. Man kann diesbezüglich von einer Symbiose zwischen Zuschauer und Operiertem ausgehen. Dem Operierten leistet der Zuschauer  mit seiner Bewunderung, was das Spiegelbild der Spiegelphase zu leisten vermag: die Verleugnung des Realen.


Unbehagen stellt sich ein, wenn sich das Überich zurückmeldet und dem Hochstapler die Täuschung nicht durchgehen lässt, ihm vielmehr mit Enttarnung droht. Dies ist einer der Gründe, warum künstliche Schönheit an Dun­kelheit und Verschleierung gebunden ist, warum sie das Licht (der Öffentlichkeit) scheuen muss.


● Laues Unbehagen kommt auch daher: schöne Menschen sind sich der Anerkennung, die sie für professionelle Leistungen erhalten, nie sicher, ob sie „echt“ gemeint oder nur ihrer Schönheit gezollt ist.


● Schließlich dürfte sich auch die Erwartung, durch den geschönten Körper leichteren Zugang zu Sexualobjekten zu finden, nicht erfüllen. Die operativ erzeugte Regression in den Primärzustand, in dem das Ich sein eigenes Ideal ist, setzt gerade den gegenläufigen Prozess in Gang. In diesem Zustand gibt es weder Unbefriedigtsein noch Begehren noch Verlust (Chasseguet-Smirgel). Shakespeare wusste von der Ten­denz des Schönen zu Selbstbezug und Fortpflanzungsverweigerung. Was selbst vollkommen schön ist - und also den das Begehren antreibenden Mangel nicht kennt -, begehrt nicht notwendig etwas anderes als sich selbst. Schönheit sei tendenziell an Nicht-Begehren auf der Seite der Schönen gebunden (Menninghaus). Von Interesse sind allenfalls narzisstisch besetzbare, zur reinen Triebabfuhr funktionalisierbare Selbstobjekte, die den frühen Status stabilisieren sollen. Allerdings eignen sich fit-for-fun-Körper am schlechtesten zur Triebabfuhr, da Lust an den Leib, an Schweiß und Ausdünstung gebunden ist`. Der Leib aber fehlt den fff-Körpern. Der Abzug der Libido vom Objekt ist psychoanalytisch gesehen der Kern der Paranoia. Eine paranoide oder die ihr verwandte hypochondrische Entwicklung zu neh­men, riskieren Schönheitsoperierte tatsächlich dann, wenn das Objekt vor dem Unechten ihrer geschönten Kör­pers zurückweicht bzw. ignorant bleibt und nicht die Illusion des Operierten teilt, so auszusehen wie das ko­pierte Model.


Im Alltag kann Schönheitsarbeit in die Promiskuität führen, da die Objekte nach dem one-night-stand, wenn sie ihre Funktion für den Narzissmus erfüllt haben, wieder fallen gelassen werden. Das bedeutet, gerade der ge­schönte Körper ist wider jede Illusion im Zeitalter von AIDS besonders gefährdet - eine Schwächeanfälligkeit der Adoniten und Aphroditen, von der die Mythologie berichtet.


Fazit: Schönheits-OPs zerstört den Traum vom libidinös besetzbaren Objekt, denn durch die operativ herge­stellte Fusion mit dem Körperideal werden „Götter“ (bewundernswerte Liebesobjekte), auf die projiziert werden könnte, überflüssig. Man hält sich selbst für Gott.


● Die regressive narzisstische Rückzug vom Objekt hat weitere Folgen: Symbolisierung und Sublimierung sind nicht erforderlich, da es keine Objekte mehr gibt, die es zu substituieren gälte. Gerade aber aus der Er­wartung einer Befriedigung entsteht das Phantasieleben, die Sprache und das Begehren, mithin Zukunft. Das Bildermachen am Körper erübrigt diese Kulturleistungen.


 


Schönheit ist Symbol des Widerstandes gegen den Leib und seine Gesetze, weswegen manche den Schönheits-OPs kurioserweise emanzipatorische Potenz zusprechen. Tatsächlich aber ist künstliche Schönheit ihrer Merk­mallosigkeit wegen der Einpassungsmechanismus sui generis. Mit ihr lassen sich Subjekte subtil entindivi­dualisieren, zur Masse machen und deren Wirkmechanismen unterwerfen. Das spätkapitalistische Gebot zur Vergötzung der Individualisierung und Selbstverantwortlichkeit wird so über den Kult gleich wieder ausgehe­belt, damit sich Individualität nicht zu weit von den ökonomischen Interessen der Mediengesellschaft entfernt. Die Einpassung erfolgt unter der Haut und ist irreversibel.


Die hypochondrische Fixierung an den Körper hat Selbstbezogenheit zur Folge, so dass der politischen und psy­chosozialen Umwelt, den gesellschaftlichen Vorgängen die Aufmerksamkeit entzogen ist. Der geschönte Körper dient wie eine durchgestylte Wohnung als Reservat, als narzisstischer Rückzugsort in einer wegen ihrer Unüber­sichtlichkeit nicht länger libidinös besetzbaren Welt. Die Welt wird nur noch im Hinblick auf die Wirkung des eigenen Körpers strukturiert. Die Hoffnung, das Leiden, nicht begehrt zu werden, keine Rolle zu spielen und im Gleichgültigen zu versinken, die Hoffnung, mit einer Schönheits-OP Individualität sichern, die allmähliche Alte­rung, die Konfrontation mit der Vergänglichkeit, das Durchleben von schmerzhaften Trennungserlebnissen mit depressiven Gefühlen sich ersparen zu können, ging bislang nicht in Erfüllung. Erstarrung in Mumifizierung von Jugendlichkeit durch hinter die Ohren gezogene Falten sind des Glückes Rest. Personality bedeute kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das sei der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie (Horkheimer & Adorno). Und das alles wegen der Angst vor dem Älter­werden!


 


VI. Ausblick


Der Schönheitskult lässt kaum eine Zeitdiagnose zu. Er ist nur eine Zwischenstufe des posthumanistischen Bio-Projektes, die bald erlischt. Das in Schönheits-OPs erstellte kosmetische Selbst ist das Übungsfeld für die Anthropotechniker und ihres Projektes, das sich zum Ziel genommen hat, mit Hilfe biotechnologischer Errungenschaften die totale Beherrschung der Naturkräfte durch technologisch erwirkte Abschaffung des Kör­pers zu erreichen. Vom kosmetischen zum kosmischen Selbst.


 


© Thomas Ettl, 2009




Beitrag 2
10.02.2009 21:14:52
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10.02.2009 21:14:52
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Februar, 2009
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