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Briefwechsel Groddeck
Beitrag 2
24.08.2011 15:36:27

Giefer, M. (Hrsg.): Groddeck Werke. Briefwechsel Sándor Ferenczi – Georg Groddeck. Frankfurt a. M. / Basel, Stroemfeld, 2006, 295 S.


Giefer, M. u. Schuh, B.: (Hrsg.): Groddeck Werke. Briefwechsel Sigmund Freud – Georg Groddeck. Frankfurt a. M. / Basel, Stroemfeld, 2008, 347 S.


 


 


 


In der „Siedehitze der Übertragung“


Zum Briefwechsel Georg Groddecks mit Freud und Ferenczi


I.


Beide Bände zum Briefwechsel Groddecks, nach dem gleichen editorischen Konzept gestaltet, sind vom Herausgeber mit einer ausführlichen und informativen Einführung versehen. Überdies findet der Leser nebst Briefen, Karten und Telegrammen Dokumente von Angehörigen und Beteiligten, er findet Briefverzeichnisse, biographische Anmerkungen, einen Namen- und Orte-Index sowie Bildmaterial. Ich orientiere mich bei meinen Ausführungen an den Einführungen des Herausgebers.


 


II.


Georg Wilhelm Groddeck (1866-1934) nimmt im Mai 1917 im Alter von 51 Jahren brieflich Kontakt zu dem 10 Jahre älteren Freud auf. Im ersten Brief ringt er um die richtigen Worte. Er will einerseits von Freud akzeptiert werden, andererseits die eigene Originalität behaupten. Groddeck verstand die Anwendung psychischer Behandlung bei körperlich Erkrankten als seine Entdeckung. Als er begann, Freuds Schriften zu lesen und feststellen musste: dieser hatte schon eine Methode entwickelt, in der Symbol- und Traum­deutung, Sexualität sowie Unbewusstes eine zentrale Rolle spielten, war er in seinem Stolz gekränkt. Er musste realisieren: er war nicht der Erste. Spätere Prioritätsdebatten kündigten sich bereits an.


Als Groddeck Kontakt zu Freud aufnahm, leitete er bereits seit siebzehn Jahren als praktischer Arzt ein Sanatorium in Baden-Baden, die Marienhöhe. Er war Schüler Ernst Schweningers, der Leibarzt von Bismarck und Cosima Wagner war. Schweninger stand der Schulmedizin der damaligen Zeit weitgehend ableh­nend gegenüber. Groddeck wird als eine Persönlichkeit mit starker Ausstrahlung geschildert, mit kräftigen Gliedern, mächtigem Brustkasten, Händen wie Eisenschaufeln und riesigen Ohren. Getrimmte reifgraue Haare hätten einen schön geformten Schädel umwölbt. Dachrinnen gleich hätten dichte Augenbrauen Schatten über die tiefgebetteten, außerordentlich beweglichen blauen Augen geworfen.


Groddeck behandelte vornehmlich chronische körperliche Erkrankungen. Zu Beginn seiner ärztlichen Tätigkeit gehörten heiße Bäder, schmerzhafte Massagen und spezielle Diäten zu seinen Methoden. Grundlage aller ärztlichen Kunst sei, dass der Arzt die Herrschaft über den Kranken gewinnen, sich Gehorsam verschaffen müsse, schreibt er noch 1913 in Nasamecu. Seine Behandlungsweise brachte ihm den Beinamen „Dr. Grobian“ ein. Noch warnt Groddeck vor dem „ge­fährlichen Gift der Psychoanalyse“. Er sah in ihr eine große Gefahr für den Kranken, der genötigt werde, sein tiefstes Geheimnis zu offenbaren, wodurch er unlösbar abhängig von seinem Helfer würde. Für alle Zukunft sei der Kranke Sklave seines Arztes, eine Einschätzung, die zum damaligen Zeitpunkt eine Projektion des „Dr. Grobian“ gewesen sein dürfte.


In seinen beiden ersten Briefen an Freud präsentierte sich Groddeck als Praktiker, dem Krankenbehandlung vorran­giges Anliegen war. Die nur die Krankheit, nicht den Kranken sehende naturwissenschaftlich reduzierte Medizin behagte dem Schweninger-Schüler nicht. Er hatte inzwischen die Bedeutung psychischer Faktoren für die Ätiologie und die Behandlung von körperlichen Krankheiten erkannt. So war der Dialog mit dem Kranken als Subjekt mit Bedürfnissen zur leitenden Grundhaltung seines ärztlichen Handelns geworden, eine Wandlung des Saulus zum Paulus, die ca. 1909 begann. Im 30. Brief an die Freundin im Buch vom Es (1923) beschreibt Groddeck, wie er „aus einem aktiv eingreifenden Arzt ein passendes Werkzeug“ wurde. „Es war damals meine Gewohnheit, die wenigen Anordnungen, die ich gab, mit absoluter Strenge [...] durchzusetzen. [...] Diese Art, als kraftvoller, gütiger Vater autoritative, unfehlbare, väterliche Suggestion zu treiben, kannte ich von meinem Vater her.“ Groddecks Vater war auch Arzt. Allmählich erschloss sich ihm die Bedeutung einer mütterlichen Haltung des Arztes bei einer solchen Behandlung. Die kindliche Einstellung einer Patientin ihm gegenüber habe ihm die Rolle der Mutter aufgezwungen. Schritt um Schritt ent­deckte er Übertragung und Widerstand, die Bedeutung von Symbolen und der Sexualität. Das Klima in der Marienhöhe war familiär und regressionsfördernd. Fortan kümmerte sich Groddeck als „gute Mutter“ um Leib und Seele seiner Patienten, nahm die körperlichen Untersuchungen vor, massierte, verordnete Diäten, hörte zu, analysierte, hielt Vorträge und feierte mit den Patienten Feste. Er förderte eine Übertragung, in der sich seine Patienten wie Kinder ange­nommen fühlten und ihm vertrauten.


Freud nahm Groddecks Behandlungserfolge bei körperlichen Erkrankungen mit psychoanalytischen Mitteln begeistert auf, bestätigt ihm im weiteren Verlauf des Briefwechsels die Gabe zu plastischer Schilderung, einen bestrickenden Stil, eine Rede wie musikalisch (F13). Gleichwohl erkannte Freud die Unterschiede zwischen seiner Psychoanalyse und Groddecks Umgang damit, suchte dennoch weiteren Kontakt in der Hoffnung, Groddeck für die psychoanalytische Bewegung kultivieren zu können. Auf dem VI. Internationalen Kongress in Den Haag im September 1920 kommt es zur ersten persönlichen Begegnung zwischen Freud und Groddeck.


 


III.


Nachdem Groddeck im Mai 1917 Kontakt zu Freud aufgenommen hatte, schreibt dieser im Juni an Ferenczi: „Nächstens werde ich Ihnen den interessantesten Brief eines deutschen Arztes schicken, den ich je bekommen, dessen Inhalt mit Ihren Patho­neurosen und der Lamarckidee ausgiebige Berührung hat.“ Freud und Ferenczi waren seit 1915 mit den Ideen Lamarcks befasst, in der Hoffnung, Zusammenhänge zwischen psychischer Erkrankung, biologischer Disposition und erworbenem Verhalten, das Teil des Erbgutes geworden ist, wissenschaftlich erklären zu können. Ferenczi indes, damals 44, teilte Freuds Begeisterung für Groddeck nicht. Er hegte Vorbehalte gegenüber der analytischen Behandlung organischer Leiden und bezeichnete Grod­deck als kritiklosen Phantasten. Aber im Frühjahr 1921, inzwischen 47 Jahre alt und Präsident der psychoanalytischen Gruppe in Budapest, nimmt Ferenczi förmlich Kontakt mit Groddeck auf. Die zweite Rezension Ferenczis von Groddecks Der Seelensucher (1921) war frei von Vorbehalten. Im Sept. 1921 beginnt die Freundschaft zwischen beiden Männern. Groddeck, inzwischen 54, „enfant terrible“ der Psychoanalyse, Mitglied der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung, fand in Ferenczi, dem „wilden Analytiker“, einen Kollegen, der wie er über rege Phantasie verfügte, experimentierfreudig war, herkömmliches Denken sprengte. Jeder sah sich wohl im anderen gespiegelt. Ferenczi fand in Groddecks Freundschaft Anregung und trotz manch unterschiedlicher Auffassung von wissen­schaftlicher Psychoanalyse das ersehnte Angenommensein. Beide waren keine Dissidenten, sondern von den Freudschen Grundpositionen überzeugt. Sie forschten nach Behandlungsverfahren für Erkrankungen, bei denen die klassische Analyse an ihre Grenzen stieß. Sie eröffneten Wege zur Therapie früher Störungen, Psychosomatosen und ausgeprägter Objektbeziehungsstörungen. Groddeck wie Ferenczi sahen in der Regression kein störendes Moment, sondern förderten sie und nutzten sie zur Behandlung – damals ein Novum. Sie waren Verfechter der Laienanalyse und der Anwendung der Psychoanalyse jenseits der Medizin. Groddeck, einer der wenigen nicht-jüdischen Anhänger der frühen Psychoanalyse, galt bald als Schlüsselfigur der klassischen psychoanalytischen Psy­chosomatik. Weder Groddeck noch Ferenczi bildeten Schulen, übten aber starke Wirkung auf die nachfolgenden Generationen aus, z.B. auf Balint, Winnicott, Horney, Fromm-Reichmann, Simmel, Meng und ansatzweise auf Lacan.


Aus dem Briefwechsel Ferenczi / Groddeck sind vierzig Briefe erhalten geblieben – die Mehrzahl aus der Feder Ferenczis, nur drei von Groddeck an Ferenczi und einer an seine Frau Gizella nach dessen Tod. Auf Emmy Groddecks Bitte um Rückgabe der Briefe, die ihr Mann an Ferenczi geschrieben hatte, antwortet dessen Witwe 1936, sie könne leider die Bitte nicht erfüllen, da Sándor, wie sie wisse, ein ‚Schlampen’ und ein sorgloses Kind gewesen sei, das nur für die Minute lebte und deren Freude genoss, und so sei es gekommen, dass er, kaum hätte er einen Brief gelesen, ihn vernichtet hätte, sie mithin gar keine Briefe mehr besitze. Hierzu der Herausgeber: „Soll man das einfach so glauben? Schließlich hatte Ferenczi fast alle Briefe Freuds an ihn aus 25 Jahren aufbewahrt. Wir können nur darüber spekulieren, ob die Briefe, die sein Freund und zeitweiliger Analytiker schrieb, Ferenczi zu intim waren oder ob sie möglicherweise seiner Frau so erschienen und sie die Briefe später vernichtet hat.“ (2006, 12) Nicht unbegründet wäre auch, würde man vermuten, Groddeck habe bisweilen allzu heftig gegen die Kollegenschaft gewettert, und es deshalb der Witwe Ferenczis angeraten schien, die Briefe zu vernichten, zumal schon Ferenczis Post an Groddeck zum Schluss spärlicher wurde: nur noch kurze Mitteilungen oder Grüße. Notgedrungen steigt proportional der Umfang der Anmerkungen des Her­ausgebers, der hier Vorzügliches geleistet hat und die neuesten Forschungsergebnisse berücksichtigt. Alle Andeutungen im Hinblick auf Historisches, Klinisches, Theore­tisches und den involvierten Personenkreis werden kommentiert. Gleichwohl bleibt eine Irritation zurück. Obwohl der Band als Groddeck Werke betitelt ist, zeigt er wegen der Überzahl der Ferenczi-Briefe eine Schieflage zugunsten Ferenczis, zumal der Band überdies einen Stammbaum Ferenczis, nicht aber Groddecks enthält. So entsteht das Phänomen, dass über dem, was Ferenczi schreibt, der Namen Groddecks steht. Sollte es sich hierbei um eine Prioritäts- bzw. Identitätsproblematik beider Männer handeln, die bis ins Jahr 2006 wirksam ist?


Unter dem Eindruck seiner Besuche bei Groddeck in Baden-Baden ändert Ferenczi seine analytische Einstellung und Technik. „Kam zu lehren und wurde belehrt; / schied ganz begeistert, halb bekehrt“, schrieb er am 16. September 1921 ins Gästebuch der Klinik. War bis dahin der Analytiker weit­gehend Vater, der Analysand sollte sich an der Vaterübertragung abarbeiten, um in der Realität anzukommen, was Freuds Vorstellung entsprach, lernte Ferenczi bei Groddeck eine mütterliche Haltung und den Umgang mit präödipalen Themen kennen. Mit dieser Veränderung in seiner analytischen Einstellung entfernte sich Ferenczi zunehmend von Freud. 1930 polarisierte beider Ansicht über die analytische Beziehung soweit, dass Freud als Vertreter der Rekonstruktionsarbeit, Ferenczi als der des Wiedererlebens betrachtet wurde. Anders jedoch als Groddeck, dem es fern lag, seine Entdeckungen wissen­schaftlich zu untermauern, Theorien und Systeme zu entwickeln, wie es Freud tat, brachte Ferenczi seine neuen Erkenntnisse und Technik in das bisherige Gebäude der Psychoanalyse ein und begründete sie wissen­schaftlich, dabei offenbar auch in der sehr menschlichen Sorge, „damit man mich nicht ganz vergisst“ (SF5). Groddeck lehnte jede System­bildung und so auch das Korsett einer wissenschaftlichen Psychoanalyse ab.


Bisweilen mussten sich beide Freunde voneinander abgrenzen. Im November 22 schreibt Groddeck an Ferenczi: „Ich glaube, der Unterschied zwischen uns Beiden ist der, daß du gezwungen bist, die Dinge verstehen zu wollen und daß ich gezwungen bin, nicht verstehen zu wollen. [...] ich fühle mich in der Imago des Mutterleibes mit seinem Dunkel wohl und du willst davon fort. Bei so verschieden gerichteten Trieben geht der Unterhaltungsstoff nicht aus, und das ist eine Gewähr für die Dauer der Freundschaft. Man wird immer etwas zu disputieren haben.“ (GG2). Ferenczi hingegen zweifelte am Nutzen des Disputierens. Diskussionen würden nicht im Geringsten die Klärung der fraglichen Probleme fördern, vielmehr versteiften sich die Disputanten auf die eigene Meinung (SF11). Er räumte jedoch ein, sein Interesse richte sich auf das Verstehenwollen, gleichwohl läge ein vollständiges Verstehen in unendlicher Ferne und sei wahrscheinlich unerreichbar. „In dieser Richtung liegen aber auch deine Interessen“, schreibt er an Groddeck, „mit dem Unter­schied, daß du immer wieder diese Unerreichbarkeit betonst, während ich mich damit begnüge, letztere ein für allemal anzuerkennen, mich aber darum nicht abhalten laße, die kleinen Erreichbarkeiten, deren Erkenntnis ver­gnügen macht, zu gruppieren und zu ordnen“ (ibid.).


Uneinigkeit herrschte auch über den Wert von Selbstanalysen. Groddeck war ein Verfechter der Selbstanalyse und konnte sich von Freud dazu ermutigt sehen, hatte ihm dieser doch im Juli 21 geschrieben: „Ich liebe besonders Ihre Anfänge u die Brocken einer Selbstanalyse, da werden Sie direkt anmutig.“ (F15). Groddeck machte seine selbstanalytischen Erfahrungen öffentlich, zum Leidwesen mancher Kollegen, die sich bei Freud darüber beschwerten und ihn baten, Groddeck mit der nötigen Autorität entgegenzutreten. Ferenczi urteilte anders. Er glaube nicht an Selbstanalysen. Das Ubw sei geschickt genug, einen gerade an den wichtigsten Punkten irrezuführen. [...] Teil-Analysen seien wohl auf diesem Wege mög­lich, aber höchstens zur Vertiefung oder Verbreiterung von etwas schon Bekanntem“ (SF10). Zu wesentlich neuen Er­kenntnissen über sich selbst gelange man so nicht. Dazu sei die „Siedehitze der Übertragung“ nötig, die in der Selbstanalyse fehle. Seiner Ansicht nach sei die Analyse ein soziales Phänomen, es gehörten mindestens Zwei dazu. Sie sei ja „nur eine verbesserte Wiederholung der seinerzeitigen Erziehung resp. der Erledigung des Gefühlsverhältnisses zu den Eltern.“ (SF10). Der wichtigste Einwand gegen die Selbstanalyse sei allerdings: Freud betreibe selbst Eigenanalyse, aber das sei nur ein Autoritätsargument oder eines „ad hominem“. Überdies gibt Ferenczi zu bedenken, das Material der Selbstanalyse Freuds aus seiner Traumdeutung sei zwar ungeheuer tief, aber wir hätten kein Urteil über die Vollständigkeit seiner Selbstkenntnis (ibid.).


1929 kommt es dann zur Missstimmung zwischen den Freunden. Ferenczi hatte in Männlich und Weiblich (1929) die Verwendung der Begriffe Verdrängung und Symbolbildung auf orga­nische Vorgänge als seine Entdeckung ausgegeben. Groddeck reklamierte Prioritätsrechte und fordert Klarstellung. Jahre zuvor, 1917, war es bereits zwischen Freud und Groddeck zu einer Prioritätsdebatte gekommen. Ferenczi reagierte auf den Vorwurf des Ideendiebstahls seines Freundes somatisierend mit Herzbeschwerden und Atemstörungen. Die Briefe werden kürzer. Ferenczis Bedürfnis nach Harmonie habe die Verdrängung aggressi­ver Impulse erzwungen, so der Herausgeber, was zu innerer Anspannung und nächtliche Kopfschmerzen geführt hätte. Schon 1923 schrieb Ferenczi an Groddeck: „Sonst ziemlich viel Hypo­chondrie und variable Symptömchen.“ (SF13).


Ferenczi verstarb 1933 an einer perniziösen Anämie, Groddeck 1934 an Herzschwäche. Heinrich Meng, der seit 1922 in engem Kontakt zu Groddeck stand, schrieb in der Interna­tionalen Zeitschrift für Psychoanalyse: „Die Tragweite mancher seiner Funde und Hypothesen ist nicht abzu­schätzen, […] Die Freunde und Schüler Groddecks werden dafür zu sorgen haben, daß seine Anschauungen nicht als dunkle und willkürliche Schöpfungen in einem Museum für geistige Kuriositäten hinterlegt werden. Sie sind praktisch zu wichtig.“ Die Anerkennung Groddecks blieb nach seinem Tod jedoch begrenzt.


 


IV.


Der Briefwechsel zwischen Freud und Groddeck verliert an Intensität, nachdem es zwischen beiden Querelen um den Es-Begriff gegeben hat. Die Briefe werden seltener und geraten kürzer. Zwar verehrte Groddeck Freud weiterhin, das Schwärmerische jedoch verblasst. Bisher mühsam verdeckte Ambivalenz wird deutlicher, gelegentlich Ironie. An seine Frau Emmy von Voigt schreibt Groddeck: „Das Ich und das Es ist hübsch, aber für mich gänzlich belanglos. Im Grunde eine Schrift, um sich der Anleihen bei Stekel und mir heimlich bemächtigen zu können. Dabei hat sein Es nur bedingten Wert für die Neurosen. Er macht den Schritt ins Organische nur heimlich, mit Hilfe eines von Stekel und Spielrein genommenen Todes- oder Destruktionstriebes. Das Aufbauende meines Es läßt er beiseite, vermutlich um es das nächstemal einzu­schmuggeln. Manches Spaßhafte ist darin.“ (15.5.23). Bereits im November 1922 hatte Groddeck Ferenczi gegenüber seinen Ärger auf die wissenschaftlichen Systematisierungen der Psychoanalyse artikuliert. Die Wissenschaft höre in dem Moment auf, in dem sie ein Gesetz würde. Der Prozess des Gesetzemachens sei schon so weit vorgeschritten, dass Wesentliches nicht mehr von überzeugten Analytikern entdeckt werden könnte, sondern nur von Zweiflern, zu denen er Freud, Ferenczi und sich selbst zählte. Das erinnert an Kracauers Einwand gegen die hermetische Spielart des Marxismus, den er Adorno gegenüber geltend machte: die Kategorien seien noch nicht fertig, zu formal und allgemein und die in ständiger Veränderung begriffenen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht fassbar.  An gleicher Stelle wetterte Groddeck, die bezopften Kollegen würden doch nur so auf der Analyse jedes Aspiranten bestehen, um hervor­zuheben: „Wir Klugen brauchten das nicht - sie sind ja Alle nicht analysiert worden -. Aber Ihr seid dumm, also kuscht gefälligst und hört, was weise Männer über Ödipus, Totem und Tabu, kindliche Sexualtheorien, Anal- und Kastrationskomplexe Freud nachsprechen können, ohne ihn zu verstehen. Die Welt ist rund und ich bin der Mittelpunkt, pflegt Tante Anne (langjährige Patientin und Gönnerin Groddecks; T.E.) zu zitieren und das ist wohl der Standpunkt aller Menschen. Narzissmus nennt es Freud.“ (GG2).


 


Freud, den die Ideenflut Groddecks ansprach, mit der dieser der Verknüpfung von Leib und Seele nachspürte, hielt seinerseits - wenn auch nach 1923 ebenfalls reduziert - an Groddeck fest. 1925 schrieb er an Ferenczi: „Persönlich mag ich ihn (Groddeck, T.E.) sehr, aber wissen­schaftlich ist er wohl nicht brauchbar, mit dem Ψ Einfluß aufs Organische und dem Es hat er sich verausgabt, und für Ausarbeitung einer Idee ist er nicht der richtige Mann“ (vgl. Giefer, 2008, 39). Der Herausgeber gibt einen bündigen Überblick über das Es-Konzept Groddecks und markiert die Probleme, die Freud damit haben musste, aber auch was ihn anregte. Groddecks Es sei fundamental von dem Freudschen Es unterschieden. Ist es bei Freud eine psychische Instanz neben den Instanzen von Ich und Über-Ich, so forme das Es in der Groddeckschen Lesart ebenso die Nase wie die Hand des Menschen, wie es seine Gedanken und Gefühle forme. Verstand und Ich sind, so Groddeck, Geschöpfe des Es. Das Es kann sich als Lungenentzündung, als Krebs, als Zwangsneurose oder Hysterie äußern. In jeder körperlichen Zelle stecke ein Es, das sich zu größeren Es-Einheiten, das Gesamt-Es, zusammenschließe. Das Krank­heitssymptom sei eine Kompromissbildung zwischen Es-Strebungen und Realitätsforderung. Folglich waren die psychischen Anteile des Symptoms, gleich ob es sich um Nieren­entzündung, Sehstörungen, Hautkrankungen oder Angstzustände handelte, Ansatz für eine psychoanalytische Behandlung. Da eine direkte Beeinflussung der organischen Erkrankung durch die Psychoanalyse nicht möglich sei, könne die psychische Behandlung nur dann erfolgen, wenn das Es »organisches Geschehen auf dem Wege psychischer Komplexe in manifeste Symptome entstelle oder auch solche Symptome direkt aus scheinbar rein psychischem Material bilde“, eine Sicht die sich ansatzweise bei Lacanianern wiederfinden lässt. Und da jedes Es seine eigene Sprache spreche, kann es Groddeck zufolge eine allgemein­verbindliche Deutung eines körperlichen Symptoms nicht geben, ein individualisierendes Einge­hen auf jeden Einzelnen sei also erforderlich. Freud war  Groddecks Es-Begriff zu mythologisch, sah aber die Möglichkeit, das Unbewusste biologisch zu fundieren,  hielt jedoch die Zeit noch für verfrüht, um damit an die Öf­fentlichkeit zu treten.


 


Groddeck ließ sich nicht für die psychoanalytische Bewegung kultivieren. Groddeck blieb Groddeck, so bündig der Herausgeber. Sie verliert für ihn in den folgenden Jahren sogar an Bedeutung. 1925 be­suchte er zum letzten Mal einen Internationalen Psychoanalytischen Kongress (Bad Homburg) und reiste vorzeitig ab. In Die Arche (erschienen von Mai 1925 bis Dezember 1927) greift er die Vereinspsychoanalyse und ihre wissenschaftlichen Ansprüche an oder macht sich darüber lustig. Über den Bad Homburger Kongress schimpfte er: „Die jetzt Mode gewordene Erlernung der Psychoanalyse ist ganz jungen Da­tums. Vielleicht ist diese Mode brauchbar - ich habe keine Erfahrung darüber - hoffentlich wird sie wenigstens allmählich brauchbar, aber jetzt schon, wo noch das kaum geborene Kind in den Windeln liegt, ist es unan­gebracht, die eignen hingepißten Landschaften für Meisterwerke auszugeben und andrer Kinder Leistungen auf diesem Gebiete für unerlaubte Pfuscherei zu erklären.“


 


V.


Die Briefe Groddecks an Freud imponieren durch ihre Grußformeln und Anreden: „Ihr ganz ergebener Schüler“, „in herzlicher Verehrung“, auch: „Ich grüße Sie in herzlicher Liebe als Ihr Schüler“ oder  „Herzlichst Ihr ängstlicher Groddeck“. Im November 1925 unterschreibt er indes nur noch mit „Ihr Schüler“. Aber noch 1930 redet er Freud in einem Brief mit: „Mein hochverehrter Lehrer und innigst geliebter Mensch“ (G43) an, obwohl das schwärmerisch Verehrende längst erkaltet war. Anreden und Grußformeln dürften Ausdruck dafür sein, was Ferenczi als „die Siedehitze der Übertragung“ (F10) bezeichnete. Die Briefinhalte bestätigen diesen Eindruck. Groddecks Einstellung zu Freud ist – zumindest anfänglich - enthusiastisch. 1920 schreibt er ihm: „Im Übrigen bin ich während den Kongresstagen (in Den Haag, T.E.) in halbem Dämmerzustande hinter Ihnen hergelaufen, recht wie ein Verliebter.“ (G12). Groddeck lädt Freud wie­derholt nach Baden-Baden ein. Die einzige Schwierigkeit sei, daß ein Verliebter in Ihrer Nähe sein wird, so Groddeck warnend. Dieser jedoch kommt nie. Die Jugend sei ihm abhanden gekommen und bei einem Besuch müsste er sich auch um die merkwürdigen Einflüsse kümmern, die Groddeck studiere, richtet Freud aus (F14). „Hoffentlich leiden meine Liebeserklärungen nicht an Eintönigkeit“, so Groddeck besorgt (G13). Als er über dem Buch vom Es „brütet“, äußert er Freud gegenüber die Sorge, das Buch werde ihm nicht sonder­lich gefallen, es enthalte viel Mystik und Phantasie. Groddeck sieht sich als ein Kind, das im Tiefsten allerlei vorhat, wissend, die Eltern billigen es nicht. Er bezichtigt sich des „Gernegroß“, der den Kopf vorstrecke, wo es nicht recht sei (ibid.), und fürchtet, Freud werde ihn nicht als Gefolgsmann dulden. Er könne aber nur so wie brave Knaben: Sich vorneh­men, gut zu arbeiten und dem Vater Ehre zu machen. (G14).


Groddeck also ganz in der Vaterübertragung? Aber welch ein Säuseln über den Gipfeln der Ambivalenz, von der die Beziehung zu Freud von Anfang an gekennzeichnet war? Passt dieses Unterwürfige, dieses Sich-Klein-Machen zu Groddeck, dem ehemaligen Dr. Grobian, dem Chef eines europaweit bekannten Sanatoriums? Passt das zum Brief an seine Frau, in dem er sich herb über Freud äußert? Skepsis ist berechtigt, zumal wenn man berücksichtigt, was Groddeck in seinen Lebenserinnerungen (1970) über Briefe sagt: „Es hat lange gedauert, ehe ich so weit gekommen bin, beim Schreiben zu sagen, was mir ernst ist. Vielleicht könnte man denken, es wäre mir in Briefen gelungen. Aber mit denen war es noch schlimmer. Wenn der Brief schon an sich alle Menschen zu den gröbsten Lügen verführt, wenn er bei allen Menschen höchst seelenlos zu sein pflegt, so gilt das von meinen Briefen besonders; ich glaube, ich könnte sie leicht zählen, die der Mühe wert waren, kann sein, daß ich keinen einzigen finden würde.“ (Lebenserinnerungen, 293). Gröbst gelogen wird Groddeck nicht haben, aber „Ihr dankbarer“ oder „ergebener Schüler“ ist zwiespältig, lässt viel abgewehrte, ins Gegenteil verkehrte Aggression erahnen, schreibt Giefer (2008, 31). Ludwig Reiners bringt es in seiner Stilkunst (1991) auf den Begriff: „Ich habe immer gefunden: die schleimige Höflichkeit, die von sich selbst nur in abschätzigen Ausdrücken redet, hat mit echter Bescheidenheit nichts gemein“ (129). Fromm meinte später einmal, Ferenczis und Groddeck hätten nach neuen Wegen gesucht und seien deshalb mehr oder weniger in Kontro­verse zu Freud geraten. Ferenczi sei jedoch im Gegensatz zu Groddeck sensibel und zurückhaltend gewesen. Gelegentlich hat Ferenczi seinen Freund sogar ermahnt, sich zu mäßigen: „»Die verknoteten Zöpfe« sind kein schlechtes Bild. Ich glaube aber, daß es nicht schadet, wenn die allzu üppige Phantasie und das um jeden Preis Neues-Entdecken-Wollen der Jugend für eine Zeit noch gezügelt bleibt. Laß doch zuvor das Richtige an Freuds Lebenswerk ein Bisschen erstarken. Es wäre fürchterlich, wenn die mit Not und Mühe einigermaßen zurechtgelegte Ordnung der Erkenntnisse durch wissenschaftliche Hattingbergs phantastisch durcheinandergerüttelt würde. Ohne Denkordnung kann man schließlich nicht einmal die Ahnung eines Verständnisses anbahnen. […] Folglich bin ich (obzwar von Natur aus selber Revolutionär) nach wie vor für die Beibehaltung der von Dir gerügten Zöpfe. Es kommt dann schon die Zeit, wo sich diese Zöpfe voneinander lösen und um Anderes zentrieren werden. Etwas Schonzeit für wissenschaftliche Ideen! - - So lautet mein Verlangen“ (SF10).       


 


Sollte sich Groddeck in der Siedehitze der Vaterübertragung befunden haben, so stellte er sie wenig später selbst in Frage. Zumindest kündigte sich nach dem Berliner Kongress (1922) eine Wende in der Übertragung an. Im Buch vom Es, geschrieben in Form von Briefen an eine Freundin, ist Freud gemeint. Freud als Freundin? Freud teilt mit, er fände die Briefe „charmant“ (17.4.21). Aber Freud ist nicht Freundin, sondern wird von Groddeck in die Mutterreihe gestellt. Der ganze Berliner Aufenthalt sei durchtränkt gewesen von Erinnerungen an seine Mutter, so Groddeck per Post an Freud. „Ich habe von Ihnen kaum je den Eindruck des Vaters gehabt, wohl aber bin ich ganz gefangen von einem zarten und zärtlichen Kindesgefühl der Mutter gegenüber, wenn ich an Sie denke oder mit Ihnen zusammen bin.“ (G25). Die Muttersehnsucht teilt Groddeck mit Ferenczi. Auch dieser hoffte, in Freud eine Mutter zu finden, hat dessen mütterliche Liebe aber immer vergeblich gesucht (vgl. Giefer, 2006, 28). Der Herausgeber kommentiert, Groddeck rette sich nach dem Berliner Kongress in eine kindliche Haltung. Um seine Aggression auf den Vater / Freud zu binden, würde dieser zur Mutter umgedeutet und wäre dadurch kein Rivale mehr. Folgt man Groddecks Urphantasie, die Mutter sei vom Vater kastriert (vgl. G25), wäre Freud, von Groddeck zur Mutter gemacht, kastriert. Aber der Wunsch, den Vater zu kastrieren, wird sicher mit der eigenen Kastration bestraft, mutmaßt Groddeck im Buch vom Es.  


Freud wies die Mutterübertragung zurück. Das Unterbringen seiner Person in der Mutterreihe, in die er nicht passe, zeige, wie er der Vaterübertragung und der ödipalen Auseinandersetzung ausweichen wolle, so postwendend die Deutung an Groddeck. Freud interpretierte die Mutterübertragung als Groddecks Abwehr, wehrte aber seinerseits ab, schließlich kümmert’s die Übertragung weder, ob sie dem Übertragungsobjekt passt noch ob sie zu ihm passt. Demzufolge kann man sich ihr nicht entziehen. Groddeck: „Aber das Wesentliche, das Übertragen selber ist ein Reaktionsvorgang im Kranken, in der Hauptsache ist es dem Einfluß des Arztes entzogen.“ (Buch vom Es, 140). Allerdings seien Übertragung und Widerstand des Patienten von der jeweiligen Person des Arztes und seinem Verhalten mitbestimmt. Wie auch immer: Weder als Deutung der Abwehr noch als abwehrende Deutung hat sie etwas bewirkt. Groddecks Ambivalenz löste sich nicht auf, ganz im Gegenteil.


 


Auffällig ist, wie schnell die Kollegen seinerzeit mit Übertragungsdeutungen zur Hand waren und überdies immer nach dem Papa/Mama-Schema. Falls dem so war, so lag zumindest eine multimodale Übertragung vor: mal Papa, mal Mama. Groddeck erweitert dieses Schema, wenn er an Ferenczi schreibt: „So nimmst du zum Beispiel an, daß zum Gelingen der Analyse die Vaterübertragung notwendig ist. Aber warum soll die Mutterübertragung oder die der Gespielen oder die der Milchflasche oder des Rhythmus oder der Gummipuppe und der Klapper weniger nützlich sein?“ (GG2). Wieso also immer Vater oder Mutter? Ferner lässt sich die Übertragung, die Frage, wer ist der andere, nur aus den verhandelten Themen oder der Szene erschließen. Legt man mal probehalber das „Szenische Verstehen“ (Lorenzer) und die in den Briefen verhandelten Themen an, die jedem Mitspieler seine Rolle zuweisen, so ließen sich andere Übertragungskonstellationen ausfindig machen, z.B. eine Geschwisterübertragung. Bei Durchsicht der autobiographischen Notizen Groddecks gewinnt man den Eindruck, dass seine älteren Geschwister für sein Seelenleben von besonderer Bedeutung waren. Seine Abneigung gegen Theorie, Begriff und Definition, - „Groddeck lehnte jede System­bildung und das Korsett (kursiv T.E.) einer wissenschaftlichen Psychoanalyse ab“ (Giefer, 2006, 15), könnten einen biographischen Hintergrund haben, wie folgende Stelle nahelegt: „Wie so oft waren es Namen, an die sich unbequeme Erinnerungen anknüpften. Das Wort Ärmelkanal störte mich; es erinnerte an lästiges Anprobieren neuer Anzüge. Neue Anzüge ist in dem Sinne zu verstehen, daß irgendwelche ausgewachsenen Anzüge meiner älteren Brüder für mich zurechtgemacht wurden, ein Schicksal aller Nesthäkchen; der Gram über diese Zurücksetzung ist wohl der Grund für meine Gleichgültigkeit gegen meine Kleidung, es lohnte sich nicht, mit halbabgetragenen Sachen sorgfältig umzugehen oder Staat damit zu machen. Am wenigsten behagte mir aber, daß endlose Zeiten damit hingebracht wurden, den Sitz der Ärmel zu erproben.“ (Lebenserinnerungen, 382). Könnte sein, dass Groddeck nicht die psychoanalytischen „Anzüge“ (Theorien, Definitionen, Begriffe – das Korsett) des älteren Bruders Freud und anderer Kollegen auftragen und sich in die Ärmel der psychoanalytischen Institutionen einpassen lassen wollte? Freud: „Warum Sie sich bei der Annahme unserer termini als Märtyrer vorkommen, durchschaue ich nicht ganz“ (F10). Groddeck wollte seinen eigenen Anzug tragen. Alles andere hätte er als gramvolles Zurückgesetzwerden, als Martyrium empfunden, wie auch folgendes Bekenntnis nahelegt: „In jenen zwölf Jahren, die ich die Fastnachtsspiele miterlebte, änderte sich freilich in mir viel: ich verlernte das Jasagen, wurde absprechend und fand es geschmackvoll, zu kritisieren. Es hat viele Jahre gebraucht, ehe der Groddecksche Teufel des Besserwissens wieder ausgetrieben war. Als ich heranwuchs, verzehrte mich die Sehnsucht, selbst zu spielen aber ich bin nicht dazu gekommen: nur die Hauptrolle fand ich meiner würdig, und auch um die wollte ich mich nicht bewerben; sie sollte mir angetragen werden.“ (Lebenserinnerungen, 364). Es ist dieser Wunsch, der so stark gewesen sein könnte, dass er sich posthum bis ins Jahr 2006, der Herausgabe des Briefwechsels mit Ferenczi unter dem Titel Groddeck-Werke hat durchsetzen können. Die Hauptrolle, die des „Wunderdoktors“, gab sich Groddeck selbst, als sein Vater mit einer Cheyne-Stokesschen Atemstörung im Todeskampf lag: „Durch irgendeinen Zufall kam ich darauf, meine Daumen, sobald die Atemstörung auftrat, tief in den Zwischenraum der hinteren Nackenmuskeln einzubohren, so daß der Wirbel gedrückt wurde. Solange ich den Druck fortsetzte, blieb das Phänomen der Atemstörung fort, ja zuweilen gelang es, das lästige Symptom für Stunden zum Verschwinden zu bringen. Der Erfolg berauschte mich, ich war noch zu unerfahren, um auch nur zu ahnen, daß es sich um einen Beobachtungsfehler und um eine falsche Schlußfolgerung handelte. Ich glaubte fest daran, daß ich eine große Entdeckung gemacht hätte, und was das Bezeichnende dabei ist, ich behielt diese Entdeckung für mich. Mein Bruder hatte sich aus irgendwelchen Büchern meines Vaters darüber unterrichtet, was das Phänomen der Cheyne-Stokesschen Atmung bedeutete, und er hatte mir seine Kenntnisse mitgeteilt. Ich wußte daher, daß er nichts von meiner Entdeckung ahnte, und ich genoß die Illusion der Überlegenheit. Damals hat sich in mir die Idee festgesetzt, eine Art Wunderdoktor zu sein, und dieser Idee, diesem unbedingten Glauben an meine Kraft verdanke ich einen großen Teil meiner Erfolge.“ (Lebenserinnerungen, 405). Ein beeindruckend offenherziges Zeugnis für die Verquickung von Biographie und beruflichem bzw. berufspolitischem Werdegang.


 


Insbesondere die Sorge um die Priorität, die Frage, wer war der Erste, lässt eine Mama/Papa-Übertragung fraglich erscheinen. Sie ist vorrangig intra­generationeller Natur. Bezeichnenderweise ist sie Thema der Zwillingsforschung und des Sports. Dort macht es weder Sinn, sich mit der älteren noch mit der jüngeren Generation zu messen. Am 5.6.17 schreibt Freud an Groddeck: „Möchte ich also beide Hände nach Ihrer Mitarbeiterschaft ausstrecken, so stört mich der eine Umstand, daß Sie den banalen Ehrgeiz, der originell sein will u nach Priorität strebt, wie es scheint, so wenig überwunden haben. Wenn Sie der Selbständigkeit Ihrer Erwerbungen sicher sind, wozu soll Ihnen dann noch die Originalität dienen? Übrigens können Sie in diesem Punkte sicher sein? Sie sind doch gewiß 10 oder 15 viel­leicht 20 Jahre jünger als ich (1856 geb.). Können Sie nicht die leitenden Ideen der ΨA auf kryptomnestischem Weg aufgenommen haben? […] Was kann das Ringen nach Priorität gegen eine ältere Generation überhaupt wert sein?“ (F1). Eben – nichts! Das Ringen um Priorität ist, will man es familialisieren, allenfalls ein Kinderzimmerthema, aber kein intergenerationelles. Und dort gab es für Groddeck Grund genug zu Gram: „Er (Groddecks Vater, T.E.) hat mich früh an das Schachbrett gesetzt, ich habe auch Freude an dem Spiel gehabt, habe es aber nie weit gebracht. ‚Patilechen, Patilechen (Spitzname Groddecks, T.E.), Du spielst so schlecht das Mühlechen; noch schlechter aber spielst du Schach. Ach!’ Den Vers fand ich einmal mir zum Hohn auf einem Osterei und grämte mich schwer darüber. Natürlich hatte der böse Bumi, mein ältester Bruder, den Spottvers gemacht.“ (Lebenserinnerungen, 374). Der „Prioritätswahnsinn“, wie Groddeck es nennt, dürfte also eher eine Geschwisterthematik denn eine Elternthematik signalisieren, zumal Groddeck auch Prioritätsprobleme mit Ferenczi ausfocht und sich überdies bei Freud über die seine Gedanken stehlenden Kollegen beklagte. Mittlerweile habe ihn die Tatsache ungeduldig gemacht, dass von seinen eingebildeten Entdeckungen eine nach der andern von Freud oder seinen Mitarbeitern veröffentlicht würde. Im Innersten sei er davon überzeugt, innerhalb der nächsten zwei Jahre werde irgend jemand das Christusthema behandeln, und er verfalle noch oft in den „Prioritätswahnsinn“ (G9). Groddeck befasste sich seinerzeit mit der Deutung der Kreuzigung. Es klingt, als hätte Groddeck befürchtet, bei dieser Thematik in einen regressiven, vielleicht paranoiden Zustand zu geraten. Das Prioritätsthema verfolgt ihn. Auch Schicksal aller Nesthäkchen?


Nur am Rande: Wie man sich den von Freud erwähnten „kryptomnestischen Weg“ vorstellen darf, beschreibt Groddeck auf seine Weise unnachahmbar körpernah: „ […] ich bin eine Verdauungsmaschine, die fremde Gedanken aufnimmt und sie nach gehöriger Verarbeitung als Wurst wieder von sich giebt, so daß schon viel Arbeit und Kenntnis dazu gehört, um diesen und jenen Bestandteil in seiner früheren Form zu erraten.“ (GG2). Auf diesem ins Sinnlich-konkrete gewendeten „kryptomnestischen Weg“ dürfte so manches sog. „Neues“, nicht nur in der Psychoanalyse, entstanden sein.


 


VI.


Die Mutterübertragung, die der Gespielen, der Milchflasche, des Rhythmus, der Gummipuppe, der Klapper, warum sollten sie zur Übertragung weniger nützlich sein? Ja, warum nicht. Seit Winnicott wissen wir um deren Bedeutung. Letztlich aber geht es im Briefwechsel zwischen Groddeck und Freud,  ansatzweise auch in dem mit Ferenczi, um etwas anderes: um die Projektion des Ichideals, mithin um eine narzisstische Übertragung. Freud warnt Groddeck vor dessen Narzissmus: Er spricht vom „banalen Ehrgeiz“, nennt ihn sogar einen ung­ebändigte(n) Ehrgeizige(n), der doch irgend einmal aufspringe und zum Schaden der Wissenschaft wie seiner eigenen Entwicklung Eigenbrötler würde (F1). Und später: Als „warnendes Exempel“ winke in der Ferne „ein gewisser, allzu schrankenloser – dabei sehr unbeständiger – W. Stekel.“ (F15). Stekel, so wurde damals vermutet, habe Fallgeschichten erfunden. Der „unbeständige Stekel“ - das könnte ein brauchbares Bild für die narzisstische Übertragung Groddecks sein. Tatsächlich sucht das Ichideal ständig nach neuen, idealisierbaren, aber eben austauschbaren Objekten, die, haben sie ihre Funktion erfüllt, fallengelassen werden. So erging es Groddecks Freund Ernst Rönsch, mit dem er unzertrennlich gewesen sei, aber „als er mir nichts mehr zu geben hatte, löste ich mich von ihm, und die eigene Treulosigkeit habe ich mir immer verziehen.“ (Lebenserinnerungen, 287). Auch Ernst Schweninger erging es so: „Auch ihn habe ich, als ich es aufgab, den Arzt in mir weiter in die Höhe zu treiben, und statt dessen mir selber zu leben begann, ohne Bedenken verlassen und ohne Reue.“ (ibid.). Die Suche nach idealisierbaren Objekten macht die Übertragung „unbeständig“ und multimodal, ähnlich multimodal, wie das Selbst Groddecks identifiziert gewesen zu sein scheint. Für ihn war Programm, mal männlich, mal weiblich, mal Kind zu sein.


Der Vergleich mit Stekel konnte Groddeck nicht kalt lassen. Er saß wie eine treffende Deutung und sorgte bei Groddeck für anhaltenden Verdruss. Freud spürt dies und vermutet, irgendein „Läuslein“ sei Groddeck über die Leber gelaufen (F24). Das Diminutiv aber macht’s nur noch schlimmer – es dürfte Groddeck an den Spottvers des Bruders erinnert haben – und er korrigiert verärgert und gekränkt: „eine gewaltige Laus“. Die Laus begann zu laufen, als Freud ihn vor anderthalb Jahren (Juli 1921) mit Stekel verglich. Sollte Freud das vergessen haben? Groddecks Kritik an Freud verschärft sich: „Daß Sie kein Gefallen an dem Buch vom Es haben, weiss ich. Ich habe aber nie begriffen, warum Sie es mit den Stekelschen Büchern zusammengeworfen haben. Der Ausdruck: Es-Mythologie bringt mich auch nicht weiter, ich kann ihn ebenso gut als Compliment wie als Tadel auffassen.“ (G42). Er, Freud, sei kein Leser im üblichen Sinne des Worts, so Groddeck, sondern Freud und als solcher täte er doch vielleicht besser, die Torheiten seiner Anbeter nach­sichtig zu beurteilen. Und weiter: „Ebenso wie Ihre Anerkennung belebt, tötet Ihr Tadel.“ Tadel ist tödlich für den Narzissmus. Die Ehre stand auf dem Spiel. Hier die Retourkutsche: „Wenn ich mir die Leistungen der psychoanalytischen Literatur in den letzen Jahren ansehe, finde ich dort dieselbe Monotonie, die Ihnen aus der Es-Mythologie entgegenklingt, nur in einer andern Tonart. Warum billigen Sie mir nicht die Milderungsgründe zu, die Sie Andern zuwenden?     […] Ich bin eitel genug, aus Ihrem jahrelangen Schweigen über meine Tätigkeit eine Folgerung zu ziehen, die etwa so lautet: Der Groddeck hat eine brauchbare Idee, aber die Art, wie er sie vorbringt, kann ich – Freud nicht billigen; er muss und wird sich allein weiter helfen. Das ist ehrend für mich, aber es schmerzte lange und tief.“ (ibid.). Das war im September 27. Der nächste Brief von Freud kam erst 3 Jahre später. Was Groddeck als so tödlich empfand, formuliert er bereits 1925 in Grundsätzliches über Psychotherapie: „Die Folge davon ist, daß mein Buch vom Es für alle die unverständlich ist, die die spätere Freudsche Bezeichnung angenommen haben.“ Hier würde erneut sichtbar, so der Herausgeber zurecht, wie sehr Groddeck die Aneignung und Veränderung des Es-Begriffs durch Freud getroffen hat. Tödlichen Tadel dürfte Groddeck auch befürchtet haben, hätte er sich auf das Spielfeld der Institutionen begeben und dort Ämter übernommen. Aber Karrieren, an der Universität oder innerhalb der psychoanalytischen Bewegung vermied Groddeck. Sie hätten von ihm, so der Herausgeber, „Unterwerfung unter Gesetze“ gefordert. Er wollte sich nicht festlegen, wie sein Widerstand, seine „Scheu vor terminis technicis“ (G12) zeigt: „Nach und nach aber ist mir das Verständnis für die Definition verlorengegangen, so daß ich mir Mühe geben muß, ihren Sinn zu begreifen. Und oft genug gelingt mir das nicht. Da hat sich eine Schranke erhoben, die mir ein gut Stück Welt zusperrt. […] Mit andern Worten, ich sehe die Grenzen zwischen den Dingen nicht, sondern nur ihr Ineinanderfließen. Das ist ein Fehler, aber auch ein großer Vorzug. Systematische Köpfe brauchen zu ihrer Geltung auch Leute meines Schlags, wie ein bißchen Pfeffer denn gar nicht zu verachten ist.“ (G17). Eine klare Ansage. Groddeck betreibt hier Selbstidealisierung, idealisiert die Fusion - deshalb die Mutterübertragung. Er fühle sich in der Imago des Mutterleibes mit seinem Dunkel wohl, schrieb er ja an Ferenczi (GG2). Der Mutterleib ist der einzige Ort auf der Welt, an dem Kränkendes nicht zu befürchten ist. Hier ist die Fusion mit dem Ichideal gewährleistet. Grunberger spricht von „Monade“. Um in Groddecks Bild zu bleiben: Dort muss man nicht die Anzüge des Bruders tragen. Getrenntheit, wie sie Begriffen, Theorien, Definitionen oder dem Ödipalen inhärent ist, ist Groddecks Sache nicht. „Aber als Äquivalent hat sich in mir der Wunsch festgesetzt, die Inzestschranken zu ignorieren, keine Grenzen zwischen mir und den Groddecks aufkommen zu lassen.“ (G17). Der Herausgeber: „Er wollte sich nicht den Gesetzen der väterlichen Welt unterwerfen. Er blieb das zwiegeschlechtliche, geschlechtslose Kind, das zahllose Ideen produzierte, mit seinen Symboldeutungen und assoziativen Einfällen Zugänge zu unbewussten Schichten öffnete“ (Giefer, 2008, 39). Groddeck analysiert sich selbst: „Ich bin der Universitätskarriere, die mir unter den günstigsten Verhältnissen offenstand, ebenso ausgewichen wie der psychoanalytischen Karriere, die sich mir während des Kongresses darbot. Es liegen in mir starke Impotenz­komplexe, die ich auf Ödipusneigungen zurückführe.“ (G25). Der Herausgeber schließt sich dieser Sicht an: „Auf dem Hintergrund nicht ausreichend gelöster ödipaler Konflikte jedoch war diese Beziehung zum Vater mit viel Am­bivalenz behaftet“ (2008, 35). Aber sind das Merkmale einer Ödipusneigung? Das sind doch eher Merkmale einer narzisstischen und eher präödipalen Problematik, wie sie Grunberger in Das Kind in der Schatztruhe und die Vermeidung des Ödipus (1966/1976) beschrieben hat. Es dürfte sich um die uralte Abneigung Groddecks gegen die Taufe handeln, wie er in seinen Lebenserinnerungen bekennt: „Und Taufen erinnert schrecklich an neugeborene Kinder, an das Furchtbarste, was es für einen Jüngsten gibt. ‚Beuge dein Haupt, stolzer Sigambrer!’ Mein Herz konnte es nicht fassen, daß jemand so verworfen sein konnte, eine solche Forderung zu stellen. Im wesentlichen ist das meine Auffassung geblieben.“ (Lebenserinnerungen, 385). Man könnte natürlich die Konkurrenz um die Theorie, z.B. die des Es usw. als Konkurrenz mit dem Vater um die Mutter verstehen. Ich denke aber, Groddeck war narzisstisch verliebt, weniger in Freud als in Freuds Theorie, die er ja eigentlich als seine eigene betrachtete. Freud war für ihn als „innigst geliebter Mensch“ wohl mehr Selbstobjekt. Allerdings hatte Freud, schon schmerzhaft an Zungenkrebs leidend,  Groddeck gerade sein Bild geschickt, was diesen zu seiner emotionalen Anschrift im Brief von 1930 veranlasst haben mag. Aber im gleichen Brief sieht Groddeck bei sich eine ‚Gottähnlichkeit’, vor der ihm bange sei. Auch Giefer betont die narzisstische Seite des Übertragungsgeschehens: „Als eine Lösung für diese widerstrebenden Tendenzen bot sich ihm (Groddeck, T.E.) die Einnahme einer kind­lichen Haltung. Eine liebevolle Unterwerfung, verbunden mit dem Geschenk der Psychoanalyse bei somatisch Kranken, eröffnete sich ihm als Weg, mit seinen Neid- und Prioritätsproblem umzugehen, nachdem er Freuds Werk kennengelernt und mit seinen eigenen psychoanalytischen Entdeckungen verglichen hatte. Als Freud sein Geschenk annahm und ihn im Kreis der Analytiker willkommen hieß, setzte bei Groddeck eine starke Ideali­sierung ein, durch die die Vernichtungswünsche gegenüber dem Rivalen, der zuerst da gewesen war (kursiv T.E.), zusätzlich abgewehrt werden konnten. Allerdings unterwarf er sich nicht ganz, behauptete seine Originalität, wobei ihm die Einnahme der kindlichen Haltung zusätzlich hilfreich war. In ihr konnte er nicht nur in Größenphantasien (kursiv T.E.) schwelgen, sondern auch Ideen und Phantasien hervorbringen und diese in der Realität spielerisch ausprobieren. Dadurch stand er nicht wie Freud unter dem Zwang, wissenschaftliche Begründungen für seine Entdeckungen und Gedanken liefern zu müssen“ (2008, 35).


Groddeck schien stets zwischen Minderwertigkeitgefühl und Größenphantasie hin und her zu pendeln. Das dürfte der eigentliche Grund seiner Ambivalenz gewesen sein. Mal dürfte er mit seinem Ichideal,  mal mit seinem Ich identifiziert gewesen sein, das sich feindselig gegen sein Ichideal verhielt, wie der herbe Brief an seine Frau ahnen lässt. Offenbar verfügte Groddeck jedoch – anders als „Tante Anna“ - über einen objektoffenen Narzissmus. Dieser ließ außer ihm selbst auch noch Freud und Ferenczi zu. Er sah sich nicht alleine im Mittelpunkt der Welt stehend, will nicht der Einzige, aber gleichwohl der Erste sein. Zwar wird die Psychoanalyse kritisiert, Freud selbst davon aber ausgenommen. „Ich gestehe offen ein, daß Freud, auf dessen Wirken die ganze Bewegung zurückzuführen ist, unsre Kenntnisse des Seelenlebens in hohem Grade bereichert hat. Auch die Berechtigung und die verblüffenden Erfolge dieser Behandlung im geeigneten Fall und durch den geeigneten Arzt sind ohne weiteres anzuerkennen“, so in Nasamecu (1913) und im bereits erwähnten Brief vom 12.11.22 an Ferenczi meint er ja, der Prozess des Gesetzemachens sei schon so weit vorgeschritten, dass nur noch Zweifler Wesentliches entdecken könnten, zu denen er Freud, Ferenczi und sich selbst rechnete. Beide und er selbst sind sein Ichideal.


So überrascht auch Groddecks Hang zu narzisstische Wut nicht. Auf dem VII. Inter­nationalen Kongress im September 1922 in Berlin teilt Freud am Vormittag des 26. in seinem Vortrag Etwas vom Unbewussten mit, er werde demnächst (in Das Ich und das Es)  neue Einsichten hinsichtlich des Unbewussten ausführlich darlegen. Groddeck wollte am gleichen Tag über eine Erweiterung des Begriffes „Unbewusst“ sprechen und seinen Es-Begriff vorstellen. Freud hatte sich jedoch Groddecks Begriff angeeignet und ihn, für sein neues psychisches Modell verändert, öffentlich vor­gestellt. Am nächsten Tag erkrankte Groddeck, nachdem er zuvor eine heftige und wütende Auseinandersetzung mit Hans von Hattingberg angezettelt hatte. Die »sinnlose Wut« entlud sich nicht gegen Freud, sondern stellvertretend gegen Hattingberg. Das ist aber wohl nicht im Sinne einer Verschiebung zu verstehen, sondern Ausdruck einer Beliebigkeit, wie sie der narzisstischen Wut eigen ist. Sie entlädt sich „sinnlos“ gegen das nächstbeste erreichbare Objekt. Die Wut Groddecks  musste heftig sein, wie seine Erkrankung zeigt. Er selbst verstand Erkrankungen und ihre Symptome als Widerstand des Es gegen unerträgliche Begrenzungen - sein Problem mit Freud. „Groddeck muss sich in seinem Narzissmus stark verletzt gefühlt haben, wurde ihm doch die Priorität genommen, als Erster vor der psychoanalytischen Öffentlichkeit über die Erweiterung des Unbewussten zu sprechen und seinen Es-Begriff zu erläutern. Sein Kind, das Es, war vom Paten geraubt und für eigene Zwecke missbraucht worden.“ (Giefer, 2008, 28). Drei Monate später, im Brief von Weihnachten 1922, nahm Freud kurz Bezug auf diesen Raub: „Erinnern Sie sich übrigens, wie frühzeitig ich das Es von Ihnen angenommen habe? Es war, lange ehe ich Sie kennen gelernt hatte, in einem meiner ersten Briefe an Sie […] Ich denke, Sie haben das Es (literarisch, nicht asso­ziativ) von Nietzsche hergenommen. Darf ich das auch so in meiner Schrift sagen?“ Freud wusste: er stand mehr in Groddecks Schuld, als er in Das Ich und das Es (1923b) bekannte. Auch hinsichtlich der Fragen von Ichentwicklung, den unbewussten Ichanteilen und den unbewussten Schuldgefühlen seien ihm Groddecks Ideen anregend gewesen, schreibt der Herausgeber. Freud habe jedoch Groddecks Es-Begriff nicht einfach übernehmen können, da er ihm zu spekulativ, zu wenig begründet und undifferenziert erschien. Trotzdem hätten Groddecks Erweiterungen des Unbewussten zur Entwicklung von Freuds neuem Strukturmodell von Es, Ich und Überich von 1923 beigetragen. Sein Es-Begriff sei gezähmter als der von Groddeck, so wie Freud immer seine eigenen spekulativen Seiten zu zähmen verstanden habe, die er aber, weitge­hend insgeheim, bei Groddeck habe schätzen können, fand er doch darin Anteile von sich selbst wieder. Eine Spiegelübertragung, eine narzisstische also zwischen Freud und Groddeck? Mit der Frage: „Erinnern Sie sich übrigens […]“ spielt Freud die affektive Situation Groddecks herunter und verniedlicht sie wieder. Die Berliner Kränkung hat Groddeck nie vergessen, zumal Freud eine oben draufsetzt: Nietzsche wird zum Schöpfer des Es-Begriffs er­klärt, eine Behauptung, die bis heute nicht geklärt ist. Folglich antwortet Groddeck darauf nicht, zumal die Missachtung seiner Erkenntnisse seitens der meisten Psychoanalytiker ihn kränkte. Die Psychoanalyse organischer Erkrankung wurde von den wenigsten Kollegen aufgegriffen und die in den Vierziger Jahren aufstrebende Psycho­somatik nahm keinen Bezug auf ihn. Erst in den Sechziger Jahren wurde er wiederentdeckt.


 


VII.


Beide Bände gehören in den Bücherschrank eines jeden Analytikers, enthalten sie doch eine Fülle wertvoller mitunter auch skurriler klinischer Beobachtungen nebst behandlungstechnischer Überlegungen und Hinweise. Sie sind aber auch von Interesse für den Laien, der sich mit Psychoanalyse befasst, da sie nicht nur psychoanalysegeschichtlich sondern auch wissenschaftshistorisch bedeutsam sind, zeigen sie doch die Prozesse, in denen Erkenntnisse entstehen. Überdies sind sie eine Fundgrube für alle, die an kleinen, durchaus auch sarkastischen Feinheiten ihren Spaß haben. Einige Kostproben: „Der Analysator braucht gar keine überragenden Fähigkeiten zu haben; er kann dümmer sein als der Analysierte und kann an ihm doch Dinge entdecken, für die er selbst blind war.“ (SF10), oder: „Vom Seelensucher höre ich hie und da etwas. Aber das hübscheste sind die Erfahrungen, die ich bei meinen nächsten Freunden mit dem Buch mache. Sie verstecken es sorgfältig.“ (G16). Schließlich: „Daß wir unsere eigenen Komplexe in wissenschaftliche Entdeckungen projizieren, versteht sich von selbst. Wie sollten wir sonst auch nur das Geringste entdecken?“ (GG2).


 


Literatur


Freud, S. (1923b): Das Ich und das Es. G.W. Bd.13, 237-289


Groddeck, G. (1970): Lebenserinnerungen. In: ders., Der Mensch und sein Es. Briefe, Aufsätze, Biographisches. Limes Verlag, Wiesbaden, 267-407


Grunberger, B. (1966): Das Kind in der Schatztruhe und die Vermeidung des Ödipus. In: ders., Vom Narzißmus zum Objekt. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1976, 295-317


Reiners, L. (1991): Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa. C.H. Beck, München


 


© Thomas Ettl


 


 

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24.08.2011 15:36:27
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August, 2011
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